Digitale Steuerung

Die Kinder der LED-Revolution

Von Johannes Winterhagen
 - 15:33
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Die Welt ist erobert. Alle Gegner, die zuletzt noch verzweifelt kämpften, haben den Spielplan räumen müssen. Leidenschaftliche Risiko-Spieler wissen, dass sie an diesem Punkt eine folgenschwere Entscheidung treffen müssen. Die Steine einräumen und zu Bett gehen? Oder nochmals eine Partie wagen, die sich weit in die Nacht ziehen kann? Nachdem die LED den Lichtmarkt komplett umgekrempelt hat, haben die Aussteller auf der weltgrößten Lichtmesse Light + Building in Frankfurt das Spiel fortgesetzt. Nicht die hohe Energieeffizienz der Leuchtdiode, einer klassischen Glühlampe zehnfach überlegen, zählt dabei. Und auch nicht die Tatsache, dass sich eine kleine, fast punktförmige Lichtquelle in nahezu jeder Form verbauen lässt und so den Leuchtenmarkt um skurrile Formen erweitert hat. Das neue Spiel heißt nicht mehr „Welt erobern“, sondern „Welt verbessern“. Möglich werden soll das, indem das Licht zum Teil des Internets der Dinge wird und Aufgaben übernimmt, die zum Teil weit jenseits der klassischen Beleuchtung liegen.

Es einfach nur hell zu machen – und das in möglichst schöner Verpackung – reicht nicht einmal mehr, um eine Tischleuchte für das Büro zu verkaufen. Das zeigt kaum ein Exponat so deutlich wie die mit dem Designpreis prämierte Bicult-LED von Trilux. Sie erkennt per Bluetooth den müden Angestellten, sobald dieser sich mit dem Smartphone in der Tasche seinem Arbeitsplatz nähert. Dann schaltet sie nicht nur die nach unten gerichtete Schreibtischbeleuchtung ein, sondern strahlt nach oben die Decke mit so großer Helligkeit an, dass zumindest bei einer Raumhöhe bis drei Meter eine zusätzliche Deckenleuchte unnötig ist. Über das Bluetooth-Protokoll ruft die Leuchte ihren im selben Raum installierten Geschwistern zu, ebenfalls das an die Decke strahlende Licht anzuschalten. Dem Chef die eigene Anwesenheit vorzugaukeln, indem man das Licht nicht abstellt, wird so zum heillosen Unterfangen. Dafür aber soll der Schreibtischarbeiter gesünder leben. Denn die Lichtfarbe der Bicult-LED schwankt automatisch mit dem Tagesverlauf. Morgens ist der wachmachende Blaulichtanteil höher, abends der des beruhigenden Rotlichts. Die Kurve, welche die Farbverteilung steuert, ist sowohl von der Jahreszeit als auch vom geographischen Standort abhängig, so dass sich am Schreibtisch der natürliche Tagesverlauf nachempfinden lässt. Eulen mit versetztem Tagesrhythmus können trotzdem manuell eingreifen.

Menschenzentrierte Beleuchtung nennen Ingenieure diese Technik, die den biologischen Rhythmus unterstützen soll. Sie ist mitnichten eine esoterische Angelegenheit. Die Erkenntnis, dass die Produktion des Schlafhormons Melatonin über die Blaulichtaufnahme der Ganglien-Zellen im menschlichen Auge gesteuert wird, ist seit 2002 durch die Arbeit des Neurologen Russel Foster belegt. Vor dem Siegeszug der LED waren entsprechende Leuchten jedoch unbezahlbar. Jetzt präsentierte Ledvance in einem Hinterzimmer der Messe die erste Büro-Hängeleuchte für den Massenmarkt, deren Lichtfarbe ebenfalls mit dem Tagesverlauf wechselt. Dafür wird das Licht von 240 LEDs, die Hälfte warmweiß, die andere kaltweiß, so gemischt, dass die Lichtfarbe zwischen 2700 und 6500 Kelvin schwankt. Die vollautomatische Steuerung ist in einem Drehschalter mit kleinem Display verborgen, der in der Anschlussdose eines normalen Lichtschalters montiert werden kann. Über das Funkprotokoll Zigbee kommuniziert sie mit der Leuchte. Eine Smartphone-Steuerung sei für Großraumbüros und Besprechungszimmer nicht praktikabel, argumentiert Ledvance-Fachmann Dieter Lang. „Wir wollen eine einbaufertige Nachrüstlösung, deren Installation von jedem Elektriker vorgenommen werden kann.“ So ist denn in den Schalter auch ein einfacher GPS-Sensor integriert, der die ortsabhängige Steuerung vornimmt. Eingreifen kann der Mensch über ein Drehrad oder einige wenige vorinstallierte Stimmungen. Noch handelt es sich um einen Prototyp, die Entscheidung über eine Serienproduktion soll aber demnächst fallen.

