Brief an Rewe

Die ach so ökologische Papiertüte

Von Philipp Krohn
 - 15:46

Liebe Rewe-Tüte,

schon länger wollte ich Dir schreiben, aber es kam immer irgendetwas dazwischen. Ich darf doch Du sagen?! Schreiben wollte ich Dir, weil mir etwas aufgefallen ist, das Deine Unzufriedenheit erklären könnte. Man hat Dich, liebe Papiertüte, instrumentalisiert und Erwartungen an Dich geknüpft, die Du niemals wirst erfüllen können. Das ist nicht nur für Dich bedauerlich, sondern verrät auch viel darüber, wie wir in diesem Land mit Umwelt- und Technikthemen umgehen. Vielleicht sollte ich beginnen, Dir ein bisschen etwas von mir zu erzählen.

Seit Schulzeiten beschäftigen mich ökologische Fragen. Deshalb habe ich im Studium der Volkswirtschaftslehre einen Schwerpunkt in Ökologischer Ökonomik gewählt. Seit zehn Jahren habe ich in Nachhaltigkeitsfonds investiert, meine fünfköpfige Familie hat kein Auto, wir leben in einem Passivhaus, verbrauchen also kein Heizöl. Der Strom kommt von einem Ökostromanbieter. Wir verreisen oft mit der Bahn, alle haben dann Rucksäcke auf dem Rücken. Einmal sind wir von Lissabon über Rom nach Frankfurt gefahren. Ressourcen-Schonung ist uns echt wichtig. Deshalb dieser private Exkurs.

Dennoch – oder wie Du später sehen wirst: gerade deshalb – verwenden wir Plastiktüten. Ich muss jetzt etwas zum Lebenspraktischen sagen: Wir leben ohne Auto in der Stadt. Wenn wir im Supermarkt einkaufen, dann oft auf dem Weg. Wir haben also keine Gelegenheit, vorher einen Sack zu Hause abzuholen, und auf dem Fahrrad können wir auch nichts deponieren, weil auf den Fahrradsitzen meist die Kinder Platz nehmen, ich gehe mal mit Rucksack zur Arbeit, mal ohne, mal mit Anzug, mal mit Hemd. Es gibt also keinen festen Ort für einen Sack. Deshalb ist es praktisch, dass es an den Kassen Tüten gibt.

Seit dem 1. Juni 2016 aber erwirbt Rewe keine neuen Plastiktüten mehr. Das hat der Vorstand beschlossen, weil ihn die Debatte über die Verschmutzung der Meere so berührt hat, begründet das ein Konzernsprecher. Rewe klopft sich dafür kräftig selbst auf die Schultern. In der Rubrik „worauf wir stolz sind“ im Segment Nachhaltigkeit auf der Internetseite steht als Erstes: „Rewe schafft die Plastiktüte ab“. Die großen Tüten, die es als Ersatz gibt, trügen acht Kilogramm Gewicht, die kleinen – also Du, liebe Rewe-Tüte – sieben. Die Bilanz sei erfreulich. Verbraucher hätten sich umgestellt, auch weil sie es gewohnt seien, im Einzelhandel keine Tragetasche zu bekommen, sagt der Konzernsprecher. Es habe sich eingebürgert, im Auto eine Tragetasche zu deponieren. Echt ökologisch, sage ich da als Radfahrer: Die Tragetasche im Auto!

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Zufällig erschaffenEnzyme gegen Plastikmüll

Na klar, man will ja niemanden erziehen. Nur mich! Man erzieht mich, Dich zu benutzen, die angeblich sieben Kilo tragen kann. Die aber in Wirklichkeit schon bei 4,1 Kilo schlappmacht. Das habe ich mir gemerkt, als Du zum siebten Mal am Fahrradlenker gerissen bist. Es war leicht zu merken: 1,5 Liter Orangensaft, zwei Milchtüten, eine Packung Müsli. Und das war noch glimpflich. Wir lachen heute noch über die Flasche Olivenöl, die wir vor dem Kindergarten wegwischen mussten, weil Du mal wieder Deine angebliche Tragelast nicht bei Dir behalten konntest. Unangenehm waren die Male, als sich der halbe Einkauf auf der Straße verteilte, die Autofahrer (die mit den Tragetaschen im Kofferraum) fünf Minuten halten und Passanten mit Tragetaschen aushelfen mussten, die sie dabeihatten.

Auf der Internetseite Deines Unternehmens steht zu einem Bild von Dir: „Einfach mehrfach benutzen“. Das würde ich auch gern. Nur wanderst Du so etwa jedes vierte Mal direkt in den Mülleimer – leider mit Überresten des Einkaufs.

Das könne gar nicht sein, höre ich von Herstellern von Papiertüten. Denn sie werden getestet. Rewe schreibt einen Auftrag aus. Der Hersteller kommt mit den Mustern, und sie werden ausprobiert. Ein Testlabor gibt es bei Rewe nicht – wohl aber bei den Herstellern. Ein Exemplar ganz so wie Du wird befüllt mit der Tragelast, die Du stemmen sollst. Es wird an einen Haken gehängt, der sich ganz schnell und ganz lang dreht – oft einen Tag lang. Dabei habe sich herausgestellt, dass die Papiertüten am Griff, also da, wo Du auf dem Fahrrad oft reißt, sehr robust seien. Dafür seien die Plastiktüten am Boden fester, weil sie ja an ihren Seiten zusammengeschweißt sind. Aber liebe Tüte, darf ich ganz ehrlich sein? Mit den Plastiktüten ist mir das nie passiert, was ich mit Dir praktisch permanent erlebe.

Natürlich müssen wir auch besprechen, was im unangenehmen Fall passiert – wenn es regnet. Keine Ahnung, ob jemals ein Rewe-Manager bei Regen mit dem Fahrrad einkaufen war. Falls nicht, dann sage ich es ihnen hiermit: Fünf Minuten. Maximal. Dann reißt Du. Den Rest kennst Du ja: Milchtüte und Joghurtbecher auf der Straße. Das Olivenöl? Zum Glück diesmal in den Rucksack gesteckt. Räumt man den Müll weg? Im Straßenverkehr? Im Regen? Ja klar, ich denke auch an die Ozeane und den vielen Plastikmüll. Es ist ja für eine gute Sache.

Aber ist es das wirklich? Habe ich nicht vor zehn Jahren einen Artikel geschrieben, in dem stand, dass die Ökobilanz von Papiertüten erheblich schlechter ist als die von Plastiktüten? Liebe Rewe-Tüte, jedes Mal, wenn ich Dich in die Hand nehme, muss ich daran denken. Ich habe deshalb noch einmal beim Schweizer Materialforschungslabor EMPA angerufen. Da wurde ich mit einem sehr nüchternen Wissenschaftler verbunden, der nach vorläufigen Befunden vor einem Jahrzehnt vor vier Jahren eine interessante Studie gemacht hat.

Gestützt hat sich Roland Hischier auf das etablierte Instrument der Ökobilanzen. Damit kann man die Umweltwirkungen eines Produktes ermitteln, indem man in dessen gesamten Lebenszyklus von der Herstellung bis zur Entsorgung alle Emissionen ermittelt – vom Bohrloch bis zum Baumwollfeld. Mit Daten von Herstellern hat Hischier eine Liste der kumulierten Stoff- und Energieflüsse erstellt. Die werden dann in Indikatorgrößen umgewandelt, welche die relative Schwere des Einflusses in verschiedenen Umweltbelastungen widerspiegeln.

„Das Ergebnis steht diametral zum intuitiven Glauben in der Gesellschaft“, sagt Hischier. Tatsächlich belasten nämlich Baumwolltaschen die Umwelt am meisten, dann Papiertüten. Relativ gut schneiden Plastiktüten ab, am besten Recycling-Granulat – also die Tüte, die aus wiederverwertetem Plastik hergestellt wird. Ach ja, und die unsere Naturfreunde von Rewe noch nie angeboten haben – vielleicht, weil sie so schäbig aussehen? Zumindest ergäbe der Aufdruck „Hallo, Umwelt!“ da wirklich Sinn.

