Yamaha mit zwei Vorderrädern

Schräg drauf, diese Niken!

Von Walter Wille
 - 14:50

Motorradfahrer müssen bald ganz tapfer sein. Es wird passieren, dass etwas Merkwürdiges hinter ihnen auftaucht, im Rückspiegel immer größer wird und schließlich die Exekution vornimmt. Je nach Temperament wird sich der Motorradfahrer wehren. Ist es vorbeigezogen, wird er beim Anblick des nun von hinten sichtbaren Objekts realisieren, was soeben geschehen ist: Er wurde von einem Dreirad überholt.

Yamaha nennt es Niken. Ein mutiges Konzept, ein gewagtes Design, ein vielsagender Name. Der setzt sich zusammen aus den Begriffen Ni (zwei) und Ken (Schwert). Zwei Schwerter also. Seit die Japaner vorigen Herbst auf dem Mailänder Salon ihre Niken der Öffentlichkeit zeigten, hält sich der Irrglaube, es handele sich um ein Anfänger- und Angsthasenmotorrad. O nein, das ist es nicht.

Nicht zwei Schwerter, aber zwei Vorderräder sind die Besonderheit der neuen Yamaha, die jetzt für eine erste Probefahrt zur Verfügung stand. Üblicherweise finden solche Veranstaltungen in sonnigen Gegenden statt, in denen Wohlfühl-Bedingungen und makelloser Asphalt zu erwarten sind, damit sich die Fahrzeuge von ihrer besten Seite präsentieren können.

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Anders in diesem Fall. Yamaha wählte statt Andalusien das Alpine, baute in die knapp 300 Kilometer lange Route Passstraßen ein, über die Schmelzwasserbäche liefen, üble Holperpisten zudem, hoffte zwar auf Sonnenschein für schöne Fotos, aber auch auf den einen oder anderen Schauer sowie niedrige Temperaturen in den Hochlagen. Genau so kam es, mit einem Wolkenbruch als Zugabe.

Bei schweren Bedingungen fällt es der Niken leicht, ihre Vorteile gegenüber konventionellen Motorrädern zu demonstrieren. Zwei Vorderräder bedeuten mehr Grip, mehr Vertrauen, sind ein Mittel gegen Verkrampfung. Jeder Zweiradfahrer kennt das: Kälte und Regen vertreiben Lust und Lockerheit, auf rutschigem Untergrund geht es nur noch ums Ankommen. Rollerhersteller wie Piaggio (MP3) und Peugeot (Metropolis) setzen seit Jahren aufs dritte Rad als Sicherheitsplus.

Nichts für Autofahrer

Mit solchen Vehikeln indes hat die Niken (sprich „Naikn“) wenig gemein. Yamaha verzichtet auf den Trick einer Spurbreite von mindestens 465 Millimeter, die das Fahren mit dem Autoführerschein ermöglichen würde. Die beiden 15-Zoll-Vorderräder stehen 410 Millimeter auseinander, ein unter dem Gesichtspunkt der Fahrdynamik idealer Wert, wie die Konstrukteure meinen.

Sie haben das lange ausprobiert. Entwicklung und Tests der Neigetechnikmaschine zogen sich über Jahre hin. Was am Ende dabei herauskam, ist ohne jeden Zweifel ein Sportbike, das niemandem anvertraut werden darf, der keinen Motorradführerschein besitzt.

115 PS leistet der aus den zweirädrigen Schwestermodellen MT-09 und Tracer 900 bekannte Reihendreizylinder mit 847 Kubikzentimeter Hubraum. Mit der deutlich schwereren Niken hat das Triebwerk mehr Mühe, wirkt nicht mehr so lässig souverän. Doch es reicht allemal. In der Hand eines Geübten ist die Niken dank ihrer unvergleichlich satten Straßenlage eine Macht.

Ungetrübter Fahrspaß auch dann, wenn keine I-a-Bedingungen herrschen, lautete das Ziel der Yamaha-Strategen, hohe Stabilität beim Bremsen, beim Abtauchen in Schräglage, beim Beschleunigen, geringere Gefahr des Wegrutschens über die Front, unterm Strich weniger Stress und Ermüdung. Zahlreiche Ideen wurden geprüft, Vor- und Nachteile von Konzepten mit zwei, drei und vier Rädern abgewogen. Das Ergebnis sollte sich anfühlen wie ein Motorrad und nichts anderes. Mehr Gummi am Boden, zwei Vorderräder, eins hinten, erwiesen sich als geeignetes Mittel zum Zweck.

Bis die Fußrasten am Asphalt kratzen

Um Fahrverhalten und Vorteile der Konstruktion zu beschreiben, ziehen die Yamaha-Entwickler gern den Vergleich zum Carving im Skisport. Ganz abwegig erscheint das nicht, die mögliche Rasanz der Kurvenfahrt, der Kantengriff, der Katapulteffekt beim Herausbeschleunigen wecken solche Assoziationen. 45 Grad Schräglage lässt laut Hersteller die Neigetechnik zu.

Wer sich traut, kostet das aus, wirft das Motorrad in die Kurve und zieht durch, bis die am Asphalt kratzenden Fußrasten den Grenzbereich ankündigen. Agilität und Lenkverhalten der Niken sind famos. Motorradfahrer müssen sich in keinster Weise umstellen oder eingewöhnen, die Trägheit eines Dreiradrollers bleibt ihnen erspart.

Bremsen und Schaltassistent ausbaufähig

Erstaunlicherweise kommt auch dann keine größere Unruhe in die Lenkstange, wenn auf buckligem Weg die Räder unabhängig voneinander grobe Unebenheiten ausfedern müssen. Während unserer Proberunde bei zum Teil sehr widrigen Bedingungen gab es Situationen, in denen es mit einem normalen Zweirad brenzlig geworden wäre. Bei Hinterraddrifts in Spitzkehren etwa oder in besagtem Wolkenbruch, als der Hinterreifen der Niken ins Schwimmen geriet und das Vorderreifen-Duo glücklicherweise Haftung bewahrte und die Situation rettete.

LED-Lichtanlage, mehrere Fahrmodi, Traktionskontrolle, Bordsteckdose zählen zur Standardausstattung. Die zwar kräftige, aber stumpf agierende, nicht sonderlich feinfühlig zu dosierende Bremsanlage überzeugte uns weniger. Der Schaltassistent funktioniert nur beim Gangwechsel nach oben, in beide Richtungen wäre wünschenswert. Das allzu gewöhnlich aussehende LCD-Instrument im Cockpit wird der futuristischen Gesamtanmutung der Maschine nicht gerecht. In auffälligem Blau leuchten die Räder sowie die doppelten USD-Gabeln: Yamaha entschied sich dafür, die spezielle Technik besonders hervorzuheben, anstatt zu versuchen, sie zu verstecken.

Rund 15.000 Euro wird die Niken kosten, die Auslieferung der ersten Exemplare ist für September vorgesehen. Die Yamaha-Mannen machen kein Hehl daraus, dass sie unsicher sind, wie der Markt das schräge Ding im unorthodoxen Design aufnehmen wird. Trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis das erste im Rückspiegel auftaucht.

Quelle: F.A.S.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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