Schon leuchtet der Pool während des Sommerfests lila

Das Unternehmen Ledvance selbst ist ein Kind der LED-Revolution. Erst vor gut zwei Jahren wurde es von Osram abgespalten und bündelt nun das komplette Handelsgeschäft. Der strategische Fokus liegt mittlerweile nicht mehr auf den Leuchtmitteln, sondern auf Leuchten und branchenspezifischen Lichtlösungen. Die Langlebigkeit der LED macht das Ersatzgeschäft deutlich unattraktiver als zu Zeiten der Glühlampe. Auch der zweite große europäische Leuchtmittelanbieter reagiert auf diesen Trend: Philips hatte sein Lichtgeschäft bereits an die Börse gebracht und ändert nun sogar den Unternehmensnamen der neuen Tochtergesellschaft in Signify. Die Produkte sollen im Handel aber weiterhin unter der Marke Philips angeboten werden. Unter den für nichtprofessionelle Nutzer gedachten Neuheiten ragt besonders Hue Outdoor heraus. Damit übertragen die Niederländer den Grundgedanken von Hue in den Garten. Man tausche die bisherige Glühlampe gegen eine mit W-Lan-Empfänger ausgestattete Lampe aus. Sodann kann man über Tablet oder Smartphone die Lichtfarbe programmieren, schon leuchtet der Pool während des Sommerfests lila. Die für den Gebrauch im Haus gedachten Hue-Lampen erhalten in der nunmehr dritten Generation zusätzliche Fähigkeiten, etwa die, auf Musik oder das Geschehen in einem Computerspiel zu reagieren.

Eine wirklich revolutionäre Idee stellt Philips mit der Lifi-Technik vor. Daten sollen demnach künftig nicht mehr über das W-Lan, sondern über sichtbares Licht mit einer Wellenlänge nahe dem Infrarotbereich. Da Lichtwellen im Nanometerbereich viel kürzer sind als die Millimeterwellen, mit denen Funknetze arbeiten, stehen theoretisch viel größere Datenübertragungsraten zur Verfügung. Unter Laborbedingungen sollen schon mehr als 200 Gigabit je Sekunde erreicht worden sein. Philips spricht dagegen von heute realisierbaren 30 bis 40 Megabit je Sekunde, was der Leistungsfähigkeit heutiger W-Lan-Anschlüsse entspräche. Signify-Chef Erich Rondolat begründet die ersten Pilotversuche denn auch mit der drohenden Überlastung der WiFi-Netze durch das Internet der Dinge sowie der erhöhten Abhörsicherheit. „Es handelt sich nicht mehr um Science-Fiction“, sagt Rondolat. Die ersten LiFi-Lampen werden derzeit von der französischen Immobiliengesellschaft Icade in Paris erprobt.

Für professionelle Anwendungen in Büros, Fabriken und im Einzelhandel war ein Großteil der Lichtinnovationen auf der diesjährigen Light+Building reserviert. Das gilt insbesondere für die Software-Plattformen der großen Anbieter, wie sie Osram mit Lightelligence vorstellte. Den Grundgedanken formuliert Stefan Kampmann, Technikchef des Traditionsherstellers, wie folgt: „Das technische Licht ist der Steigbügelhalter für intelligentes Gebäudemanagement.“ Da jede Leuchte ohnehin an ein Stromkabel angeschlossen ist, so die Logik, können auch Bewegungsmelder oder Sensoren für die Luftqualität oder die Temperatur integriert werden. Werden die so gewonnenen Daten an einen externen Server weitergeleitet, dann können daraus wertvolle Informationen gewonnen werden, etwa um die Klimatisierung zu steuern oder auch nur die tatsächliche Raumbelegung zu analysieren. Die Osram-Plattform soll das technische Grundgerüst bieten, um das Internet der Dinge ins Gebäude zu bringen. Sie ist offen für externe App-Entwickler, die ihre Ideen ähnlich wie auf dem Betriebssystem eines Smartphones auf der Plattform für jeden Nutzer zur Verfügung stellen können.

Auch im digitalen Zeitalter, das ist die gute Botschaft der Messe, werden gutes Aussehen und handwerkliche Qualität nicht unwichtig, wie Sattler beweist. Mit Gioco präsentiert der schwäbische Mittelständler eine Leuchtenserie, deren Form in unterschiedlichen Größen konsequent dem Prinzip des italienischen Mathematikers Leonardo Fibonacci folgt. Die Außenkanten der Quadrate und Rechtecke bestehen aus eloxiertem Aluminium und sind perfekt gefügt. Die Lichtverteilung ist vollständig homogen, was bei mit LED erzeugtem Flächenlicht eine technische Herausforderung darstellt. Wer will, kann die Innenfläche mit schallabsorbierendem, schwarzem und mithin kaum sichtbarem Vlies ausstaffieren – und endlich herrscht Ruhe im dicht besetzten Großraumbüro oder dem trendigen Szenetreff. Modernes Licht ist eben mehr als der Ersatz der Glühlampe durch die LED.

Quelle: F.A.S.
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