Blackberry und Nokia im Test

Das neue Leben nach der Krise

Von Michael Spehr
 - 08:30

Beide Hersteller waren vom Erfolg verwöhnt und sind tief gefallen. Nokia war der Weltmarktführer bei den Handys, die unbestrittene Nummer eins in jeder Hinsicht, 2002 mit fast 40 Prozent Marktanteil. Nokia bestimmte, wo es langging, die finnischen Produkte waren stets die Referenz. Blackberry gilt als Erfinder der mobilen E-Mail und vielleicht sogar als Vater des Smartphones. Beide Unternehmen produzieren keine Geräte mehr, aber beide stehen trotzdem mit neuen Produkten wieder in den Startlöchern. HMD Global aus Finnland hat nun die Namensrechte für Nokia-Smartphones, und TCL aus China fertigt neue Blackberrys. Gemeinsam ist den Neustartern die Betriebssystem-Strategie: Android soll es sein, eine Rückkehr zum Altbewährten ist nicht geplant.

Vor uns liegen zwei Top-Geräte beider Hersteller: Das Nokia 8 und der Blackberry Motion. Sie sind nahezu gleich groß, aber der erste markante Unterschied ist offenkundig. Das aus einem Aluminiumblock gefräste Gehäuse des Nokia ist poliert und spiegelglatt, eine schützende Hülle ist unabdingbar. Der Blackberry wiederum kommt mit einem soliden Metallrahmen, und seine Rückseite besteht aus einem griffigen Kunststoff. Er liegt deutlich besser in der Hand als das Nokia.

Hinsichtlich Prozessor und Rechenleistung eher Mittelklasse

Die Displaydiagonale des Nokia von 5,3 Zoll ist etwas kleiner als die 5,5 Zoll des Blackberry. Das ist in der Praxis kein Minuspunkt. Wichtiger ist die Auflösung, hier punktet Nokia mit 2540 × 1440 Pixel, während der Blackberry nur 1920 × 1080 Pixel bietet. Die Anzeige des Nokia ist deutlich heller, kontrastreicher, und sie zeigt „Always on“ im oberen Bereich mit Uhrzeit, Akkustand, verpassten Anrufen, neuen E-Mails und SMS. Bis zu 20 Minuten ist diese pfiffige Zusatzanzeige sichtbar.

Beide Geräte bieten eine Kopfhörerbuchse, Platz für eine Nano-Sim-Karte und eine Speicherkarte. Dual-Sim ist nicht vorgesehen. Nur der Blackberry ist gegen das Eindringen von Staub und Wasser gemäß IP67 zertifiziert, das Nokia hat einen Schutz gegen Spritzwasser nach IP54. Der Blackberry bringt eine zusätzliche Seitentaste für den Schnellzugriff auf wählbare Funktionen mit. Neu ist hier, im Vergleich mit älteren Blackberrys, die Option, die Funktion an verschiedene Situationen wie dem Einsatz im Auto oder Zuhause anzupassen.

Der biometrische Fingerabdruckscanner unterhalb der Anzeige funktioniert bei beiden Geräten gut. Vier Gigabyte RAM werden jeweils ergänzt um einen Speicher für Nutzerdaten von 32 (Blackberry) und 64 (Nokia) Gigabyte. Der schnelle Snapdragon 835 ist der von Nokia verwendete Prozessor, er arbeitet bis zu 2,5 Gigahertz und lässt keine Wünsche offen. Der Blackberry ist hinsichtlich Prozessor und Rechenleistung eher Mittelklasse, zum Einsatz kommt ein älterer Snapdragon 625. Beide Geräte verwenden leider nur das alte Android 7. Anfang November erhielt der Blackberry das Sicherheitsupdate vom November, während das Nokia selbst Ende des Monats noch mit dem Sicherheitsupdate vom 1. September fuhr. Das ist nicht gut. Nachdem wir das Gerät Ende November zurückgeschickt hatten, hieß es, Android 8 werde in den kommenden Tagen ausgeliefert.

Preis von rund 500 Euro

Blackberry und Nokia wollen mit einem Original-Android die Kunden überzeugen. In der Vergangenheit hatten die Verbastelungen des Google-Systems durch die Hardware-Hersteller immer wieder für Kritik gesorgt. In der Tat wirkt Android auf den Kandidaten sehr aufgeräumt und transparent. Ein Original erhält man jedoch nur bei Nokia. Blackberry setzt auf die Tugenden seiner eigenen Apps und spielt diese ohne Möglichkeit der Deinstallation auf. Wer den Blackberry Hub als früheres Alleinstellungsmerkmal der alten Geräte schätzte, wird hier sehr zufrieden sein. Aber nicht jedem mag gefallen, dass auch der Kalender, die Kontaktverwaltung und vieles Weitere modifiziert wurden.

Schließlich die Kamera: Das Nokia verwendet eine Doppel-Kamera mit Carl-Zeiss-Linse, optischem Bildstabilisator und einer Auflösung von 13 Megapixel. Videos lassen sich gleichzeitig mit Haupt- und Frontkamera filmen, eine Spielerei. Unter guten Lichtverhältnissen gelingen ordentliche Fotos mit etwas zu kräftigen Farben. Bei schwachem Licht bricht die Leistung der Kamera ein, Artefakte und Unschärfen sind schnell erkennbar. Die Kamera des Blackberry Motion mit 12 Megapixel muss auf einen Bildstabilisator verzichten und erreicht nicht das Niveau des Nokia.

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Beide Geräte überzeugen mit langer Akkulaufzeit. Der Blackberry hat einen fest eingebauten Kraftspender mit 4000 Milliamperestunden. Kein anderes Blackberry-Modell zuvor hatte eine so hohe Batteriekapazität. Laufzeiten jenseits von anderthalb Tagen sind problemlos zu erreichen. Wie bei Nokia fehlt jedoch eine Option für das kabellose Laden. Der Akku des Nokia 8 hat 3090 Milliamperestunden und sorgt damit ebenfalls für außergewöhnlich lange Laufzeiten.

Wer sich am tollen Display erfreut und das schicke und glatte Gehäuse genießen kann, liegt mit dem Nokia 8 für rund 500 Euro genau richtig. Der Blackberry auf gleichem Preisniveau gefällt als robustes Arbeitsgerät und trumpft mit seiner langen Laufzeit auf. Freunde der Marke finden hier ein gelungenes Mittelklassemodell. Ob die Strahlkraft der großen Namen für die neuen Hersteller ausreicht, sei dahingestellt. Android gibt es wie Sand am Meer. Da muss man sich schon mehr einfallen lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spehr, Michael (misp.)
Michael Spehr
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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