Wolkenkratzer 432 Park Avenue

Die Ruhe im Turm

Von Georg Küffner
 - 16:48
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Das ist die womöglich unkonventionellste Art des Probewohnens: Nicht ein komplettes Appartement, aber doch ein maßstabgerecht aufgebautes und komplett möbliertes Zimmer des bleistiftschlanken Wolkenkratzers 432 Park Avenue hat man auf dem Schwing-Tisch des Marine Institute der Memorial University of Newfoundland ausgiebigen Test unterzogen. Hier, wo normalerweise das Schlingerverhalten von Ozeandampfern untersucht wird, galt es herauszufinden, ob und wie die zu den Simulationsversuchen geladenen potentiellen Käufer der auf 96 Etagen untergebrachten 104 Wohnungen in New Yorks neuestem Wohnturm auf das Schwanken des Gebäudes reagieren.

Auch Michael Stein, Partner und New Yorker Repräsentant des Stuttgarter Ingenieurbüros Schlaich Bergermann (SBP), hat am Testtisch in dem Proberaum Platz genommen. Nicht zum Spaß, waren seine Kollegen und er doch mit der Qualitätssicherung (Peer Review) des von WSP Cantor Seinuk ausgetüftelten Tragwerkkonzepts des Turms beauftragt. So arbeiteten die SBP-Ingenieure daran, die aus viel Armierungsstahl und (aus Platzgründen) wenig Beton gefertigten Stützen möglichst schlank zu halten. Und eben die Schwingungsanfälligkeit des Baus zu reduzieren: „Saß man mit aufgestützten Armen an diesem Testtisch, spürte man jede Bewegung“, schildert Stein seine Beobachtung. „So zog die Tischplatte sacht am aufgelegten Unterarm, schob ihn hin und her, während die Stuhlbeine, weil sie etwas tiefer liegen, einen anderen Weg nahmen.“

Ob die Kundschaft das mag? Sicherlich reagiert jeder anders, die Menschen sind unterschiedlich empfindlich. Im Umfeld des den rund 1,3 Milliarden Dollar teuren Wolkenkratzer bauenden Immobilienunternehmers Harry Macklowe jedenfalls war man sich sicher, ein schwingender Turm steigere nicht unbedingt dessen Attraktivität. Ein stark schwingender schon gar nicht. An die große Glocke wollten die Erbauer dieses Thema jedenfalls nicht hängen. Folgerichtig sahen sie auch keine Notwendigkeit, ausführlicher zu erklären, mit welchen technischen Kniffen das Bauwerk auch bei stürmischem Wetter nahezu vollkommen ruhig gehalten wird. Denn das Ergebnis soll für sich sprechen. Der Turm steht stabil und ruhig da. Lediglich bei extrem böigen Winden sind leichte Bewegungen zu spüren.

Das zu erreichen war kein einfaches Unterfangen. Denn anders als bei im Vergleich normalen Hochbauten mit einem erprobten Verhältnis von Gebäudehöhe zu Grundfläche von 4 zu 1 beziehungsweise 5 zu 1 liegt diese Relation bei dem 426 Meter hohen 432 Park Avenue bei beachtenswerten 15 zu 1. Das macht eine steife Konstruktion nicht einfacher. Zudem sollte die Aussicht aus den 3,6 mal 3,6 Meter messenden, bodentiefen Fenstern nicht beeinträchtigt werden, was starke Pfeiler und Aussteifungen ausschloss.

Wind kann weitgehend ungehindert durch den Turm blasen

Es mussten also intelligente Lösungen gefunden werden. So hat man den Bau luftdurchlässig gemacht. An fünf Positionen über die Turmhöhe verteilt wurden jeweils zwei übereinanderliegende Stockwerke geöffnet. Der Wind kann an diesen Stellen weitgehend ungehindert durch den Turm blasen, was die auf das Bauwerk einwirkenden Kräfte deutlich mindert. Was diese Freiluftetagen genau gebracht haben, das haben die auf das Stabilisieren hoher Türme spezialisierten Ingenieure des kanadischen Unternehmens RWDI (Rowan Williams Davies & Irwin Inc.) ausgiebig im Windkanal geprüft. Und sie haben erkannt, dass diese Maßnahme allein nicht reicht.

In den New Yorker Wohnstift mussten zudem Schwingungsdämpfer eingebaut werden, wie sie von RWDI bereits in mehreren Hochhäusern installiert wurden. So auch in den im Jahr 2004 fertiggestellten, 508 Meter hohen Wolkenkratzer Taipeh 101, der einst der höchste Wolkenkratzer auf der Welt war.

Pendelgewicht und Länge des Pendels müssen genau stimmen

Bei dem hier eingebauten Dämpfer handelt es sich um ein kugelförmiges, 600 Tonnen schweres Pendelgewicht, das an mehreren Federn hängt und, einmal angeregt, den Schwankungsbewegungen des Turms genau entgegenwirkt und diese aufzehrt. Das ist ein auf den ersten Blick einfaches Prinzip, doch müssen Pendelgewicht und Länge des Pendels genau stimmen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Beim 432 Park Avenue kam solch ein Einfachdämpfer nicht in Frage. Das hatten die RWDI-Ingenieure schnell erkannt, ergaben ihre Rechnungen doch eine erforderliche Pendelmasse von 1200 Tonnen bei einer Pendellänge von fast 50 Metern. Über acht Stockwerke hätte man das Pendel schwingen lassen müssen und dabei jede Menge teuren Wohnraum verschenkt. So ging es also nicht.

Um Platz zu sparen, wurde das Pendelgewicht geteilt. Die Konstrukteure haben zwei jeweils 600 Tonnen schwere, aus mehreren Teilen bestehende Dämpfer installiert, die in vergleichsweise schlanken Räumen unmittelbar neben dem die Aufzüge und das Treppenhaus aufnehmenden Kern des Hochhauses untergebracht werden konnten. Richtig klein sind sie aber dennoch nicht. So besteht jeder der beiden Dämpfer aus zwei containergroßen Stahlgewichten, die mit Federarmen an der Decke des Raums befestigt sind. Zudem, das ist für den gesamten Wirkmechanismus entscheidend, wirkt die Konstruktion als umgedrehtes Pendel, sie wird von Stoßdämpfern in der Schwebe gehalten, die am Boden verschraubt sind. Das alles klingt kompliziert und ist es auch. Doch es geht noch mehr: Die beiden Containergewichte wurden zusätzlich noch horizontal über klassische Stoßdämpfer mit einer dritten Schwingungsmasse verbunden, die zwischen diesen beiden Hauptschwinggewichten hin und her pendeln kann.

Jetzt schwingt nichts mehr in den Appartements, die aber wohl wieder nur etwas für die oberen Zehntausend sind.

Hausmeister

Es ist das wohl teuerste Wohnhaus der Welt. Für das Penthouse an der Spitze des auf den Namen 432 Park Avenue hörenden Turms wurden 95 Millionen Dollar bezahlt. Eine weniger exponiert gelegene Dreizimmerwohnung ist dagegen bereits für 17 Millionen Dollar zu haben. Mittlerweile ist fast aller Wohnraum verkauft, an Oligarchen, Mogule und illustre Aristokraten, die nicht unbedingt ständig in dieser Immobilie wohnen wollen. So geht man davon aus, dass das Haus übers Jahr gesehen nur zu einem Drittel belegt sein wird. Einige Appartements werden nie Bewohner sehen, sie dienen als reine Spekulationsobjekte.

Prägendes Stilelement des Turms ist das Quadrat. Das gilt für die Fassade und auch den 28 mal 28 Meter messenden Grundriss. Ob damit dem aus Uruguay stammenden Architekten Rafael Viñoly ein ästhetischer Knüller gelungen ist, in diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander. Fest scheint jedoch zu stehen, wer für die Gestaltung Pate stand: ein Papierkorb. Doch keiner von Staples, sondern ein 1905 von Josef Hoffmann, dem Mitbegründer der Wiener Werkstätten, erdachtes Exemplar, das heute als Original auf Auktionen stattliche Preise erzielt.

Schlank, teuer und hoch: Der am unteren Ende des Central Parks gelegene luxuriöse Wohnstift überragt das Empire State Building um 45 Meter. Er prägt damit die Silhouette Manhattans. Und er wirft bei sonnigem Wetter einen über mehrere Blocks reichenden Schlagschatten. Zudem nimmt er den hinter dem Turm gelegenen Hochhäusern die Sicht auf den Park. Möglich macht das ein New Yorker Gesetz, das Investoren ermöglicht, oberhalb von Nachbargebäuden die Luftrechte zu erwerben. Was neue Perspektiven ermöglicht. So kommt von dem bei Oiio Architecture Studio, New York, beschäftigten griechischen Architekten Ioannis Oikonomou der Vorschlag, nicht unweit von 432 Park Avenue mit einem kühnen, rund 600 Meter hohen Bogenbau zwei Grundstücke zu verbinden. Das auf dem Kopf stehende U-förmige Gebäude, The Big Bend, brächte es auf eine Länge von 1,2 Kilometer und wäre damit das längste Gebäude der Welt. Nicht wirklich. Denn diese zweifelhafte Ehre kommt sicher noch länger dem in Prora, einem Ortsteil der Gemeinde Binz auf Rügen, zwischen 1936 und 1939 gebauten, unvollendet gebliebenen KdF-Seebad Rügen zu. 20.000 Menschen sollten hier gleichzeitig Urlaub machen können.

Quelle: F.A.S.
Georg Küffner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Georg Küffner
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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