Outdoor-Ausrüstung

Muss ja nicht gleich der Mont Blanc sein

Von Stephanie Geiger
 - 09:52
zur Bildergalerie

Der Faden der Geduld ist bei Jean-Marc Peillex, dem Bürgermeister von Saint-Gervais-les-Bains, Mitte August gerissen. Auf dem Gebiet seiner Gemeinde liegt der Gipfel des Mont Blanc, und was sich am höchsten Berg der Alpen in diesem Sommer abspielte, wollte er nicht länger dulden. Wieder gab es Tote und vermisste Bergsteiger, abermals mussten Mont-Blanc-Aspiranten vom Berg gerettet werden, darunter eine ungarische Familie mit ihren neun Jahre alten Zwillingen. Das war zu viel. Der Mont Blanc sei weder Disneyland noch ein Spielplatz, wetterte der Bürgermeister. Wer fortan auf den Berg wolle, müsse eine Grundausrüstung dabeihaben. Dazu zählt Peillex warme Kleidung, Eispickel, Steigeisen und auch Sonnencreme. Wer ohne ausreichende Ausrüstung am Berg angetroffen wird, dem droht nun ein Bußgeld von 38 Euro.

Es muss ja nicht gleich der Mont Blanc sein, aber auch an niedrigeren Bergen sollte die Ausrüstung stimmen. Doch was muss unbedingt mit? Ein Regenschirmhalter für den Rucksack, wie er auf der Outdoor-Messe in Friedrichshafen präsentiert wurde, ist eher Geschmackssache, wie so vieles bei der Ausrüstung. Einiges aber ist nicht verhandelbar. Zweifellos wichtigster Bestandteil sind die Schuhe. „Das richtige Schuhwerk ist ein entscheidender Faktor für Sicherheit und Freude beim Wandern. Von besonderer Bedeutung ist die Sohle, welche sowohl auf Gras und Erde als auch auf Geröll und Fels einen guten Halt geben muss“, heißt es in der Bergwanderfibel des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit. Denn Ausrutschen, Umkippen und Stolpern sind nach Herz-Kreislauf-Problemen die zweithäufigsten Todesursachen am Berg.

Doch Schuh ist nicht gleich Schuh. Er sollte zum jeweiligen Fuß passen, um im Gelände die notwendige Stabilität zu gewährleisten. Von der Passform hängt auch ab, dass man sich keine Blasen an Zehen oder Ferse läuft. Wenn man mit Blasen rechnet, klebt man sich, bevor man in den Schuh schlüpft, über die neuralgischen Stellen Tape. Wobei die Erfahrung zeigt: Am Tape sollte man nicht sparen. Das feste aus der Apotheke ist deutlich besser als das dünne aus dem Drogeriemarkt. Auch mit den Strümpfen kann man experimentieren. Der Bamberger Hersteller CEP, der unter anderem Kompressionsstrümpfe für Läufer herstellt, hat auch Outdoor-Socken im Angebot. Der Vorteil: Sie liegen eng an und bilden keine störenden Falten.

Die Frage nach dem richtigen Schuh ist nicht nur mit dem Hinweis auf die Passform zu beantworten. Der Schuh muss auch zur Aktivität passen. Leichte Trailrunning-Schuhe haben auf einem Gletscher nichts verloren. Dagegen braucht man für Wanderungen auf breiten Wegen, die sogar mit einem Kinderwagen befahren werden können, keine steigeisenfesten Bergschuhe.

Das ist der Grund, weshalb Bergsteiger meist mehrere Paar Schuhe zu Hause stehen haben. Etwas festere Zustiegschuhe, mit denen man gut zu alpinen Kletterfelsen kommt und auch sonst auf Wanderungen gut ausgestattet ist. Schuhe für felsiges Gelände, mit denen man auch im Klettersteig trittsicher unterwegs ist und auf die auch Steigeisen montiert werden können, falls man bei einem Aufstieg über einen Gletscher gehen muss. Und wer höher hinauf will, hat für diesen Zweck isolierte Hochtourenschuhe zu Hause.

