Tech-Talk

Niemand da?

Von Michael Spehr
 - 00:35

Leider konnte ich Sie telefonisch im Büro nicht erreichen, lamentiert jemand, und als der Adressat mit schlechtem Gewissen die Protokolldatei seines Telefons durchsieht, stellt sich heraus, dass es das Gegenüber nur einmal probiert hat. Was sollen dann solche Floskeln, und was wird heutzutage von einem erwartet? Dass man wie ein Sachbearbeiter von morgens um acht bis nachmittags um fünf festgetackert auf seinem Bürostuhl klebt, Hauptsache, kein Anruf geht verloren – und während der Mittagspause möge bitte schön ein Kollege im Büro bleiben, um den Telefondienst für alle anderen zu übernehmen?

Wo leben wir denn eigentlich? In Zeiten preußischer Fabrikordnungen des 19. Jahrhunderts oder mit Always on im Internet? Hat der Anrufer kein Whatsapp, kein Facebook, kein Twitter, und kann er nicht googeln? Ob und wann wer wo auf der Welt auch immer arbeitet, ist vollkommen irrelevant. Ob jemand morgens um 6 Uhr zu Hause loslegt oder mittags ein kleines Päuschen einlegt, ist ebenfalls schnurzpiepegal. Wir alle sind so oder so rund um die Uhr erreichbar, vollzeitvernetzt, wir antworten in Echtzeit, falls es geht, und wenn nicht, dann geht es eben nicht. Die telefonische Erreichbarkeit ist so wenig ein Kriterium für Arbeitseinsatz und Fleiß wie die physische Anwesenheit an einem Ort, der aus rein historischen Gründen Arbeitsplatz genannt wird. Man muss schon sehr von gestern sein, um dieses neue Heute nicht zu verstehen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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