Phänomenale 86

Skifahren durch die Brille von Ingemar Stenmark betrachtet

Von Walter Wille
 - 15:57
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Den Älteren unter uns muss man nicht erklären, wer er ist. Jeder weiß es, jeder kennt ihn. Den Jüngeren zur Orientierung: Ingemar Stenmark ist jener Skirennfahrer, der so überlegen war, dass sie einst das Regelwerk änderten, um zu verhindern, dass in der Weltcup-Gesamtwertung am Ende der Saison immer derselbe oben stand. Spricht man Stenmark darauf heute an, lächelt er milde.

Er war Spezialist in den technischen Disziplinen Slalom und Riesenslalom. Für viele Fachleute ist der Schwede, der an diesem Sonntag 62 wird, der beste Skirennfahrer aller Zeiten. Er selbst meint im Interview, das könne man nur schwer beurteilen: „Die unterschiedlichen Zeitalter lassen sich nicht miteinander vergleichen. Vor mir zum Beispiel war der Toni Sailer sehr gut. In einer ganz anderen Ära mit ganz anderem Material.“

Gemessen an seinen 86 Siegen in Weltcup-Rennen zwischen 1974 und 1989 – 40 im Slalom und 46 im Riesenslalom –, ist Stenmark unerreicht. Den Gesamt-Weltcup gewann er dreimal und eben nur deshalb nicht öfter, weil angesichts seiner Dominanz in diesen Disziplinen am Reglement geschraubt wurde – dahingehend, dass nur noch eine begrenzte Anzahl an Rennen je Disziplin in die Gesamtwertung einflossen. Siebenmal wurde er Riesenslalom-, achtmal Slalom-Weltcupsieger, fünfmal Weltmeister und zweimal (1980 in Lake Placid) Olympiasieger.

In der zweiten Hälfte der Siebziger legte Ingemar Stenmark eine Siegesserie von 14 Riesentorläufen hintereinander hin. Wer ihn damals elegant zwischen den Stangen zaubern sah, konnte sich kaum vorstellen, dass in irgendeiner Zukunft irgendwer einmal schneller sein könnte. Doch dann kamen Kippstangen, aggressiv athletische kraftvolle Fahrtechnik, Riesenschritte in der Pistenpräparierung und nicht zuletzt die Carving-Skier. Wie sehr sich das Material verändert hat, wird schon hieran deutlich: Stenmarks Slalom-Latten waren 2,05 Meter lang und sahen aus wie Pommes, die Mindestlänge der taillierten Slalom-Carver der heutigen Generation beträgt nur 1,65 Meter. Im Riesenslalom werden jetzt 1,95-Meter-Skier verwendet, seinerzeit waren es 2,10-Meter-Latten.

Stenmark bedauert es nach eigenen Worten sehr, die Carving-Ära nicht mehr mitgemacht zu haben. „Selbst wenn ich dann wohl nicht so viele Rennen gewonnen hätte. Damals konnte man noch Fehler machen und dennoch gewinnen. Wer heute einen Fehler macht, ist weg. Heute ist es einfacher, zu fahren, aber schwieriger, zu gewinnen.“ Den ersten Carving-Ski seines Ausrüsters Elan testete Stenmark im Jahr 1988 gegen Ende seiner Karriere. „Der war extrem schnell, aber zu lang und nicht sehr torsionssteif. Im Steilen hatte ich damit Probleme.“ Dem ehemals jugoslawischen, heute slowenischen Skihersteller Elan, der ihn zu Beginn seiner Laufbahn ausstattete, als noch kein anderer Interesse zeigte, blieb Stenmark aus Dankbarkeit über all die Jahre treu.

Harakiri am Hahnenkamm, das war nicht sein Ding

In seiner einzigen Weltcup-Abfahrt stürzte Stenmark sich im Januar 1981 die Streif in Kitzbühel hinunter, nicht weil er große Lust darauf gehabt hätte, sondern um in der Kombinationswertung Punkte zu sammeln. Stenmark, der Ästhet, kam ins Ziel, immerhin, allerdings mit fast elf Sekunden Rückstand auf den Sieger Steve Podborski. Bei der Erinnerung daran muss er grinsen. Harakiri am Hahnenkamm, das war nicht sein Ding.

Ebenso wenig wie Smalltalk und Starallüren. Legendär ist Stenmarks Einsilbigkeit zu aktiver Zeit. Da war er der kühle Schweiger aus Tärnaby, Schrecken aller Reporter, die ihm ein verwendbares Zitat entlocken wollten. Den Eindruck einer Plaudertasche macht der in seiner Heimat als „Sportler des Jahrhunderts“ verehrte Schwede nach wie vor nicht. Aber eine Konversation über eine knappe Stunde hinweg ist mühelos in Gang zu halten. Finanziell hat es der mehrfache Familienvater gut getroffen, wenn stimmt, was man so liest.

Durch seine Beteiligung am Skibrillen-Hersteller Spektrum aus Åre ist er dem Wintersport geschäftlich verbunden. Stenmark ist seit zwei Jahren Miteigentümer des Unternehmens. Spektrum, vor fünf Jahren von vier ehemaligen Freeski- und Snowboardprofis gegründet, ist ein Anbieter unter vielen in einem geradezu unüberschaubaren Markt voller austauschbar wirkender Produkte. Dem modischen Trend zur rahmenlos und übergroß erscheinenden „Goggle“ mit in unterschiedlichsten Farbtönen spiegelnden Scheiben folgen auch die Schweden, die daheim entwickeln und in China fertigen lassen.

Womit sie auffallen und künftig auch im deutschsprachigen Raum Marktanteile gewinnen wollen, sind ein klares, nordisches Design, gute Passform sowie ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis. Zudem werden die Rahmen eines Teils der Kollektion für den Winter 2018/19 aus „biologischem Plastik“ auf Basis von Rizinusöl hergestellt und nicht aus einem Kunststoff, für den Erdöl verwendet wird, wie hervorgehoben wird. Für die Brillenbänder wird recyceltes Polyester benutzt.

Genau genommen wird ja auch der Name Ingemar Stenmark recycelt. Das gilt speziell für das Sondermodell „Templet Stenmark Edition“ im Retrolook der Siebziger mit sichtbarem Rahmen und der Ziffer 86 auf dem Band. 110 Euro inklusive Wechselscheibe für schlechte Sicht sind ein vergleichsweise moderater, auf alle Fälle fairer Preis angesichts der Ziffer 86 auf dem Band für Stenmarks 86 Siege in Weltcup-Rennen. Auch wenn es Stenmark, wie er sagt, längst „egal“ ist, ob sein Rekord einmal gebrochen wird oder nicht. „Es ist ja so lange her.“

Quelle: F.A.S.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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