Neue Schneekanonen in Warth

The Snow must go on

Von Walter Wille
 - 10:55
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In tief verschneiter Bergwelt auf 2000 Meter Höhe steht ein Boot. Ein Rettungsboot, um genau zu sein. Solide Alu-Konstruktion, seetüchtig, fünf oder sechs Meter lang. Von seinem Unterstellplatz aus schweift der Blick über ein grandioses Gipfelpanorama, das bei jedem Wintersportler einen inneren Jodler auslöst. Oder in diesem Fall: ein Ahoi.

Wozu ein Boot auf dem Berg? Es gibt hochdroben im Skigebiet von Warth neuerdings ein Loch, das gut zwei Millionen Euro gekostet hat. Zwei Sommer lang haben sie gegraben, 50 Tonnen Sprengstoff hochgehen lassen, bis der Krater groß genug war für 170 000 Kubikmeter Wasser. Erst wurde er mit einem Schutzvlies ausgelegt, dann mit einer 2,5 Millimeter starken Folie, Schweißnaht für Schweißnaht aus Tausenden Einzelteilen wasserdicht zusammengefügt. Darauf kam eine weitere Lage Vlies – fertig war der größte Speicherteich Vorarlbergs, Kernstück einer weiträumigen, von Grund auf neu konzipierten Beschneiungsanlage.

Aha, nun also auch Warth, jener Ort, der gemeinsam mit dem Nachbarn Schröcken das „naturschneereichste Skigebiet der Alpen“ betreibt, wie behauptet wird. Statistiken darüber werden seit Jahrzehnten geführt, denen zufolge addiert sich der Schneefall im Verlauf eines Winters im Durchschnitt auf zehn, elf Meter, in starken Jahren auf 15 bis 16, in schwachen auf immerhin noch fünfeinhalb. Warth-Schröcken wird nach wie vor von den Flocken verwöhnt, die bei einem „Nordstau“ genannten Wetterphänomen in besonders großer Zahl zur Landung ansetzen.

Günter Oberhauser, Geschäftsführer der Warther Skilift-Gesellschaft, sagt etwas Überraschendes: Seit 1820 habe es keinen signifikanten Rückgang der Tage mit Schneebedeckung gegeben. Doch am Klimawandel hat auch er keinen Zweifel. Und: „Wir haben in jüngerer Zeit einige schneearme Dezember erlebt. Das merken die Hotelbetriebe. Die Abhängigkeit vom Skitourismus ist enorm. Wir müssen die Grundlage schaffen.“ Das Mittel dafür soll die neue, alles in allem 9,2 Millionen Euro teure Beschneiungsanlage sein, die in erster Linie dafür bestimmt ist, einen pünktlichen Saisonbeginn vor Weihnachten zu gewährleisten.

Außer Pünktlichkeit und Schneesicherheit zählt die Größe eines Skigebiets zu den wichtigsten Entscheidungskriterien wählerischer Urlauber. In dieser Hinsicht sah es für Warth und Schröcken mit zusammen nur knapp 500 Einwohnern (und etwa 2200 Gästebetten) noch vor nicht allzu langer Zeit mau aus. Die junge Generation sah keine Perspektive, wanderte ab. Sieben Jahre lang gab es kein Baby in Warth. Der Kindergarten schloss.

Die Wende kam mit der Eröffnung des Auenfeldjets, einer Verbindungsbahn über bis dahin unerschlossenes Gebiet hinweg nach Lech. Mit dem Anschluss ans Skigebiet des mondänen Nachbarn begann ein neues Spiel. Seitdem steht vom einstmals isolierten Warth-Schröcken aus der ganze weite Arlberg offen: Lech, Zürs, Zug, Stuben, St. Christoph, St. Anton – alles auf Skiern zu erreichen.

Eine „Initialzündung“ sei der Bau des Auenfeldjets gewesen, heißt es im Tal. Statt die Gegend zu verlassen, stiegen Söhne und Töchter in die Betriebe ihrer Eltern ein. Investitionen kamen in Gang und Babys zur Welt – allein im vergangenen Jahr in Warth sechs an der Zahl. Neue Hotels entstehen, die Zahl der Gäste geht nach oben, das Preisniveau ebenfalls. Denn das ehemals bescheidene, noch immer recht beschauliche Warth-Schröcken ist jetzt Teil des riesigen, hochgerüsteten Arlberg-Verbunds, des derzeit größten zusammenhängenden Skigebiets Österreichs. Da darf man sich nicht die Blöße stillstehender Lifte geben, the snow must go on. Daher nun die Anschaffung von 104 Schneemaschinen.

