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Riesen-SUV Atlas von VW

Der muss leider draußen bleiben

Von Boris Schmidt
 - 15:47
Der Atlas von Volkswagen Bild: Hersteller, F.A.Z.

Amerika, du hast es besser. Dieses Goethe-Zitat ist zu schön, um es nicht hin und wieder aus der Versenkung zu holen. Verallgemeinern darf man es gerade in diesen Tagen natürlich nicht, wir beziehen es jetzt einmal nur auf den Neuwagenmarkt. Denn in den Vereinigten Staaten sind vergleichbare Autos generell billiger als in Deutschland, es gibt längere Garantien und dazu interessante Autos, die bei uns gar nicht erst angeboten werden. Eines davon ist der VW Atlas, der in diesem Sommer sein Debüt feierte. Gebaut wird er ausschließlich im Volkswagenwerk Chattanooga in Tennessee, von dort aus wird er auch in die Welt exportiert (China, Russland), aber nicht nach Europa.

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Der 5,04 Meter lange Riese, der dennoch auf der gleichen MQB-Plattform sitzt wie der Polo, wäre wohl eine zu große Konkurrenz für den Touareg, den verlängerten Tiguan oder auch den Škoda Kodiaq. Schade eigentlich, denn der Atlas würde in Europa gewiss eine Menge Käufer finden. Vor allem, wenn er einen ähnlich moderaten Basispreis hätte wie in Amerika. Schon mit 30.500 Dollar geht es los, einige Händler unterbieten das sogar. Allerdings gibt es dafür „nur“ einen Zweiliter-Turbovierzylinder mit 238 PS und Frontantrieb in der niedrigsten von fünf Ausstattungsstufen.

Mehr her macht der 3,6-Liter-Motor (VR6), der wahlweise auch mit einem intelligenten Allradantrieb zu haben ist. Andere Motoren gibt es nicht. Mit VR6 beginnen die Preise bei 31.900 Dollar als Fronttriebler, mindestens 33 700 Dollar kostet der Allradler. Für den nahezu voll ausgestatteten Atlas „V6 SEL Premium 4Motion“ sind dann allerdings 48.490 Dollar die unverbindliche Preisempfehlung. Zum Vergleich: Der etwas kleinere VW Touareg kostet in Deutschland mindestens 54.400 Euro, mit einem 3,0-Liter-V6-Diesel und 204 PS. Und es gibt keine sechs Jahre Garantie.

Gefallen hat uns die ehrliche Angabe des Durchschnittsverbrauchs von 5,3 Gallonen Benzin auf 100 Meilen, umgerechnet sind das 12,6 Liter auf 100 Kilometer. Nun, so durstig war der Atlas gar nicht. Wir kamen im Schnitt sogar auf „nur“ 10,9 Liter auf 100 Kilometer, natürlich begünstigt durch die strengen Tempolimits in den Vereinigten Staaten und Kanada. Schneller als Tacho 120 km/h sind wir nie gefahren. In der Stadt durften es auch mal 13,7 Liter „Regular“ (Normalbenzin mit 87 Oktan) sein. In Deutschland auf der Autobahn bei schnellerer Fahrt wären gewiss 14 bis 15 Liter auf 100 die Regel.

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Der größte Trumpf des Atlas ist sein Platzangebot. Drei Sitzreihen sind Serie, die asymmetrisch geteilte mittlere Bank ist um 20 Zentimeter verschiebbar, dass sieben Personen tatsächlich kommod sitzen können oder die Mittelbänkler riesige Beinfreiheit genießen, wenn sie ihre Bank ganz nach hinten schieben. Als Fünfsitzer hat der Atlas ein Kofferraumvolumen von gut 1500 Liter bis unters Dach, als Zweisitzer sind es sogar 2740 Liter. Die ebene Ladefläche ist länger als zwei Meter, man könnte locker im Wagen schlafen.

Die Automatik wird europäisch über einen Wählhebel in der Mittelkonsole bedient

Vorne findet sich das auch Europäern mittlerweile vertraute digitale VW-Cockpit (nur im SEL Premium), Smartphones können integriert werden (Apple und Android), die Staubox zwischen dem Fahrer und dem Beifahrersitz ist riesig, die Automatik wird europäisch über einen Wählhebel in der Mittelkonsole bedient, nicht mit einem Hebelchen am Lenkrad, wie es die Amerikaner und Mercedes-Benz so gern mögen. Im Topmodell sind unter anderem ein riesiges Glasdach, das zur Hälfte geöffnet werden kann und eine Anhängerkupplung serienmäßig. Die Anhängelast ist jedoch für ein so großes Auto dürftig: 2250 Kilogramm.

Dem amerikanischen Verkehr ist der Atlas locker gewachsen, die Lenkung ist hinreichend präzise, die Achtgang-Automatik von Aisin aus Japan schaltet sanft und kaum merkbar. Der Allradantrieb ist völlig unauffällig, im Straßenbetrieb werden in der Regel nur die Vorderräder angetrieben, die hinteren kommen erst ins Spiel, wenn es die Elektronik für nötig erachtet. Jedoch tut sich der Motor bei voller Beladung bergauf schon schwer, man fragt sich plötzlich, ob er tatsächlich ein maximales Drehmoment von 360 Newtonmetern hat. Sonst ist der Motor schön leise, er säuselt so vor sich hin. Zu den angebotenen Assistenten gehört eine Rückfahrkamera, die nicht von Ungefähr in allen Modellen serienmäßig ist: Eine solche Kamera wird in Amerika am 1. Mai 2018 für alle Neuwagen verpflichtend.

Anderes wie den adaptiven Tempomaten, den Front Assist, den Totwinkelwarner und die Spurhaltekontrolle gibt es nur in den Topmodellen SE Tech, SEL und SEL Premium. Der Front Assist, der vor Kollisionen warnen soll und auch selbst bremst, alarmierte hin und wieder ohne Not. Außerdem foppte uns einmal die Reifendruckkontrolle. Abstriche machen muss man zudem bei der Anmutung des Innenraums. Da bleibt schon noch ein gewisser Abstand gegenüber einem Top-Touareg.

Jetzt noch einen Dieselmotor, und der Atlas würde in Europa gewiss ein großer Erfolg. In Amerika sind die ersten Absatzzahlen vielversprechend, mehr als 5300 Atlas wurden schon verkauft. VW of America hat sich für 2018 einiges vorgenommen, es gilt nach dem Diesel-Skandal einiges gutzumachen. Der Atlas soll einer der Helfer sein, um VW zurück auf die Spur zu bringen. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen insgesamt 322 948 Autos abgesetzt, das waren 7,6 Prozent weniger als 2015. Allerdings war 2016 nach dem Verkaufsstopp kein einziges Diesel-Modell mehr darunter, zuvor hatte jeder vierte in Amerika umgeschlagene Volkswagen einen Selbstzünder unter der Haube. 2017 liegt die 1955 gegründete VW-Tochtergesellschaft mit knapp 220 300 Neuwagen bis Ende August im Vorjahresvergleich um 6,4 Prozent im Plus. Ziel ist es, bis 2020 wieder schwarze Zahlen zu erreichen, die abgesetzten Stückzahlen sollen mittelfristig verdoppelt werden.

Wer den Atlas in Europa fahren will, der kann sich auf das Abenteuer des Selbstimports einlassen. Oder er kauft bei freien Importeuren, zum Beispiel der „US-Mobile.de ltd“ in Untergruppenbach bei Heilbronn. Dort kostet ein Atlas wie der hier beschriebene allerdings rund 65.000 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Frank Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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