Mietwerkstatt

Altöl mit Kaffee

Von Lukas Weber
 - 06:37
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Ahmed kennt sich aus. „Brauchst du Hilfe, kostet fast nix.“ Nur 20 Euro die Stunde ist tatsächlich so gut wie geschenkt, bei solch einem Talent. Was er denn kann? Alles, sämtliche Autos und Lastwagen. Und in welchem Betrieb hat er gelernt? In Tunesien, alle Marken. Schade, beim alten Suzuki steht keine komplizierte Überholung des Getriebes an, sondern nur ein schlichter Wechsel des Auspufftopfs – wir hätten gerne dem Wunderknaben einmal auf den Zahn gefühlt, was er wirklich drauf hat. So bleibt es bei einem schlichten „Danke, vielleicht demnächst einmal“. Der Schalldämpfer ist dann in einer Viertelstunde gewechselt, bleibt noch Zeit für eine gründliche Inspektion des Unterbodens, demnächst steht der TÜV an.

Denn gemietet wird die Hebebühne stundenweise, der Hobbymechaniker schraubt also gegen die Uhr, und das mitunter flotter als die Profis mit ihren Arbeitswerten. Fast alle 20 Bühnen der Mietwerkstatt in Frankfurt sind belegt, und auf den ersten Blick scheint es, als ob die meisten Kunden ihr Freizeit-Handwerk beherrschen. „Wenn einer zur Annahme kommt, seinen Fahrzeugschein vorlegt und sagt, er wolle gern einen Ölwechsel machen, fragen wir zuerst: Haben Sie das schon mal gemacht?“, sagt Stephan Roth, der geschäftsführende Gesellschafter der Mach-es-selbst-Werkstatt. Da gebe es Leute, die unbedingt über eine der vier Gruben wollen statt das Auto anzuheben. Nicht, weil das einen Tick weniger kostet, sie trauen sich nicht allein auf die Bühne.

„Denen hilft einer unserer Mechaniker“, erklärt Roth, niemand wird mit gefährlicher Technik allein gelassen. Ahmed und die kleine Schar gebrochen Deutsch sprechender Mitbürger im abgetragenen Blaumann gehören nicht dazu. Er könne denen nicht verbieten, im zur Werkstatt gehörenden Imbiss einen Kaffee zu trinken und dann vor der Halle herumzulungern, um die Kunden anzusprechen, sagt Roth. Dass die selbsternannten Profis ihm ein Dorn im Auge sind, ist freilich deutlich zu spüren, denn Pfusch von dieser Seite ist schlecht für den Ruf.

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Der ist ansonsten gut. Die Autohobby-Mietwerkstatt im Frankfurter Stadtteil Nied ist die älteste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Firmengründer Werner Ott hat die Idee 1965 von Texas mitgebracht, Roth hat neben seiner Arbeit als Mechaniker und Karosseriespengler als junger Kerl dort jeden Samstag ausgeholfen und den Betrieb 2009 übernommen. Es sei außerdem hierzulande die größte Mietwerkstatt, sagt er, und sie habe noch ein paar andere Besonderheiten. Zum Beispiel wurde die Betriebsführung nach Iso 9001 zertifiziert. Und auf dem Firmengelände unweit des Mainufers ist die GTÜ zur Miete, zur Plakette nach getaner Arbeit könnte man das Auto also notfalls schieben. Vor allem aber steht dort auch eine professionelle Lackier- und Karosseriewerkstatt, die zum gleichen Unternehmen gehört und unter anderem Arbeiten für große Autovermieter und benachbarte Autohäuser ausführt. Sie macht inzwischen den deutlich größeren Anteil am Umsatz.

In den Hallen sind sogar Oldtimer wie ein Maserati Quattroporte aus den Sechzigern zu sehen, sie werden dort liebevoll restauriert. Für die Selbstschrauber hat die enge Anbindung der Fachwerkstatt einen Vorteil: Wenn sie nicht mehr weiter wissen, können sie ihr Auto ein paar Meter weiter den Kollegen aus der „normalen“ Werkstatt in die Hand drücken. Notwendig ist das aber nur selten, denn wenn der Bastler nicht weiter weiß, helfen bei Bedarf die fünf Techniker der Mietwerkstatt weiter, die in Personalunion Arbeitsplätze zuweisen, Ersatzteile verkaufen, Werkzeug ausgeben und ein Auge darauf haben, was die Kunden in der Halle so treiben. Beratung und Endabnahme sind gratis, wie Roth sagt, Mitarbeit gibt es freilich nur gegen Entgelt.

Das Auffangnetz für gescheiterte Selbstschrauber hat Methode. Exakt 334 Miet- oder Selbsthilfewerkstätten in Deutschland listet ein einschlägiges Portal im Internet auf (mietwerkstatt-portal.de), davon sind zehn von Frankfurt aus in einer halben Stunde erreichbar. In den meisten Fällen ist ein Meister dabei, der zumindest fachlichen Rat geben kann, allerdings nicht immer. Im Ergebnis kann fehlendes Fachwissen – wie auch beim Selbstschrauben zu Hause – zu Problemen führen, wenn an Teilen gearbeitet wurde, die für die Sicherheit im Verkehr wichtig sind. Das sind am Auto die meisten. Der Zentralverband Deutsches Kfz-Gewerbe empfiehlt deshalb grundsätzlich, Fahrzeugreparaturen in Meisterbetrieben ausführen zu lassen. Bei einem Unfallschaden würden von der Versicherung im Fall einer Do-it-yourself-Reparatur nur die Teilekosten erstattet, berichtet Ulrich Köster, der Sprecher des Verbands. Außerdem gehe die Neuwagengarantie oder auch eine Gebrauchtwagengarantie verloren, mit Kulanz des Herstellers brauche man ebenfalls nicht zu rechnen.

