Pferde als Forstarbeiter

Verrückt mit dem Viertakter

Von Lukas Weber
 - 16:42
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Es kommt nicht oft vor, aber zuweilen können sich Nostalgiker darüber freuen, dass eine Methode von gestern wieder gefragt ist. Zum Beispiel im Forst. Einerseits wird dort die Technik immer leistungsfähiger, die Holzernte geht heute ratzfatz mit Maschinen zum Preis eines Einfamilienhauses. Doch solch ein Fuhrpark leidet unter dem Dinosaurier-Syndrom: Das schwere Gerät ist für dichte Bestände, steile Hänge und empfindliche Böden zu groß und zu schwer. Es eben mal schnell in ein kleines Waldstück zu karren lohnt außerdem den Aufwand nicht.

Dann schlägt die Stunde der Rückepferde. Wobei das Entweder-oder eigentlich fehl am Platz ist. Denn zunehmend werden die Verfahren in Kombination eingesetzt, erklärt Thilo Rinn, der zur überschaubaren Schar der Forstwirte gehört, die noch oder wieder mit Rückepferden arbeiten. Das Tier zieht die Stämme an den Weg. Ein großer Vorteil ist dabei, dass unter den Hufen der Boden punktuell belastet wird und nicht durchgehend verdichtet. Weniger Rückegassen für die Maschinen bedeuten zudem mehr Raum für Bäume auf der gleichen Fläche. Am Ende werden die Stämme von Maschinen übernommen und zu Poltern aufgeschichtet (Wittgensteiner Verfahren). Denn die Pferde können zwar erstaunlich große Brocken ziehen, sie aber nicht aufeinanderstapeln. Das geht mit dem Berliner Verfahren, zwei Kaltblüter ziehen dazu einen kleinen Wagen mit motorbetriebenem Greifer, der freilich höchstens eine halbe Tonne heben kann.

Leise und frei von Stickoxidausstoß

Rinn arbeitet generell mit zwei Pferden; falls eines ausfällt, etwa weil ein Eisen abgetreten wurde, ist er nicht umsonst angefahren, wie er sagt. Onyx, ein etwas ungestümer Noriker, wiegt etwa 700 Kilogramm, das Rheinisch-Deutsche Kaltblut Idefix ist noch ein gutes Stück schwerer und nicht aus der Ruhe zu bringen. Im Schritt arbeiten die vier Füße im Viertakt, ein PS Leistung wäre freilich tiefgestapelt. Für kurze Zeit kann ein Kaltblüter 15 bis 20PS erreichen und damit in der Ebene Stämme bis zu einer Tonne ziehen, auf die Dauer sind es laut Rinn etwa 300 Kilo.

Vor der Arbeit steht die Ausbildung, sie dauert rund zweieinhalb Jahre. Ein gutes Pferd funktioniert fast ohne Zügelhilfen mit Sprachsteuerung, der Führer ruft Befehle für vorwärts, zurück und seitwärts – daher kommt das Hü (Hüst für links) und Hott (rechts). Wichtig ist das zuverlässige Stehenbleiben auf Kommando. Denn die Arbeit im Wald ist für den Führer, der seitlich versetzt von hinten lenkt, und für die Rückepferde selbst nicht ungefährlich, vor allem am Hang kommt der Stamm leicht ins Rutschen. Deshalb wird dort die Zugkette kürzer genommen.

Überhaupt ist neben der Ausbildung der Pferde die Ausrüstung entscheidend für den Erfolg. Das schwere Holz ruckt und zerrt, wenn das Kumt nicht perfekt passt, gibt es Scheuerstellen. Rinn verwendet eine amerikanische Ausführung, die hierzulande nicht überall geliebt wird. An dieser Version lässt sich die Weite des gepolsterten Rings verändern und so den Maßen des Pferdes anpassen. Als Zugstränge zum Ortscheit – das ist der Querbalken hinter dem Pferd – werden im letzten Drittel Ketten verwendet, die keinen Schaden nehmen, wenn sie über den Boden schleifen. Das gesamte Geschirr kostet rund 2000 Euro und damit etwa so viel wie ein Pferd, das noch in die Ausbildung muss. Am Ortscheit wird die Forstkette angehängt, an der wiederum die Stämme befestigt werden. Das unterscheidet sich nicht wesentlich von der Arbeit mit der Seilwinde. Rinn verwendet einen schwedischen Greifer, der eine Art Korb bildet und so den Zugwiderstand senkt.

Die Arbeit mit Rückepferden ist leise und frei von Stickoxidausstoß, aber kein Geschäftsmodell, mit dem man reich werden könnte. Holz wird nur im Winter geerntet, gefressen wird aber das ganze Jahr über, Rinn ist Großabnehmer von Mohrrüben. Und wie beschäftigt man die Pferde bis zum nächsten September? Da wird der Forstwirt wohl am besten zum Lenker von Planwagen.

Quelle: F.A.S.
Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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