Nichthilfsbereitschaft

Rätsel Rettungsgasse

Von Boris Schmidt

Am Menschen kann man verzweifeln. Er macht alles falsch, was er nur falsch machen kann. Er zerstört die Erde, wählt die falschen Politiker oder die falsche Partei, er fährt zu schnell und viel zu lange, trinkt zu viel und achtet zu wenig auf seine Gesundheit. Favorit in der Was-machen-wir-nicht-alles-falsch-Berichterstattung ist seit kurzem die Unfähigkeit der Autobahnnutzer, nach einem Unfall eine Rettungsgasse zu bilden. Dieser Sachverhalt war in jüngster Zeit schon mehrfach Thema in den Medien. Donnerstag vergangener Woche war es wieder so weit, nach einem Unfall mit einem Falschfahrer (79) auf der A5 nördlich von Frankfurt.

Wenn wir uns nicht ganz täuschen, ist dies ein neues Problem. Früher, in den Zeiten, in denen eh alles besser war, machten die Autofahrer brav Platz, wenn von hinten die Rettungsteams mit Blaulicht und Martinshorn anrauschten. Warum funktioniert das heute manchmal nicht mehr? Eigentlich ist es ganz einfach: Auf Autobahnen und Straßen mit zwei Fahrstreifen je Richtung weichen die Fahrzeuge auf der linken Spur nach links aus, die auf der rechten nach rechts. Bei mehrspurigen Autobahnen wird die Rettungsgasse immer zwischen der linken und der Spur daneben gebildet; die Regelung, dass auf vierspurigen Autobahnen die Gasse in der Mitte geschaffen werden soll, gilt seit diesem Jahr nicht mehr. Freilich muss, um nach links oder rechts ausweichen zu können, genug Platz vorhanden sein. Deshalb fährt man bei Stau nicht Stoßstange an Stoßstange auf, damit Spielraum bleibt. Ist das so schwer?

Wenn Rettungsfahrzeuge beim Einsatz behindert werden, ist dies mit einem Ordnungsgeld von 20 Euro belegt, wer auf der Standspur fährt, zahlt gar 100. Doch Strafen helfen offenbar nicht. Wir sitzen doch alle im selben Boot und könnten am nächsten Tag der Betroffene sein, der auf Hilfe angewiesen ist. Vielleicht geht es um Leben oder Tod. Das Bilden einer Rettungsgasse muss selbstverständlich sein.

Quelle: F.A.Z.
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