Trends im Wintersport

Kannste knicken

Von Walter Wille
 - 16:41
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Auch dieser Winter war ein Spätzünder. Wie schon eine ganze Reihe seiner Kollegen davor, es wird zur Gewohnheit. Er begann am 4. Januar, als sich endlich bei Minustemperaturen über weite Gebiete eine weiße Decke legte, die auch eine Weile hielt. Hübsch anzusehen, aber zu spät.

Zu spät zumindest für Industrie und Handel. Bis Ende Dezember blieben die Geschäfte auf ihren Wintersportartikeln sitzen. Die Abverkaufsquoten für Alpinski waren nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Sportartikel-Industrie (BSI) „katastrophal“. Auch Skibekleidung sei der Handel kaum losgeworden. Hautnah und unmittelbar ist laut Siegfried Paßreiter, Vorstandsmitglied des BSI, der Zusammenhang zwischen Winterwetter auf der einen Seite und dem Wintersport-Geschäft auf der anderen. „Die Endverbraucher lassen sich sehr stark von Emotionen leiten. Es muss gefühlt Winter sein!“

Outdoor-Marken unter Druck

Der Wandel des Winters war vergangene Woche in den Münchener Messehallen zu besichtigen, wo sich für ein paar Tage die Ispo einquartiert hatte, um Ausblick auf die Saison 2017/18 zu geben. Eine immer frühere Belieferung des Handels mit Winterware scheint in der Branche zunehmend als Irrweg erkannt zu werden. Man begreift: Die Leute haben keine Lust, sich schon im Sommer eine Daunenjacke zuzulegen, so wie die meisten keine Lebkuchen sehen wollen, solange sie noch in kurzen Hosen herumlaufen. Lässt der Winter auf sich warten, verstopfen die dicken Klamotten als Ladenhüter die Verkaufsflächen. Der BSI stellt fest: „Die Orderrhythmen passen nicht mehr zum Bedarf des Kunden.“

Die Ispo, trubeliges Spektakel der Farben und Fasern, der Schnallen und Stahlkanten, macht deutlich, dass die verkürzte Brettl-Saison die auf Wintersport spezialisierten Outdoor-Marken unter Druck bringt, dass sich andererseits die Zeit des Wanderns, Radelns, Kraxelns bis in den Dezember hinein verlängert und dass dieses Phänomen die Warenwelt verändert.

Skilehrer-Look ist out

Bergsport-Spezialist Salewa etwa arbeitet an einer zusätzlichen Zwischenkollektion mit Kleidungsstücken für den verlängerten Herbst, den grünen Vorwinter oder wie auch immer man diese Jahreszeit nennen mag. Erstes Resultat ist der Laufschuh Ultra Flex MID GTX (190 Euro), der Eigenschaften von Wanderschuhen (Halt, Wetterschutz) mit denen von Sportschuhen (Beweglichkeit, Leichtigkeit) vereint. Sockenartiger Sitz, Gore-Tex-Membran, hochgezogener Gummirand und eine griffige Michelin-Sohle zählen zu den Merkmalen der Hightech-Treter für den Tempowanderer von heute.

Von gestern ist der Skilehrer-Look, wie der BSI feststellt, die Entwicklung gehe hin zu Hochmodischem, zum urbanen Stil. Auffällig ist das wachsende Angebot an Textilien, die sich sowohl zum Skifahren als auch für vieles andere nutzen lassen.

Die Kunden seien nicht mehr bereit, für all ihre unterschiedlichen Aktivitäten jeweils ein spezielles Gewand anzuschaffen, heißt es in der Branche. Auf dem Vormarsch sind Hybrid-Konstruktionen wie - ein Beispiel von vielen - die Jacke Impulse der norwegischen Marke Rottefella. Die wird aus vier verschiedenen Polartec-Stoffen zusammengesetzt, um deren Eigenschaften zielgenau einzusetzen: Polartec „Alpha“ als Windschutz an der Brust, atmungsaktives „Power Grid“ am Rücken, unter den Armen und Achseln für den Abtransport von Feuchtigkeit, wärmende „Power Wool“ am Kragen und an den Arm-Oberseiten, „Power Stretch“ mit Veloursinnenseite seitlich und an den Nieren, wo es wärmt und durch Dehnbarkeit für Bewegungsfreiheit sorgt. Solch ein Teil trägt man beim Skifahren oder bei Skitouren-Abfahrten als mittlere Lage, bei schweißtreibenden Beschäftigungen wie Skitouren-Aufstieg, Ski nordisch, Laufen, Radfahren als äußere.

Nichts Revolutionäres, aber viel Interessantes

In der Frage, was unter welchen Umständen am besten wärmt, wetteifern immer mehr Konzepte miteinander. Salewa bringt zur Saison 17/18 Jacken und Westen mit dem Material „Tirolwool Celliant“ auf den Markt. Es handelt sich um eine Kombination aus der Wolle vom Bergschaf und einer mit Mineralien angereicherten Polyesterfaser. Wolle wärme im nassen wie im trockenen Zustand, wird argumentiert, Celliant speichere Wärme und verhindere ein Auskühlen des Körpers in Ruhephasen - wie eine Rettungsdecke. Bergsteiger, Skibergsteiger und Tourengeher zählen zur Zielgruppe, aber auch Wanderer wie du und ich. Ein anderes Novum trägt den Namen Thindown: Ein italienischer Hersteller verarbeitet Naturdaune zu einem pflegeleichten Vlies, das, anders als lose Daune, keine Steppung benötigen und nicht nur voluminöse, sondern auch dezent schlanke Daunen-Kleidungsstücke ermöglichen soll. Bogner verwendet Thindown schon, Kanuk zieht nach.

Nichts geändert hat sich an der Tatsache, dass die Produkte vieler Bekleidungsmarken nach wie vor ähnlich, ja austauschbar wirken. Immer mehr Anbieter setzen daher auf die Umweltkarte, um beim Kunden den Stich zu machen. Recycling hier, Herkunftskontrolle der Rohstoffe dort, Bluesign und Oeko-Tex - einer grüner als der andere, so hat es den Anschein. Die Verwandlung von Plastikflaschen in Outdoor-Kleidung ist in Mode gekommen, das Unternehmen Ternua aus dem spanischen Baskenland sammelt zudem an der baskischen Küste tonnenweise alte Fischernetze, die als Trekkinghosen in die Läden kommen, nutzt recycelte Daune, Kaffeesatz, Eisenbahnsitze, Industrieabfälle. „Mehr und mehr Kunden wissen das zu würdigen“, sagt Ternua-Gründer Edu Uribesalgo. Das Laminat- und Membran-Imperium Gore ließ auf der Ispo aufhorchen mit der Ankündigung, „ökologisch bedenkliche PFC“ bis Ende 2020 aus dem Großteil und bis 2023 aus sämtlichen Vorprodukten für Outdoor-Kleidung zu verbannen. Greenpeace nannte das den Beginn einer Revolution in der Branche.

Nichts Revolutionäres, aber viel Interessantes haben die Skihersteller zu bieten. Die zunehmende Unberechenbarkeit des Winters, extreme Schwankungen der Witterung und der Schneeverhältnisse stellen nach den Worten von Andreas Mann, Produktmanager bei Völkl, „Anforderungen an die Skier, wie es sie früher nicht gab“. Die Bretter sämtlicher Segmente müssten bei unterschiedlichsten Bedingungen funktionieren, für Könner wie für Anfänger. Josef Kleisl, Marketing-Mann bei K2, sieht es ähnlich: „Heute weiß keiner, was er zu erwarten hat, wenn er seinen Urlaub bucht.“

Mehr Stabilität bei hohem Tempo

K2 überarbeitet die Pinnacle-Baureihe breiter Freeride-Latten (85 bis 105 mm unter dem Schuh), trimmt diese Tiefschneetypen mit härterem Holzkern und etwas kürzerer Rocker-Aufbiegung ein Stück mehr Richtung Piste, auf dass sie noch breitbandiger werden. Auch die mehr auf Piste spezialisierte Konic-Baureihe mit dem Flaggschiff iKonic 84 wird renoviert. Völkl rüstet seine Allrounder der RTM-Serie durch eine noch torsionssteifere Konstruktion mit „3D Glass“ auf: Die integrierte Glasfaserlage wird nicht bloß flach eingearbeitet, sondern um die Seitenwange herumgefaltet mit der Folge kräftigeren Kantengriffs, der auf knallharter (Kunst-)Piste hilft, wie sie um Weihnachten herum allmählich zur Regel wird.

Atomic verabschiedet sich von der gewohnten Doubledeck-Bauweise seiner Racecarver namens Redster und führt stattdessen „Servotec“ ein. Das soll als eine Art Servolenkung verstanden werden, einfacheres Einlenken, mehr Stabilität bei hohem Tempo sowie eine erhebliche Gewichtsersparnis zur Folge haben. Eine bleistiftdünne Strebe aus Titan verläuft über die Skifront bis zu einem innerhalb der Bindung plazierten, verschiebbar auf einem Schlitten gelagerten Elastomer. Auch der Damenski Cloud 12 (mit Lederoberfläche) wird mit dem Servotec-Dämpfer ausgerüstet, der laut Atomic seit 2015 im Geheimen schon von Weltcup-Fahrerinnen wie Mikaela Shiffrin und Tina Weirather verwendet wird.