Ganze 14 Kanönchen besaßen sie

Bisher verließen sich die Warther auf das, was die Wolken brachten. Ganze 14 Kanönchen besaßen sie, für punktuellen Einsatz in tiefen Lagen oder an Stellen, wo oft der Wind den Schnee wegfegt. Seit vergangenem November verteilen 85 Propellerkanonen und 19 Schneelanzen die weiße Geschäftsgrundlage auf 15 Pistenkilometern. Ein mächtiger Sprung für die Bergbahner von Warth. Wobei: Woanders wird in anderen ganz Dimensionen gedacht: Kitzbühel beispielsweise setzt nicht 100, sondern mehr als 1000 Schneeerzeuger ein, um 112 Kilometer Abfahrten technisch beschneien zu können, Ischgl nutzt für 238 Kilometer 1100 Schneekanonen.

Wie dem auch sei, die Berge oberhalb von Warth mit von Grund auf neu konzipierter, computergestützter Beschneiungstechnik zu bestücken, mit Kabeln, Glasfaser- und Stromleitungen, Trafos, Pumpen, Filtern und einem Rohrsystem mit 150 beheizbaren Schächten zum Anschluss der Schneeerzeuger, war ein Kraftakt und wird hohe Betriebskosten nach sich ziehen. „Aber kein Schnee ist auch teuer“, sagt Betriebsleiter Markus Lorenz. Er betrachtet die Anlage als eine Schnee-Versicherung, für die halt „eine gewaltige Prämie“ zu zahlen ist. In Form von Strom- und Wasserverbrauch.

170.000 Kubikmeter sind 170 Millionen Liter. Der Bau des Speichersees bedeutete einen harten Eingriff in die Natur. Fünf Standort-Vorschläge reichten die Bergbahner bei den Genehmigungsbehörden ein, letztendlich wurde als geringstes Übel das Areal oben auf 2000 Meter akzeptiert. Einige Tümpel mussten weichen, Molche umgesiedelt werden, wöchentlich war Rapport an die ökologische Bauaufsicht zu richten. Der See sollte möglichst natürlich wirken, weshalb er mit ungleichmäßigen Konturen angelegt wurde. Mit dem Aushub hätte man eine 200 Kilometer lange Kolonne von Lastwagen beladen können, hat jemand ausgerechnet. Ein Teil davon wurde für den Dammbau verwendet, der Rest in der Umgebung verteilt.

Die Dichtigkeit ist wöchentlich zu überprüfen

Solch ein Reservoir sei ein aufwendiges Bauwerk, sagt Lorenz. Ein Dammbruch dürfe keinesfalls passieren. Sonst gute Nacht. Ein Konzept für eine Notentleerung innerhalb von 72 Stunden musste erstellt werden sowie eine Flutwellenanalyse für die Siedlungen Tal. Die Dichtigkeit ist wöchentlich zu überprüfen. Unterhalb der Folie wurden Sickerleitungen angelegt, eingeteilt in neun Sektoren, deren Abflüsse in der Pumpstation Hochalpe etwas unterhalb des künstlichen Gewässers enden. Läuft dort Wasser ins Kontrollbecken, zeigt das an: Ein Loch ist im See. Die Einteilung in neun Abschnitte hilft, eine undichte Stelle rasch zu lokalisieren.

Und es wurde jenes Boot angeschafft, das im Gebäude der Pumpstation liegt. Es ist Teil spezieller Sicherheitsvorkehrungen, die gefordert sind, weil der Speichersee auf der Trasse der Vierer-Sesselbahn Hochalp liegt, die Bahn also das Gewässer überquert. Sollte sie wegen einer Panne stehen bleiben und Passagiere wetterbedingt nicht per Helikopter geborgen werden können, müssten die abgeseilt werden – ins Boot eben, sofern nicht eine tragfähige Eisschicht den See bedeckt. Der Plan sieht vor, dass die Rettungskräfte dann entweder hinrudern oder das Boot mit Hilfe der Seilwinden von zwei an gegenüberliegenden Ufern plazierten Pistenraupen genau unter die Sessel manövrieren.

