ESL One Turnier

Das aktuelle Sportstudio

Von Leopold Pelizaeus
 - 16:46
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Ist das Sport, wenn Menschen ihre Computerspiele spielen? Der Begriff E-Sport legt es nahe, und es gibt immer mehr dieser Wettkämpfe, die wie eine herkömmliche Sportveranstaltung an einem zentralen Ort ausgetragen werden. E-Sport gibt es als Individualsport oder als Mannschaftssport, man benötigt motorische und geistige Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein. Wir besuchten Ende Oktober die ESL One in der Barclaycard Arena in Hamburg. ESL steht für Electronic Sports League, und in Hamburg waren 15.000 Zuschauer zugegen. Gespielt wurde Dota 2, ein komplexes Video-Strategiespiel, in dem acht Teams gegeneinander antraten und versuchten, die virtuellen Figuren der jeweils anderen Teams zu zerstören, um schließlich deren Basis einzunehmen. Dota 2 ist ein Strategiespiel.

Gefragt sind Überblick, Schnelligkeit und Teamarbeit. Eine Art Schach, bei dem statt Holzfiguren virtuelle Spielfiguren in Stellung gebracht werden. Auf der ganzen Welt spielen mehr als elf Millionen Menschen Dota 2. Die besten Spieler geben bis zu 400 Klicks in der Minute – also mehr als sechs pro Sekunde – als Befehle per Maus und Tastatur an ihre virtuellen Charaktere weiter.

Die ESL One in Hamburg ist Teil einer Turnierreihe. Publikum und Teams sind international. Mit dabei zwei deutsche Superstars des E-Sports: Adrian Trinks und Kuro Salehi Takhasomi, einer der auch finanziell weltweit erfolgreichsten E-Sportler. Der 24 Jahre alte gebürtige Iraner hat in seiner Karriere bereits mehrere Millionen Euro an Preisgeldern erspielen können.

Die Veranstaltung läuft wie eine Mischung aus Kinobesuch und Sportveranstaltung ab. Während auf der Bühne zwei Teams aus jeweils fünf Spielern gegeneinander antreten, nimmt das Publikum auf dem Parkett und den Rängen der Halle Platz, verfolgt das Geschehen auf drei überdimensionalen Bildschirmen und fiebert so in Echtzeit mit.

Die Zuschauer bekommen dabei jedoch nie dasselbe zu sehen wie die Spieler auf der Bühne. In der Regie werden jeweils die Teile des Spielfeldes ausgewählt, auf denen sich das digitale Geschehen abspielt. Denn das ganze Spielfeld auf einmal einzublenden wäre zu unübersichtlich und selbst auf den drei Bildschirmen nicht zu begreifen. Doch auch unter Anleitung der Regie, welche die Besucher fachkundig durch den virtuellen Wettstreit führt, ist der Spielablauf für Laien fast unmöglich zu verstehen. Um die Spielzüge nachvollziehen zu können, welche die Profis auf ihren Computerdisplays vollführen, ist eigene Spielerfahrung unentbehrlich.

Das Game beginnt

Dota 2 hat einen festen Platz in der E-Sport-Szene. Gespielt wird in Teams von fünf Spielern, jeder von ihnen hat eine eigene Aufgabe, spielt auf einer Position. Am Anfang eines jeden Spiels steht der „Draft“. In dieser Phase wählen die Spieler ihre Charaktere aus, die sie später auf dem Spielfeld bewegen werden. 113 dieser Helden stehen zur Verfügung. Das Interessante ist, dass es keinen Helden zweimal gibt. Wählt also ein Team einen Charakter aus, ist dieser für das gegnerische Team nicht mehr spielbar.

So können sich die Teams bereits gegenseitig taktisch ausmanövrieren, bevor das eigentliche Spiel überhaupt begonnen hat. Sind alle Figuren sortiert, beginnt das Game. In dieser Phase starten alle Teams mit denselben Voraussetzungen und vor allem ohne Gold. Das ist die Spielwährung, sie muss generiert werden, um „Items“ zu kaufen. Aus ihnen schöpfen die Helden der Spieler spezielle Fähigkeiten, wie etwa Teleportation, verschiedene Attacken oder das Heilen der Teammitglieder, die sie für den Kampf gegen das andere Team benötigen.

Kann ein Spieler die Figur des Gegners im direkten Duell zerstören, ist der besiegte Spieler für eine kurze Zeit ausgeschieden. Wann immer das passiert, bricht in der Halle tosender Applaus aus. Die Fans jubeln dabei nie nur für ein Team, beiden Kontrahenten wird stets dieselbe Wertschätzung entgegengebacht. Während dieser Zeitspanne können dann etwa die Türme des Gegners eingerissen werden, die überall auf dem Spielfeld – der Map – verteilt liegen. Diese Map, Landkarte, ist in genau zwei Hälften geteilt, jedes Team hat seine eigene, und in den gegenüberliegenden Ecken liegt die jeweilige Basis. Sie gilt es zu verteidigen, während die des Gegners gleichzeitig angegriffen werden muss: denn nur so gewinnt man. Dabei ist den Teams kein Zeitlimit gesetzt. Ein Match kann zwischen dreißig und sechzig Minuten dauern.

„Vierdimensionales Echtzeit-Schach“ nennt es Ralf Reichert. Er ist Chef der E-Sport League und selbst begeisterter Dota-2-Spieler. Wenn er vom E-Sport redet, dann fangen seine Augen an zu leuchten, und er streitet leidenschaftlich für seinen Sport. Er verwendet dann Wörter wie basisdemokratisch, weil das diesjährige Preisgeld der ESL One von einer Million Euro sich zu fast achtzig Prozent aus Einnahmen zusammensetzt, die andere Spieler durch spielinterne Käufe generieren. Das Geld käme also direkt von den Fans. Außerdem zieht Reichert liebend gern den Vergleich zu anderen Sportarten. Er verweist dann auf Prognosen, die dem E-Sport eine rosige Zukunft prophezeien, in der er mehr Zuschauer hätte als die amerikanische National Football League, und er spricht vom exponentiellen Wachstum des Videospielmarktes und dass ein Laie Fußball sicher auch nicht verstünde, sähe er zum ersten Mal ein Spiel.

Gleichzeitig kann Reichert, der für viele im E-Sport ein Star ist, nicht oft genug betonen, wie unwichtig und gleichgültig ihm die Parallele zum traditionellen Sport sei. Die Anerkennung, die eine Aufnahme in die Reihe der olympischen Disziplinen oder die direkte Konkurrenz mit der Bundesliga brächte, interessiere ihn überhaupt nicht, sagt er, da für ihn „das Faktische größer als die theoretische Diskussion“ sei. Gemeint ist damit, dass der E-Sport weltweit tatsächlich in der Lage ist, riesige Stadien zu füllen und Ticketkontingente innerhalb von Minuten auszuverkaufen, unabhängig davon, ob das Olympische Komitee oder der Deutsche Olympische Sportbund die Spieler als Athleten anerkennt oder nicht.

Nun ist Daimler als Sponsor in die Turnierreihe eingestiegen, und ein Sprecher betont, dass Mercedes-Benz schon lange in virtuellen Rennsimulationsspielen zu finden sei. Nicht zuletzt wird deshalb auch der „Most Valuable Player“ des Turniers mit einem Mercedes-Benz im Wert von 50.000 Euro belohnt, den er sich selbst zusammenstellen darf.

Quelle: F.A.S.
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