Messe Eurobike

Der Akku muss weg!

Von Hans-Heinrich Pardey
 - 17:14
zur Bildergalerie

Vorwegposaunen gibt es immer viel. Die erste echte Eurobike-Neuigkeit in diesem Jahr aber kam pünktlich ein paar Tage vor der Messe, die am Mittwoch beginnt, und sie kam nicht aus Friedrichshafen. Die Macher der Velo Berlin – das sind als Veranstalter die Messegesellschaft vom Bodensee und als Ausrichter, sprich Gestalter die Berliner Agentur Velokonzept – verkündeten: Das Fahrradereignis in der Hauptstadt habe für den April 2018 mit dem ehemaligen Flughafen Tempelhof „eine der angesagtesten und gleichzeitig traditionsreichsten Location-Hotspots Deutschlands“ gefunden. Gleichzeitig hörte man, es knistere bei der Konkurrenz im Gebälk: Angesichts personeller Veränderungen sei es nicht ausgemacht, ob die als besonders hip geltende und den Aspekt Lifestyle ebenfalls im Frühjahr überdeutlich betonende Berliner Fahrradschau 2018 überhaupt stattfinde.

Dass die Friedrichshafener Eurobike schon seit Jahren ein Spielbein im Frühling nach Berlin setzt, hängt nicht zuletzt mit dem Entwicklungstempo der Technik und der Moden zusammen. Das ist auch in der Fahrradbranche deutlich gestöeigert worden: Wer die Nase im Wind haben will, blickt bereits auf 2019. Was in der Saison 2018 verkauft werden soll und zu haben sein wird, kennen nicht nur die Branche, sondern auch der früh informierte Kunde längst. Mit ihrem Termin Ende August verwies die Eurobike in der Vergangenheit auf das kommende Frühjahr, wenn wieder alle in den Fahrradladen stürmen. Angesichts eines in einer ganzen Reihe von Details längst absehbaren Modelljahrs 2018 kann die Leitmesse, wie die Friedrichshafener ihren Erfolgsmotor gern nennen, aktuell lediglich Entwicklungen kanonisieren.

Für rund 8000 Euro

Als wichtigste wären da zu nennen: Das Elektrorad lahmt keineswegs. Mit Continental mischt sich ein weiterer deutscher Autozulieferer ins Geschehen ein und setzt auf die international verbreitete 48-Volt-Technik. Bemerkenswert ist hier die Verbindung von Motor und stufenlosem Getriebe (Nu Vinci Harmony) zu einer kompakten Einheit. Spätestens von dieser Eurobike an wird man mit einem Blick zwischen aktuellen und bejahrten (oder besonders traditionell gestalteten) Elektrorädern unterscheiden können.

Was ursprünglich von Brose/BMZ und dem Mountainbike-Hersteller Rotwild ins Spiel gebracht wurde, wird nun von den allermeisten Anbietern gezeigt: Der Akku, manchmal sind es sogar zwei wie bei Shimano, verschwindet im Rahmen. Von oben, von unten und von der Seite wird der Energiespeicher entweder nur eingefügt oder auch zum mittragenden Teil der Rahmenkonstruktion. Trotz der optischen Unauffälligkeit steigt die Größe des Energievorrats, ablesbar an der Zahl der Wattstunden (Wh): Nur noch Billigstangebote und Räder, die ausdrücklich für die Kurzstrecke konzipiert sind, begnügen sich, auch aus Gewichtsgründen, mit 300 Wh. Etwas mehr als die doppelte Kapazität knackt die 100-Kilometer-Grenze, und zwar ehrlich und wiederholbar. Zwei Akkus verleihen nicht nur dem Lasten- oder Reiserad, sondern auch dem Mountainbike mit mehr als 1000 Wh größere Reichweite.

