Segelyacht aus Aluminium

Der Riese räkelt sich

Von Walter Wille
 - 11:18

Das Drehbuch für ein Schauspiel, wie es sich jetzt am Rande des niederländischen Städtchens Vollenhove abspielte, ist detailliert und umfangreich. Mitwirkende waren: zwei mobile 750-Tonnen-Kräne, jeweils einer der 500- und 400-Tonnen-Klasse, Pontons, eine schwere Zugmaschine sowie Hydraulik-Plattformen auf Rädern. In der Hauptrolle: ein roher Koloss aus rund 200 Tonnen blankem Aluminium.

Wenn der mal fertig ist – 2020 soll es so weit sein –, wird die größte aus Aluminium gefertigte Segelyacht aller Zeiten entstanden sein. Die Werft Royal Huisman baut den 81 Meter langen Dreimastschoner im Auftrag eines Kunden aus Asien. Einzelheiten werden, wie in solchen Fällen üblich, als Geheimsache behandelt, die Kosten sowieso. Als grober Anhaltspunkt zum Spekulieren dient stets die Faustformel von einer Million Euro je Meter Schiffslänge, wobei das stark variieren kann. Huisman pflegt handwerklich allerhöchste Qualität zu liefern.

Die Planungsphase für „Project 400“ von der Vertragsunterschrift an dauerte ein Jahr, Baubeginn war im Juni 2017. Der Entwurf wurde gemeinsam mit dem Konstruktionsbüro Dykstra Naval Architects erarbeitet, das Interieur vom Büro Mark Whiteley gezeichnet. Bevor es überhaupt losgehen konnte, musste Royal Huisman die größte seiner Werfthallen um zehn Meter verlängern. Die war einst eigens für den Bau von Jim Clarks berühmtem Privat-Dreimaster „Athena“ errichtet worden.

Der Bau einer Megayacht ist ein gigantisches, penibel durchgeplantes Puzzle. Rumpf und Deck beispielsweise werden aus 42.679 einzelnen Aluminiumteilen unterschiedlichster Form und Größe zusammengefügt. Während in der einen Halle die Schweißer zugange sind, wird nebenan an der Inneneinrichtung und den technischen Installationen gearbeitet. Zudem ist Huismans Tochterunternehmen Rondal schon mit der Herstellung der drei Kohlefasermasten beschäftigt, die in einem separaten Gebäude bei 90 Grad gebacken werden. Zur Länge der Masten heißt es nur: „Panamax“. Der Begriff steht für die maximale Durchfahrthöhe für die Passage des Panamakanals – 62,50 Meter. Den Großmast wird hydraulisch ein Krähennest hinauffahren, für eine Aussicht wie vom Kirchturm. 13 Crewmitglieder werden sich um Schiff, Eigner und bis zu zwölf Gäste kümmern.

Kopfüber lässt es sich besser arbeiten

Was sich nun in Vollenhove nach einem präzisen Drehbuch abspielte, war das Drehen des gigantischen Rumpfs. Der war der Einfachheit halber kopfüber zusammengeschweißt worden, muss für den weiteren Ausbau mit dem Kiel nach unten stehen. Dazu kam er mal kurz an die frische Luft. Auf rollenden Untersetzern wurde der Metall-Rohling von einem Truck aus der Halle gezogen und geschoben und zwischen die herbeigeholten Mietkräne bugsiert, wobei er bis auf den am Werftgelände vorbeiführenden Wasserweg hinausragte. An Trossen und Gurten aufgehängt, wurde er sodann vorsichtig um 180 Grad gedreht. Was morgens um sieben begann, war schließlich in der folgenden Nacht um 1.30 Uhr abgeschlossen. Ein Dutzend Mitarbeiter eines Spezialunternehmens für schwierige Transportaufgaben plus 15 Huismänner waren an der vermutlich nervenaufreibenden Aktion beteiligt. Erst in zwei Jahren werden sich für „Project 400“ die Hallentore wieder öffnen, dann mit richtigem Namen.

Segelyachten dieser Größenordnung sind nach wie vor Raritäten. Der Markt dafür ist winzig im Vergleich zu dem von Mega-Motoryachten. Mit gut 142 Meter Länge die mit Abstand größte Yacht unter Segeln ist der jüngsten Rangliste der Zeitschrift „Boote Exklusiv“ zufolge die in Deutschland für einen russischen Milliardär gebaute „A“. Deren von Philippe Starck entworfenes Design ist sehr polarisierend (unter uns: grässlich monströs). „Project 400“ wird bildschön und sich unter den Top 10 einreihen.

Quelle: F.A.S.
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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