Der jüngst vorgestellte Zustiegschuh Konseal FL Approach von Arcteryx wiegt nur 320 Gramm. Bei den Wanderschuhen wird dem Super Leggera von Dachstein eine besonders gute Passform zugeschrieben. Der Schuh hat ein gestricktes Obermaterial, das ihn so bequem machen soll wie einen Hausschuh. Von nächstem Jahr an gibt es ihn mit einer Gore-Tex-Membran ausgestattet. Ebenfalls in einer Gore-Tex-Ausführung kommt im nächsten Jahr der Ribelle von Scarpa in die Sportgeschäfte. Der Schuh sei ein Alleskönner, der vom Tal bis zum Gletschergipfel alles mitmache, heißt es. Daneben hat auch Salomon vom nächsten Jahr an ein Multitalent im Angebot. Der Outpath ist mit 330 Gramm ein leichter Wanderschuh mit extremem Grip. Ihn gibt es auch in einer Gore-Tex-Version samt Gamasche, die gegen Schmutz schützt und dem Knöchel Halt bietet. Für alle, die es lieber traditionell mögen, hat der bayerische Schuhhersteller Meindl ein besonderes Angebot: einen zwiegenähten Lederstiefel. Das braune Leder stammt von Biorindern, von denen der Hersteller sogar weiß, wie sie hießen, wo sie aufgezogen und wo sie geschlachtet wurden.

Spikes sind nicht nur für das Gebirge sinnvoll

Egal für welchen Schuh man sich entscheidet, insbesondere bei Wanderungen im Winter, wenn es an manchen Stellen eisglatt sein kann, und im Frühjahr, wenn steinharte Altschneefelder auf die Wanderer und Bergsteiger warten, sollten keinesfalls Grödel im Rucksack fehlen. Ideal sind Schuhketten mit Spikes, die sich in wenigen Sekunden über den Schuh ziehen lassen und mit einer dehnbaren Gummibefestigung perfekt auf der Sohle gehalten werden. Eine „Wunderwaffe“ nennen die Autoren der vom Österreichischen Alpenverein herausgegebenen Broschüre „Bergwandern“ solche Spikes. Der koreanische Hersteller Snowline bietet seine Chainsen im nächsten Jahr mit Spikes an der Schuhspitze an. Die Spikes sind aber nicht nur für das Gebirge sinnvoll. Auch wenn die Städte im Winter vergletschern, weil die Hausbesitzer den Schnee nicht von den Bürgersteigen räumen und der festgetretene Schnee zur Rutschbahn wird, geben die Spikes Halt.

Während bei Schuhen nicht gespart werden soll, muss die Kleidung nicht unbedingt jeden Trend mitmachen. Bernd Kullmann aus Karlsruhe stand im Oktober 1978 sogar in Jeans auf dem 8848 Meter hohen Gipfel des Mount Everest. Er habe damals provozieren wollen, sagt Kullmann heute. Gut überlegt war das nicht. Natürlich lassen sich einfache Wanderungen in Jeans absolvieren, und es tut bei schönem Wetter auch ein Baumwoll-Shirt. Doch je höher man hinaufsteigt, desto überlegter sollte die Kleidung gewählt werden. Bewährt hat sich das Zwiebelprinzip aus drei Lagen.

Selbst die feine Merinowolle stößt nicht uneingeschränkt auf Zustimmung

An der ersten Lage, die direkt auf der Haut getragen wird, scheiden sich aber schon die Outdoor-Geister. Polyester oder Wolle? Das ist eine Glaubensfrage. Die einen schwören auf Wolle, weil sie Schweiß gut absorbiert und im Gegensatz zu Polyester zugleich unangenehme Gerüche aufnimmt. Die anderen machen wegen der mitunter kratzigen und juckenden Eigenschaften einen großen Bogen um Wolle. Weil selbst die feine Merinowolle nicht uneingeschränkt auf Zustimmung stößt und weil die als wärmend empfundene Wolle auch nicht richtig zum Sommer passen mag, damit also ein ganz erheblicher Teil des Umsatzes wegfällt, haben die Merino-Hersteller schon 2015 damit begonnen, verstärkt Tencel, eine aus Holz gewonnene Faser, mit Wolle zu kombinieren. Mit Erfolg. Bei Icebreaker wird im nächsten Frühjahr dieser Tencel-Wolle-Mix schon die Hälfte der Produktpalette bestimmen. So lässt sich auch gut erklären, weshalb der Umsatz von Icebreaker im Sommer stärker wächst als im Winter. Wer auf den Wolle-Geschmack gekommen ist, der findet auch für die zweite Lage viele brauchbare Angebote. Sinnvoll ist hier eine Jacke, weil man sich derer schnell entledigen kann, falls es einem zu warm wird.

Bei allem, was darüber getragen wird, zeigt sich immer mehr ein Trend zu Nachhaltigkeit. Vaude wird zum Frühjahr 2018 in seiner gesamten Kleidungsproduktion ohne Per- oder Polyfluorocarbone auskommen. Bei Jack Wolfskin besteht das Dreilagenmaterial Texpore aus wiederverwerteten Pet-Flaschen. Und Adidas verarbeitet in seiner Funktionskleidung den Plastikabfall von den Stränden der Malediven und verzichtet in dieser Linie ganz auf Farben.

