Fliegende Brandbekämpfung

Vom Himmel hoch, da lösch ich her

Von Jürgen Schelling
 - 15:56
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Die Schreckensmeldungen von den verheerenden Waldbränden aus Portugal klingen noch in den Ohren, da kommen schon beunruhigende Nachrichten aus dem eigenen Land. Der Waldbrand-Gefahrenindex ist in der vorletzten Juniwoche bei tropischen Temperaturen und permanenter Trockenheit vor allem in Bayern auf die höchste Warnstufe geklettert. Das hat Folgen. Denn nun sind nicht nur Feuerwehren in Ober- und Niederbayern, Franken sowie Schwaben oder der Oberpfalz in höchster Bereitschaft, auch die Mitglieder des Deutschen Flugbeobachtungsdienstes in der Luftrettungsstaffel Bayern sind alarmiert. Sie steigen nun jeden Tag in den Nachmittagsstunden mit ihren viersitzigen Propellerflugzeugen in die Luft, um entstehende Waldbrände früh erkennen, die Rettungsleitstellen am Boden alarmieren und die Feuerwehren dann rasch zum möglichen Brandherd dirigieren zu können.

Bayern ist in der vorbeugenden Waldbrandbekämpfung aus der Luft unter den 16 Bundesländern führend. Im Freistaat sind 32 Stützpunkte vorhanden, von denen ein Flugzeug mit Luftbeobachtern abheben kann. „Jeder Punkt in Bayern ist in zwanzig Minuten erreichbar“, sagt Karl Herrmann, Präsident des Deutschen Flugbeobachtungsdienstes der Luftrettungsstaffel Bayern e. V. und selbst Pilot mit jahrzehntelanger Flugerfahrung.

Angeordnet werden Flüge wie in der vergangenen Woche beispielsweise von der Regierung von Unterfranken in Absprache mit dem regionalen Waldbrand-Beauftragten der Bayerischen Forstverwaltung. Die Flugrouten werden angesichts der höchsten Warnstufe des Gefahrenindex zwischen Bezirksregierungen, Forstämtern und den Piloten abgestimmt. So wird genau festgelegt, auf welchen besonders gefährdeten Routen nach möglichen Feuern Ausschau gehalten wird. Dies sind beispielsweise Gegenden mit hohem Schadholzbestand, aber auch Regionen rings um beliebte Grillplätze. Die rund 300 Piloten und Pilotinnen der Luftrettungsstaffel gehören Vereinen an oder sind Privatpersonen, die ihre Flugzeuge oder Helikopter in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Sie fliegen ehrenamtlich. Die sie begleitenden Luftbeobachter, etwa von Katastrophenschutz, Forstverwaltung, Kreisverwaltungsämtern oder Feuerwehr, absolvieren, bevor sie in die Luft gehen dürfen, alle eine spezielle Ausbildung an der Feuerwehrschule Würzburg. Dort bekommen sie das Erkennen von entstehenden Waldbränden oder anderen Feuern beigebracht, das Bestimmen der Position oder auch die richtigen Kommunikationsabläufe zwischen den beteiligten Rettungskräften.

Nicht jeder Flugplatz ist geeignet

In manchen Regionen Bayerns ist es sogar Vorschrift, dass immer zwei Luftbeobachter an Bord des Flugzeugs sein müssen. Einer vom jeweils zuständigen Forstamt, der andere von der Feuerwehr. Geflogen wird etwa zwei Stunden lang, zumeist in viersitzigen Propellerflugzeugen. Das sind einmotorige Cessna 172 oder Piper PA-28, manchmal aber auch französische Robin-Segelschleppflugzeuge oder auch zweisitzige Motorsegler.

Nicht jeder Flugplatz ist für den Einsatz von Luftbeobachtern zur vorbeugenden Waldbrandbekämpfung geeignet. Es gibt Plätze mit kurzen Startbahnen, etwa das oberbayerische Jesenwang nahe München mit nur 400 Meter Runway-Länge. Da im Sommer bei hohen Temperaturen, zwei Personen an Bord und vollen Tanks die benötigte Startstrecke deutlich ansteigt, können 400 Meter zu kurz sein. Deswegen haben die Beobachter zur vorbeugenden Waldbrandbekämpfung in dieser Region eine Genehmigung erhalten, am nahe gelegenen Sonderflughafen Oberpfaffenhofen aufzusteigen, wo normalerweise nur Business-Jets abheben. Die dortige Landebahn mit mehr als zwei Kilometer Länge ist für jede Propellermaschine ausreichend lang.

Schwere Waldbrände in Bayern sind Ausnahme

Niedersachsen hat sogar zwei eigene Feuerwehrflugzeuge vom Typ Cessna im Einsatz. Mit diesen werden wie in Bayern bei hohem Waldbrand-Gefahrenindex Beobachtungsflüge über den ausgedehnten Waldgebieten des nördlichen Bundeslandes unternommen. Aber auch mit diesen Flugzeugen kann nicht aus der Luft gelöscht, sondern nur alarmiert werden.

Pilot und Luftbeobachter sind dabei per Funk in Kontakt mit dem Katastrophenschutz oder der Feuerwehr am Boden, damit im Ernstfall die Rettungskette schnell greifen kann. Durch die breit aufgestellte Luftrettungsstaffel sind in Bayern schwere Waldbrände die Ausnahme, zudem wird auch mal unbürokratisch in benachbarten Bundesländern ausgeholfen.