Deshalb schweben, wie ein Blick durch die Werkstatt zeigt, auf den Bühnen in aller Regel Autos, die schon einige Jahre und etliche tausend Kilometer hinter sich haben. Etwa ein betagter, aber gepflegt wirkender 5er BMW, an dem ein schlanker Mittvierziger gerade die Bremsen erneuert. Warum er das selbst macht? „Aus Spaß am Schrauben“, sagt Klaus – hier ist man gleich beim Du. Und ob er das gelernt hat? Eigentlich nicht, erklärt er, vormittags bringt er Kindern Deutsch und Geschichte bei. Aber er hat schon als Jugendlicher am Moped geschraubt und mit zunehmendem Alter das Hobby weiter gepflegt. „Wenn ich es selbst mache, weiß ich wenigstens, dass an meinem Auto nicht herumgepfuscht wurde“, erklärt er und verweist auf schreckliche Werkstatt-Tests, von denen zu lesen war. Und dann wird das Auto auch noch für einen Bruchteil der Kosten fertig, das ist verlockend.

Umsonst ist freilich auch die Mietwerkstatt nicht

Damit ist Klaus typisch und doch wieder nicht, denn so gut wie alle anderen Kunden, die gerade Bühnen belegen, sind Mitbürger, die vordergründig Migrationshintergrund haben. Der Ausländeranteil nehme zu, sagt Roth, und viele seiner Schrauber seien Stammkunden. Neue Autos würden tatsächlich so gut wie nie in Eigenregie repariert, nicht nur wegen der Garantie, sondern auch, weil die Technik zu kompliziert geworden sei.

Immerhin lässt sich aber am alten Auto beträchtlich Geld sparen, denn die Markenwerkstatt gibt keinen Nachlass, auch dann nicht, wenn das Fahrzeug zwei Jahrzehnte oder mehr auf dem Buckel hat, gefragt ist also eine zeitwertgerechte Lösung. Umsonst ist freilich auch die Mietwerkstatt nicht: Eine Stunde Hebebühne kostet meist zwischen 12 und 14 Euro, eingeschlossen ist Standardwerkzeug wie Schraubenschlüssel. Alles mit Kabel, Druckluftanschluss oder Gasflaschen und Spezialwerkzeug wie Federspanner, Kompressionsprüfer oder OBD-Lesegerät kosten extra, das kann sich läppern. Vom Lackieren über Reifenmontage und Sandstrahlen bis zum Pressen von Radlagern und Bördeln von Bremsleitungen ist in der Mietwerkstatt alles möglich. Interessant wird es, wenn für kompliziertere Reparaturen Spezialwerkzeug nötig ist. „Wir haben fast alles da“, sagt Roth, „das ist das Geheimnis des Geschäfts.“ Die freien Werkstätten in der Umgebung liehen sich solche Spezialitäten hin und wieder mal aus.

Einstiegsdroge sind aber einfache Wartungsarbeiten. Die größeren Mietwerkstätten verkaufen Öl in sämtlichen denkbaren Spezifikationen und Filter. Wer es bei ihm kaufe, bekomme die Hebebühne umsonst, sagt Roth. Angesichts der Preise in den Werkstätten kann gerade beim Ölwechsel kräftig gespart werden. Wer es sich zutraut, macht mehr. Doch was passiert, wenn etwa beim Wechseln der Bremsbeläge und der Scheiben festgestellt wird, dass die Kolben fest sind und der Wagen halbfertig auf der Bühne hängt? In Nied sind die üblichen Verschleißteile für gängige Modelle oft auf Lager, seltener gebrauchte müssen beschafft werden. Der Großhändler Trost liefere fünfmal täglich, und wenn es sein müsse, fahre einer aus seiner Mannschaft hin, berichtet Roth. Trost residiert gleichsam um die Ecke. Es gebe kaum etwas, was nicht beschafft werden könne. Falls dann trotzdem mal ein Teil nicht kurzfristig lieferbar ist, muss das Auto halt von der Bühne. Für solche Fälle gibt es ein paar Stellplätze – gegen Gebühr, versteht sich.

Was die Mietwerkstatt relativ günstig verkauft, sind Markenware und solche in Erstausrüsterqualität sowie einer der 40.000 selbstgemixten Farbtöne. Seine eigenen Sachen mitzubringen, ist nicht verboten, Roth warnt aber vor Billigangeboten aus dem elektronischen Kaufhaus. Das sei häufig schlechte Qualität, die dann irgendwann versage, „ein Wunder, dass das überhaupt verkauft werden darf“.

Nun gut, der neue Auspuff am alten Suzuki war auf Ebay gerade besonders wohlfeil, er verrichtet unverdrossen seinen Dienst. Nur hat er seit einigen Tagen im Innern ein nervtötendes Klappern.

Quelle: F.A.S.
Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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