Die enorme Pumpleistung am Berg beträgt 700 Liter in der Sekunde. „Das reizen wir bei weitem noch nicht aus“, berichtet Betriebsleiter Lorenz. Technisch sei die ganze Beschneiungsanlage schon auf eine Erweiterung in Richtung des benachbarten Schröcken ausgelegt. Sind sämtliche derzeit verfügbaren 104 Kanonen in Betrieb, muss der See 350 Liter in der Sekunde hergeben, umgerechnet 30 000 Kubikmeter beziehungsweise 30 Millionen Liter am Tag. Das Ganze habe auch „gewaltige elektrische Dimensionen“, sagt Lorenz. Bis zu 2,4 Megawattstunden benötigten die 104 Schneeerzeuger und noch einmal die gleiche Menge die ganze Infrastruktur samt Pumpen drumherum.

Einer Faustformel zufolge ergibt ein Kubikmeter Wasser etwa 2,5 Kubikmeter Schnee. Würden die Schneekanoniere von Warth ununterbrochen aus allen Rohren feuern, wäre ihr See nach gut fünfeinhalb Tagen leer. Um ihn wieder zu füllen, hätte die im Tal stationierte Pumpe (Förderleistung 30 Liter in der Sekunde) zweieinhalb Monate zu tun, ununterbrochen. Sie beschafft sich das Wasser an einer Entnahmestelle, die von zwei Bächen gespeist wird.

Einen Speicherteich oben auf dem Berg zu plazieren hat Nachteile. Im Tal hätte er ein Wasser-Einzugsgebiet, wäre leichter zu befüllen, während der Schneeschmelze etwa. Hier muss jeder Liter bergauf gepumpt werden. Der Vorteil: Einmal hochgepumpt, steht das Schneiwasser zuverlässig zur Verfügung. Und weil sich die Schneemaschinen unterhalb des Teichs befinden, fällt der Pumpaufwand geringer aus, denn durch den Höhenunterschied, durch die nach unten drückende Wassersäule wird schon Druck aufgebaut – ein bar je zehn Meter Höhenunterschied. Schneeerzeuger wollen das Wasser mit Druck geliefert bekommen. Zudem erlaubt die Höhenlage des Sees, auf energiefressende Kühltürme zu verzichten, das Kühlen erledigt gratis die Natur. Je kälter das Wasser an den Schneekanonen ankommt, desto besser.

Moderne Maschinen, erklärt der Warther Schneimeister Florian Huber, „erzeugen keine Eispisten mehr“. Die Schneequalität lasse sich steuern, die beigegebene Wassermenge dosieren, so dass zum Beispiel für die Grundbeschneiung im Herbst feuchter, kompakter, haltbarer Schnee herstellt werde, um dann später leichteres, trockeneres Material nachzulegen. Kalte, klare Nächte sind das, was Schneimeister lieben, am besten ohne Wind, damit nicht der kostspielige Schnee irgendwohin verfrachtet wird. Je trockener die Luft, desto milder darf zum Beschneien die Temperatur sein. Ist die Luftfeuchtigkeit extrem niedrig, funktioniert es auch noch knapp oberhalb von null Grad. Herrscht dagegen hohe Luftfeuchtigkeit, etwa bei nebligem Wetter, muss es mindestens minus sechs bis sieben Grad kalt sein.

Der Schnee wird bis Ostern reichen

Schneeerzeuger, heutzutage vernetzt und zentral überwacht, werden nicht nur in Grenztemperaturbereichen effizienter, wie Geschäftsführer Oberhauser sagt, sondern auch schlauer und lernfähig. Sie können selbständig die für sie zuständigen Pumpen starten und den Betrieb aufnehmen, wenn sich passende Bedingungen einstellen. Oder sich automatisch abschalten, wenn es zu warm wird. Sie können als Teil eines lernfähigen Systems Wetterdaten sammeln, so dass sich Erfahrungswerte und Wettervorhersagen auswerten und damit Prognosen für die unmittelbare Umgebung jeder Maschine erstellen lassen. Man kann jedem Standort für den gesamten Winter eine bestimmte Wassermenge zuteilen, basierend auf mehrjährigen Beobachtungen, um eine Überproduktion zu vermeiden. Auch soll bald die flächendeckende, zentimetergenaue GPS-Schneehöhenmessung, mittlerweile in den Pistenraupen installiert, mit dem Beschneiungssystem verknüpft werden.

Von alldem ahnen die meisten Skifahrer, die sich wundern, warum Liftkarten so teuer geworden sind, wenig. Damit ihnen die Kanonen nicht unfallträchtig im Wege stehen, haben die Warther die meisten schon vor Weihnachten im Lager verschwinden lassen. Sie sind sicher: Der Schnee wird bis Ostern reichen, es werden noch meterhoch Naturflocken hinzukommen. Längst ruht still der See. Ski ahoi.

Quelle: F.A.Z.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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