Tech-Talk

Uhrängste

Von Martin Häußermann
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Noch Anfang der achtziger Jahre war die mechanische Armbanduhr mausetot. Die Quarzuhr hatte ihr den Rang abgelaufen, weil sie viel billiger und viel genauer als jede noch so teure mechanische Uhr war. Wahre Uhrenfreunde, Sammler zumal, konnten der Quarzuhr nie etwas abgewinnen. Die Kombination aus Batterie, Halbleiter und Elektromotor strahlt eben nur sehr bedingt Sinnlichkeit aus. Wenn etwas kaputtgeht, kann man es meist nicht reparieren, oder es lohnt sich nicht. Die meisten Quarzuhren landen deshalb früher oder später im Mülleimer.

Gute mechanische Uhren landen im Tresor. Sie erlebten vor rund einem Vierteljahrhundert ihre Renaissance, weil Männer wie der heutige LVMH-Uhrenboss Jean-Claude Biver es schafften, einem breiten Publikum die Faszination der Mikromechanik und der dahintersteckenden Handwerkskunst nahezubringen. Gestandene Männer kriegen große Augen, wenn sie durch den Glasboden einem Uhrwerk bei seiner Arbeit zuschauen. Der erste Blick geht immer auf die Unruh, die ihrem Namen Ehre macht und rastlos hin- und herschwingt. Dabei zieht sich die Spiralfeder erst zusammen und bläht sich dann wieder auf. Weshalb Uhrenfreunde sagen: „Die Spirale atmet.“

Die LVMH-Marke Zenith ersetzt dieses Schauspiel nun durch ein einziges Bauteil, das wie ein Elektronikchip gefertigt wird. Die Lösung ist technisch perfekt und verspricht eine überragende Präzision. Das ist hohe Ingenieurskunst, keine Handwerkskunst. Jedoch: Wenn man nur eine sehr genaue Uhr wollte, könnte man sich doch auch gleich eine Quarzuhr kaufen.

Quelle: F.A.Z.
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