Du, liebe Rewe-Tüte, schneidest immerhin mit Blick auf den Treibhauseffekt (also das Klimaproblem) und die Überdüngung gut ab. Auf die Versauerung und den Ozonschichtabbau allerdings hast Du eine starke Wirkung – und auf die Humantoxizität, also die Schädlichkeit für den menschlichen Körper. Fasst man alle Faktoren zusammen, schneidet die Tüte aus 80 Prozent Recycling-Granulat am besten ab. Um auf denselben Umwelteffekt zu kommen, müsste man eine Tüte aus Neugranulat, wie ich sie so vermisse, 4,2 mal verwenden, Dich 7,4 mal und die Baumwolltasche, eine Folge des alten Leitspruchs „Jute statt Plastik“, 82,4 mal.

Nun ging es den Rewe-Managern, die so stolz auf ihre Vorreiterrolle sind, aber nicht so sehr um eine umfassende Ökobilanz, sondern um die Tiere im Meer, die Plastik verspeisen. Dass in Deutschland immer wieder Tüten an Flussufern landen, geben sogar Tütenhersteller zu. Bei 6,1 Milliarden Plastiktüten, die in Deutschland jährlich verkauft werden, ist die Chance recht hoch. Aber, liebe Rewe-Tüte, das ist doch nicht meine Plastiktüte. Die wird doch sofort nach dem Gebrauch als Mülltüte umfunktioniert und wird thermisch verwertet. So machen es viele Haushalte. 80 Prozent des Plastikmülls in den Ozeanen der Welt fallen in fünf Ländern an, hat der Lobbyverband Plasticeurope erhoben: China, Indien, Indonesien, Malaysia und Vietnam. Sollen wir auch Messer verbieten, wenn sie irgendwo auf der Welt zweckentfremdet werden? Zum Verbrennen in der Müllverbrennungsanlage sagt der Schweizer Materialforscher Hischier: „Die Entsorgung ist unbedeutend, es fällt sehr wenig CO2 an. Das Hauptthema ist die Herstellung.“

Liebe Rewe-Tüte, auch deshalb schreibe ich Dir: Ich finde, Du bist ein tolles Beispiel, wie wir in Deutschland über Umwelt und Technik diskutieren: pauschal, hysterisch und irrational. Der gerade so im Fokus stehende Diesel könnte das nächste Opfer dieser Haltung sein. Diese Art des Diskurses ist auch der Grund dafür, warum wir uns für die größten Umweltschützer der Welt halten, in relevanten internationalen Vergleichen aber nur im Mittelfeld landen. Wir lassen uns vom Greenwashing Deiner Rewe-Manager beeindrucken, sammeln bei Regen die Straße von zerplatzten Joghurtbechern frei, statt auf intelligente Vermeidungsstrategien zu setzen.

In der Schweiz übrigens wurde Roland Hischiers Forschungslabor konsultiert, als es um Plastikmüll ging. Man fand

ein marktwirtschaftliches Bezahlungssystem, ein halbes Jahr später war der Verbrauch um 80 Prozent gefallen. Aber wer mit dem Fahrrad spontan 7 Kilogramm Einkäufe transportieren muss und Dir, liebe Rewe-Tüte, nicht mehr vertraut, hat dann immer noch die Chance, das zu kaufen, was aus technischen Gründen am besten zu ihm passt. Ach ja, eine Frage habe ich Hischier noch gestellt: Warum das in der Schweiz so anders laufe? „Aus meiner Wahrnehmung spielen deutsche Nichtregierungsorganisationen eine große Rolle“, sagt er. Wie wichtig eigentlich ist denen ein Skalp, etwas Vorzeigbares, um die eigene Bedeutung herauszustellen?

Bitte, liebe Rewe-Tüte, nimm mir meine deutlichen Worte nicht krumm. An Sonnentagen und bei Kleinsteinkäufen setze ich vielleicht trotzdem auf Dich.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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