Apropos, Mountainbike: Es gibt nicht mehr das E-Mountainbike, sondern jede Spielart des Geländerads mit Motor, vom robust-einfachen Wanderrad bis hin zu einem Downhill-Boliden wie dem Xduro Dwnhll 10.0 von Haibike. Für rund 8000 Euro gibt es im Aluminiumrahmen ansprechend kaschiert den Bosch Performance-Line-CX-Antrieb samt 500-Wh-Akku, vorn und hinten 200Millimeter Federweg von Fox und 203-Millimeter-Scheiben an den Bremsen aus Shimanos Saint-Serie. Unübersehbar ist das Motto: Rauf mit Motor und runter mit Karacho.

Der „Ass Saver“

Noch mehr Aufgeräumtheit wird von Winora für die Stadt geboten: Das Sinus iX 11 Urban (rund 3000 Euro) fügt nicht nur Antrieb (Bosch Performance Line CX), Akku, Gepäckträger und Federgabel in die klaren Linien ein, sondern lässt auch weitgehend Kabel und Züge im Rahmen verschwinden. Das auch „Ein-bisschen integriert“ geht, zeigt Riese und Müller etwa mit der Neuauflage des Modells Charger: Der Motor ist deutlich zu sehen, der Akku dezent verbaut.

Während sich das Modelljahr 2018 bei den Elektrorädern klar kenntlich macht, herrscht bei vielen anderen Fahrradtypen der Eindruck vor: Das hatten wir doch schon, so oder sehr ähnlich zumindest. Scheibenbremsen und dicke Reifen am Rennrad reißen einen ja nicht mehr zu Begeisterungsstürmen hin, das Rennrad fürs Grobe namens Gravelbike kommt eher mühsam in die Gänge, nostalgische Cremefarben, Sättel und Lenkergriffe in pflegeleichter Lederoptik guckt ein Hersteller beim anderen ab.

Es wirkt manchmal so, als werde ein großer Teil der Kreativität voll auf die elektrischen Räder konzentriert. Dem widerspricht nicht, dass in Friedrichshafen wieder technische Leckerbissen wie der leise Riemenantrieb fürs vollgefederte Geländerad mehr als nur ein Gesprächsthema sein werden. Gates bietet dafür eine in unmittelbarer Nähe der Kurbel plazierte Umlenkrolle an, die den Karbonzahnriemen in gleichmäßiger Spannung hält, wenn sich der Hinterbau bewegt. Die Übersetzungen werden am Tretlager von einem Pinion-Getriebe gewechselt.

Und dass es gerade auf der so modebewussten Eurobike noch jede Menge Accessoires zu entdecken gibt, versteht sich. Bike Packing wird als besonders angesagt propagiert, und der kurzentschlossene Radausflug mit ultraleichtem Gepäck zeitigt jede Menge Spezialausrüstung. Oder soll es vielleicht nur ein poppig bedrucktes Notschutzblech aus Schweden sein, federleichter Kunststoff für die schnelle Montage unter dem Rennradradsattel? Der Name „Ass Saver“ sagt alles.

Die schiere Fülle der Fahrradwelt wie dieser Messe bringt es mit sich, dass man Dinge entdeckt, die es nicht erst geben wird, sondern die schon da sind. Beim Durchmustern der Helme fällt ein vor lauter Aerodynamik beinahe gefährlich aussehender Kopfschutz von Abus auf. Mit seinen Hutzen sorgt er zwangsweise für gute Belüftung. Obwohl er Kühlung nur so hereinschaufelt, wurde beim Game Changer die Stirnfläche um 23 Prozent reduziert. Für rund 200Euro bringt er auch eine Brillenhalterung und flatterfreie Gurte mit. Am kommenden Samstag ist auf der Eurobike nach drei Tagen Business „Festival Day“, Besuchertag für alle in Friedrichshafen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Pardey, Hans-Heinrich (hp./py.)
Hans-Heinrich Pardey
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBerlinFriedrichshafenContinentalRobert Bosch