Geflecht aus Kohlefaser und Flachs

Am obersten Ende ihrer Produktpaletten rüsten die Skihersteller hochsportliche Carver neuerdings gegen Aufpreis mit Renntechnik aus. Head hält es so mit dem iSpeed Pro, der mit durchgehender Racingplatte und öldruckbasiertem Weltcup-Dämpfer 1100 Euro kostet. Bei Fischer heißt der „straßenfähige Rennski“ The Curv; zum nächsten Winter wird die Reihe um eine etwas breitere GT-Variante mit 80-Millimeter-Mitte sowie ein Damenmodell namens My Curv erweitert. Völkl legt von je zwei Racetiger- und Code-Modellen 1000 Euro teure „Pro“Versionen auf, die sich mit Boosterplatte, Öldämpfer sowie Racing-Kantentuning an „Spitzen- und Vielfahrer“ richten, wie Andreas Mann sagt. Radikale Technik für einen radikalen Fahrstil.

Radikal in anderer Hinsicht ist der mattschwarze, vollkommen schmucklose Freeride-Ski Kore von Head (Breite 93 bis 117 mm, 650 bis 700 Euro mit Bindung). Aus Gewichtsgründen wurde die Kunststoff-Oberfläche, die normalerweise fürs Dekor genutzt wird, einfach weggelassen. Die Oberseite besteht lediglich aus einem geharzten Vlies. Die Konstruktion mit Koroyd-Hohlröhrchen, Graphene und einem Karuba-Holzkern von besonders geringer Dichte ergibt laut Head nicht nur einen extrem leichten, sondern auch steifen Powder-Ski. Salomon verspricht mit dem neuen XDR (Breiten 80, 84 und 88 mm, 800 Euro mit Bindung) ein außerordentlich spielerisches, universell einsetzbares Allmountain-Gerät. Besonderheit: Eine von normalerweise zwei Metalllagen wird durch ein Geflecht aus Kohlefaser und Flachs ersetzt.

„Sehr harmonisch und ohne Knick in der Biegelinie“

Wie bei der Bekleidung verschmelzen auch bei den Skiern die Segmente. Nordica kombiniert beim neuen Navigator (80, 85, 90 mm Breite) eine surffreudige Schaufel mit einem Riesenslalom-Heck. Der neue Legend von Dynastar (80 bis 106 mm) lässt die Grenzen zwischen Freeride, Allmountain und Touring verschwimmen. Konzernschwester Rossignol frischt das universell verwendbare, 106 mm breite Erfolgsmodell Soul 7 mit der markanten Wabenstruktur an den Enden auf und stellt ihm mit dem Seek 7 (86 mm) den ersten echten Rossignol-Tourenski überhaupt zur Seite. Womit sich die Franzosen auf der Ispo vor allem hervortaten, war die in Zusammenarbeit mit In&Motion entwickelte Airbag-Weste, die für 1000 Euro auf den Markt kommt. Die Elektronik kann angeblich zwischen harmlosen Stürzen und solchen, bei denen schwerere Verletzungen drohen, unterscheiden.

Zu den Ausstellern, die in München einen der Ispo-Awards ergatterten, zählte Blizzard mit dem asymmetrisch konstruierten Tiefschneemonster Spur mit 124 Millimeter Mittelbreite. Er ist das Spitzenmodell einer neuen Baureihe kraftsparend abgestimmter Freeride-Allmountain-Latten für 550 bis 750 Euro, die sich auch auf präparierten Pisten tapfer schlagen sollen. Letzteres gilt vor allem für die etwas schmaleren Typen Rustler 11 (114 mm) und Rustler 10 (102 mm).

Einen Preis bekam auch Elan für den Tourenski Ibex 84 Carbon KLT (750 Euro ohne Bindung), der auf voller Skilänge eine Art Bügelfalte auf der Oberfläche trägt, weil der karbonummantelte Vollholzkern von der Mitte nach außen hin dünner wird. Drei hohle Karbonröhren im Innern entfalten verstärkende Wirkung. Von diesem Ibex wandelten die in jüngerer Zeit durch Experimentierfreude auffallenden Slowenen einen ganz und gar ungewöhnlichen Klappski ab, der gemeinsam mit dem Militär des Landes entwickelt wurde und auch für Tourengeher in Zivil angeboten werden soll, zum stattlichen Preis von etwa 1700 Euro. Die Bindung wird auf einer Aluminiumplatte montiert, die sich zum Entriegeln um 180 Grad nach vorn schwenken lässt, so dass die Bretter über ein Gelenk gefaltet werden und zum Beispiel platzsparend an den Rucksack gehängt werden können. Alles patentiert, ist robust und fährt sich prima, tritt Melanja Šober, oberste Produktplanerin bei Elan, Skeptikern entgegen. „Sehr harmonisch und ohne Knick in der Biegelinie.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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