Helikopter der Bundeswehr können zum Einsatz kommen

Sollte trotz aller Vorbeugung dennoch ein Feuer ausbrechen, können wie auch in anderen Bundesländern einige Helikopter von Bundeswehr oder Bundespolizei mit Löschwasser-Außenlastbehältern ausgerüstet werden. Die hängen unter dem Hubschrauber, werden in Seen oder von Feuerwehrfahrzeugen befüllt und direkt über dem Brandherd ausgeleert. Ebenfalls geeignet für eine Brandbekämpfung vor allem im deutschen Bereich der Alpen sind Arbeitshubschrauber, viele davon stammen aus dem benachbarten Österreich. Auch sie können Löschwasser-Außenlastbehälter mit sich führen. Da ihre Piloten zentimetergenaues Absetzen der Unterlast-Fracht gewohnt sind, ist ihr Einsatz punktgenau und damit manchmal sogar effektiver als eine eher großflächigere Brandbekämpfung durch schwere Helikopter von Bundeswehr oder Bundespolizei.

Bis vor einigen Jahren hatte das Bundesland Brandenburg sogar ein eigenes Löschflugzeug. Das war eine einmotorige polnische PZL-Propellermaschine vom Typ 18 Dromader, die in einem Löschtank einige hundert Liter Wasser transportieren und über dem Feuer abwerfen konnte. Das umgebaute Agrarflugzeug ist allerdings nicht mehr im Einsatz.

Anders als in Deutschland geht im Mittelmeerraum nichts ohne den Einsatz schwerer Löschflugzeuge. In den oft unzugänglichen und wenig besiedelten Regionen im Hinterland der Küsten sind diese und Löschhubschrauber oft die einzige Chance, einen Brandherd einzudämmen und die Feuerwehren am Boden effektiv zu unterstützen. Deshalb sind im französischen Korsika, in Spanien, Griechenland und Portugal die großen Löschflugboote ein gewohnter Anblick am Himmel oder an den Küsten.

Einsätze sind extrem herausfordernd

In diesen mediterranen Ländern mit hoher Waldbrandhäufigkeit, wie auch jetzt bei den verheerenden Waldbränden in Portugal, sind vor allem Maschinen vom Typ Canadair 215 T oder 415 des kanadischen Herstellers Bombardier im Einsatz, heute werden diese Spezialflugzeuge von Viking Air gebaut. Die Flugboote haben zwei Propellerturbinen des Typs Pratt & Whitney PW 123 AF. Sie leisten jeweils 2380 PS. Die 415 hat als modernste Version anders als die 215-T-Variante vier statt zwei Löschtanks. Die Canadair 215/415 ist zudem das einzige Flugzeug der westlichen Welt, das speziell auf die Feuerbekämpfung aus der Luft hin konstruiert wurde. Durch ihr Amphibienfahrgestell kann sie sowohl auf Land als auch auf Wasser starten und landen.

Für die Piloten sind Löscheinsätze, wie sie derzeit in Portugal von mehreren internationalen Crews stattfinden, extrem herausfordernd und nicht zu vergleichen mit den Beobachtungsflügen zur vorbeugenden Waldbrandbekämpfung hierzulande. Heftige Turbulenzen schütteln die Piloten über dem Brandgebiet durch. Die Sicht über dem Feuer ist durch Rauch und Qualm schlecht. Hinzu kommt eine hohe Anspannung über Stunden hinweg, die den beiden Flugzeugführern im Cockpit zu schaffen macht. Sie steuern in der Canadair 215/415 rein nach Sicht ohne Unterstützung eines Autopiloten und haben deshalb kaum Zeit zum Entspannen.

Phase des Flugs ist ähnlich gefährlich wie über dem Brandherd

Anders als bei Piloten von bodengebundenen Löschflugzeugen, die auf einem Flugplatz landen, ihren Wassertank aufgefüllt bekommen und in dieser Zeit Pause machen können, ist eine Canadair-Crew bis zur Landung zum Kerosintanken quasi im Dauereinsatz. Sofort nach dem Abwurf von etwa 6000 Liter Wasserballast über dem Feuer wird auf dem nächstmöglichen See oder im Meer wieder aufgesetzt und Löschwasser aufgenommen. Dabei gleitet die Maschine auf dem Wasser vergleichbar einem Tragflächenboot. Die Flüssigkeitsaufnahme dauert bei der Canadair zwar nur zwölf Sekunden, ist aber anspruchsvoll für die Piloten. Denn das Flugboot ist bei diesem Manöver auf dem Wasser immer noch etwa 130 Kilometer in der Stunde schnell. Durch eine Luke unten am Rumpf wird das Wasser binnen Sekunden in die Löschtanks gepresst. 410 Meter Strecke auf dem Meer oder einem See reichen aus, um die Löschtanks zu befüllen.

Jetzt hat die Maschine aber plötzlich sechs Tonnen mehr Gewicht und fliegt entsprechend schwerfälliger. Diese Phase des Flugs ist ähnlich gefährlich wie über dem Brandherd, weil die Crew auf Wellengang, wechselnden Wind oder etwa Boote oder im Wasser treibende Gegenstände aufpassen muss, schlimmstenfalls sogar auf Schwimmer. Eine Kollision mit Treibgut bei Tempo 130 könnte das Flugzeug zerstören. Zu hohe Wellen hingegen können selbst die massiv gebaute Canadair beschädigen, sie kann sich überschlagen oder zu Bruch gehen. Der Einsatz dieser Löschflugzeuge ist also nicht ohne Risiko. Dennoch ist er alternativlos, weil eine wirksame Brandbekämpfung ohne geeignete Infrastruktur in diesen Gebieten oft gar nicht erst möglich wäre.

Quelle: F.A.Z.
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