E-Bike Focus Jarifa

La Donna e-mobile

Von Hans-Heinrich Pardey
 - 12:03

Manche Gewissheit schwindet, wo der Elektromotor am Fahrrad ins Spiel kommt. Hieß es nicht lange, die großen 29-Zoll-Räder am Mountainbike seien nur etwas für großgewachsene Fahrer? Nur die könnten einen der Nachteile kompensieren und das größere Gewicht der Laufräder dank mehr Kraft flott genug beschleunigen. Und nur sie sollten darum auch den Vorteil genießen, den große Laufräder bieten: leichter über Kanten hinwegzuklettern und Vertiefungen leichter zu durchsteigen. Wer für 29 Zoll zu kurze Beine hatte, wurde – wenn nicht auf das ehemalige Standardmaß 26 Zoll – auf die inzwischen in breitester Front etablierte Zwischengröße 27,5 Zoll verwiesen. Und nun haben wir hier vor uns ein elektrisches Mountainbike der zu Derby-Cycle gehörenden Marke Focus, das für die zierliche Dame in Größe M (Rahmenhöhe 46, Oberrohrlänge 59, Radstand 113, alle Angaben in Zentimeter) konzipiert wurde. Und in dem Rahmen mit dem abgesenkten Oberrohr stecken tatsächlich 29-Zoll-Laufräder.

Die fallen am Modell Jarifa Donna I 29 aber gar nicht besonders auf, besonders dann nicht, wenn das in Weiß und Türkis gehaltene Rädchen neben einem genauso hohen Bike mit fetten Schlappen der Größe 27,5+ steht. In diesem Vergleich wirken die Reifen (Continental Race King 2.2) ausgesprochen schmalbrüstig. Das Modell Jarifa I 29, als Donna laut Hersteller optimiert mit frauenspezifischem Griff und Sattel, gibt es auch ohne Donna mit einem Herrenrahmen und als S-Pedelec. Aber warum nicht als männlicher Dackel von dem abgesenkten Durchstieg profitieren?

Kettenentlastung beim Schalten individuell einstellbar

Die Ausstattung des Rades ist seinem in manchen Angeboten aktuell um die 400 Euro unterschrittenen Listenpreis von rund 3500 Euro entsprechend einfach: Eine Suntour XCR Air mit 100 Millimeter Federweg und Blockierhebel am Lenker, eine ebenso vom Lenker aus absenkbare Sattelstütze, Schaltwerk und -hebel für zehn Gänge (36 Zähne vorn, hinten 11 bis 40) Shimano Deore, auch die hydraulischen Scheibenbremsen von Shimano (BR-M365, 180 Millimeter vorn und hinten) sowie preisgünstig ausgesuchten Laufrädern (Naben Deore, Felgen Concept 622x23). Das Sahnestück des Rades und der hauptsächliche Grund, sich mit dem Jarifa I 29 zu befassen, ist der Antrieb: die Kombination aus einem schön in das wannenförmig gestaltete Unterrohr des Aluminiumrahmens eingefügten 612-Wattstunden-Akku mit dem Impulse-EVO-RS-Mittelmotor von Derby Cycle. Der Akku ist für große Reichweiten gut. Zwar nicht für die Fabelwerte, die im ausführlich informierenden und mit dem Smartphone zwecks Navigation koppelbaren Display häufig für die niedrigste der vier Unterstützungsstufen angezeigt werden. Doch ohne eine auf viel Reichweite abzielende Fahrweise sind im Mittelgebirge immer über hundert Kilometer lange Touren drin.

Radwanderungen in Wald und Feld sind auch die Domäne des Rades. Nicht, dass es etwa unhandlich wäre, aber technisch anspruchsvolle Kraxeleien sind nicht sein Ding. Dafür marschiert das Jarifa Donna I 29 aber vorzüglich flott und nimmt Schotter, Wiese oder Waldmorast gleichermaßen willig in Angriff. Für Benutzer(innen) gilt nur eins: Bleibt unter allen Umständen im Sattel sitzen! Wer aufsteht, hat verloren. Dann fehlt den schmalen Conti-Pneus der Grip, weil der bis zu 80 Newtonmeter maximales Drehmoment entwickelnde Motor sie einfach überfordert. Der ist allzeit vernehmlich, bleibt jedoch akustisch dezent. Dass die Steuerung beim Schalten kurz den Krafteinsatz zwecks Schonung der Kette wegnimmt, darf man sich keinesfalls von Geschwindigkeitsverluste argwöhnenden Machos in irgendwelchen Internetforen schlecht reden lassen. Wie wenige Millisekunden lang die Kette während des Schaltvorgangs entlastet werden soll, lässt sich individuell einstellen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Pardey, Hans-Heinrich (hp./py.)
Hans-Heinrich Pardey
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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