Die dritte Lage sollte vor allem funktional sein

Der amerikanische Bekleidungshersteller Patagonia hat den Trend zu Nachhaltigkeit zu einem erstaunlichen Geschäftsmodell gemacht. Wir wollen keine Wegwerfer, heißt es dort. „Worn Wear“ nennt sich das, und Patagonia nimmt dafür in Kauf, dass weniger produziert und verkauft wird. Um das den Verbrauchern schmackhaft zu machen, gibt es eine lebenslange Garantie. Egal wie alt, kann man beschädigte Produkte des Herstellers in den Laden zurückbringen, um sie reparieren zu lassen. Im Rahmen der „Worn Wear Tour“ bietet der Hersteller sogar jedem einen Gratis-Reparaturservice. Dem Unternehmenserfolg tut das keinen Abbruch, seit Jahren verzeichnet Patagonia zweistellige Zuwachsraten. Denn es ist natürlich längst nicht so, dass der amerikanische Sportartikelhersteller keine neuen Produkte mehr auf den Markt bringen würde, etwa den neuen federleichten Micro Puff Hoody.

Bei aller Nachhaltigkeit sollte die dritte Lage vor allem funktional sein. Der Test: mit dicken Handschuhen versuchen, den Reißverschluss aufzubekommen. Und auch auf die Bündchen sollte man schauen. Sie sollten stabil und in der Weite leicht zu verstellen sein, damit man sich der Jacke leicht entledigen kann, ohne dafür die Handschuhe ausziehen zu müssen.

Selbst wenn man weder Kälte noch Regen erwartet, gehören zweite und dritte Lage in den Rucksack. Muss man nämlich nach einem Unfall längere Zeit auf die Rettung warten, kühlt der Körper schnell aus, auch im Sommer. Der Wind- und Regenschutz ist gerade in dieser Hinsicht Teil der Notfallausrüstung. Für die „Alize Ultra Light Windproof“-Damenjacke hat Paramo auf der Outdoor in Friedrichshafen einen Preis erhalten. Der Windbreaker verbindet minimales Gewicht (106 Gramm) mit maximaler Reißfestigkeit. Auch eine wärmende Jacke für drunter sollte nicht fehlen, genauso wie eine Mütze und Handschuhe.

Alles, was man nicht direkt am Körper trägt, muss bequem im Rucksack Platz finden. Deshalb sollte man beim Rucksack-Kauf überlegen, für welche Bergsportarten er verwendet werden soll. Muss nämlich ein Eispickel befestigt werden, braucht man dafür die entsprechenden Schlaufen. Zu viel Volumen braucht er aber nicht zu haben. Ein Rucksack mit einem Volumen von 30 Liter ist sicherlich eine gute Wahl und selbst für ein mehrtägiges Hüttentrekking ausreichend.

Wie beim Schuh, so kommt es auch beim Rucksack auf die Passform an. Rucksäcke von Deuter aus Gersthofen bei Augsburg kommen im nächsten Jahr mit einem neuen Rückensystem in die Sportgeschäfte. Der leichteste Rucksack im Wandersortiment wiegt nur 870 Gramm.

Gewicht sparen kann man im nächsten Jahr auch wieder bei den Wanderstöcken. Das Paar Karbon-Wanderstöcke hat nicht einmal mehr 500 Gramm. Zwar muss man lernen, mit Wanderstöcken zu gehen, sie haben aber den Vorteil, die Gelenke der unteren Extremitäten zu entlasten, die Balance zu verbessern und das Risiko von Stürzen zu vermindern. Skistöcke sind nicht geeignet. Sie sind vergleichsweise schwer und lassen sich nicht falten. Leki macht zum nächsten Jahr den Karbon-Faltstock Micro Vario noch einfacher in der Handhabung. Mit einem Knopfdruck lässt sich dann die Arretierung des höhenverstellbaren Faltstocks lösen.

Wer nicht mehr bis zum Frühjahr warten will, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen von den neuen Jacken, Schuhen und der weiterentwickelten Ausrüstung, dem sei die Alpinmesse am 11. und 12. November in Innsbruck empfohlen. Dort können sich dann auch die Käufer und Nutzer über die neuen Produkte der nächsten Saison informieren. Unterdessen gehen die Meinungen über das Ausrüstungsdekret am Mont Blanc auseinander. Der spanische Trailrunner Kilian Jornet, der im Mai zweimal innerhalb weniger Tage auf dem Gipfel des Mount Everest stand, reagierte auf seine Weise: Er ließ sich auf dem Gipfel des Mont Blanc nackt fotografieren und verbreitete das Foto über Twitter.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAlpenFriedrichshafenFrankreich-Reisen