Ski für alle Fälle

Von HOLGER APPEL und WALTER WILLE
Foto: Samo Vidic

30.11.2017 · Die Skigebiete feuern aus allen Schneekanonen selbst dann, wenn die weiße Pracht vom Himmel fällt. Das soll die Berge schonen und die Reserve für grauere Zeiten schaffen. Für den Skifahrer in europäischen Gefilden bedeutet das: Zu 90 Prozent seiner Zeit fährt er auf einem Gemisch aus Kunst- und Naturschnee. Die Ski werden deshalb leicht und vielseitig. Holger Appel und Walter Wille haben in Sölden einige der jüngsten Allround- und Freeride-Modelle angeschnallt.

Sappradi, Bursch’n

BLIZZARD RUSTLER 10 An den schönen Tiefschneetagen sind die Hänge schneller verspurt, als Frau Holle nachladen kann. Keine Frage, das Tiefschneefahren ist schwer im Gange. Das Material heutzutage macht es recht einfach – auch bei nicht voll ausgreifter Fahrtechnik. Mit dem Rustler 10 von Blizzard ist man frühmorgens gut am Start. Er gehört zur neu konzipierten Freeride-Reihe der Burschen aus Mittersill. Rustler 11 und Spur heißen die weiteren Mitglieder dieser auf kraftsparende, spielerische Fahrweise getrimmten Powderplanken. Von reinen Allmountain-Typen heben sie sich unter anderem durch weichere Leichtholzkerne und eine verkürzte, nicht bis zu den Skienden reichende Titanallage ab. Unser Tip: der schmalste der Freeride-Truppe, der Rustler 10, mit 102 mm Breite unterm Schuh, ist schön vielseitig. Verabscheut zwar harten, steilen Schneekanonen-Beton, hält Schussfahrt für idiotisch, ist nicht gerade ein Experte für Geradeauslauf. Tanzt dafür wie ein Flummi durch die Haufen. Ist auf weicher Piste ein Genuss, im tiefen Pulver erst recht. Vorn und hinten lang gerockert, breit und geschmeidig genug, um rasch in den Modus des schwerelosen Schwebens zu kommen.

Foto: Hersteller

Längen: 164, 172, 180, 188 cm
Taillierung: 133-102-122 mm
Radius: 17,5 m bei 180 cm
Preis: 550 Euro ohne Bindung

Legende Gelände

DYNASTAR LEGEND X 88 Von 75 bis 106 Millimeter in der Skimitte reicht die Spanne der neuen Legend-Baureihe von Dynastar, die somit übers Allmountain-Segment hinaus in die Freeride-Welt hineinreicht. Die goldene Mitte an der Grenze vom einen zum anderen markiert der 88er, keine wabbelnde Weichschneelatte, sondern durchaus straffer Typ, tempofest und richtungsstabil dank Sandwichkonstruktion mit Pappelkern und Titanalverstärkung sowie seiner auf Neufranzösisch Powerrail genannten breiten, aus drei Materialien zusammengesetzten Seitenwangen. Pisten unterschiedlichster Beschaffenheit und all das, was direkt nebendran zu finden ist, meistert der Dynastar mit Gelassenheit à la française, immer bereit, in den Dynamik-Modus zu schalten, verlangt dann jedoch vom Fahrer Konzentration. Lange Bögen liegen ihm, wer kurze, schnelle Richtungswechsel verlangt, muss investieren, registriert ein durch die gerockerten Skienden und die Tiefschneeschaufeln leicht verzögertes Ansprechverhalten, kriegt die Kurve aber zuverlässig und stellt fest, dass ein sauber gecarvter Bogen der Form eines Croissants nicht unähnlich ist.

Foto: Hersteller

Längen: 166, 173, 180, 186 cm
Taillierung: 125-88-109 mm
Radius: 18 m bei Länge 180 cm
Preis: 680 Euro mit Bindung

Klarere Kante

K2 IKONIC 84 TI Es ist noch nicht so weit, dass man ihn losschicken kann, um einen Germknödel mit Vanillesoße zu holen. Ansonsten kann der K2 so ziemlich alles, was an einem langen Skitag gefordert ist: Am Morgen strammes Carving auf noch knackig-glatter Autobahn, später dann durch zunehmend aufgewühltes Terrain dampfen. Kleinen Abstechern ins Gelände ist er ebenfalls nicht abgeneigt, wenngleich die Amerikaner ihr neues Allmountain-Flaggschiff im Vergleich zum Vorgänger auf mehr Stabilität, Laufruhe, Pistenperformance ausgelegt haben. Die Tiefschnee-Konturen der Schaufel verschwanden. Warum? Weil aus Mangel an Naturflocken immer öfter auf hartem Kunstschnee gebolzt wird. Den Wandel zur klaren Kante merkt man dem iKonic an. Zwar benimmt er sich keineswegs störrisch, will aber aktiv geführt werden, woraufhin er einen mit hoher Souveränität belohnt. Entscheidend dafür sind – Holzkern in unterschiedlichen Härten, an den Seiten verstärkte Titanalschichten, Karbon-Rückgrat – gute Zutaten. Wie beim Germknödel. Unbedingt mit Vanillesoße.

Foto: Hersteller

Längen: 163, 170, 177, 184 cm
Taillierung: 133-84-112 mm
Radius: 17,5 m bei Länge 177 cm
Preis: 850 Euro mit Bindung

Druck von hinten

NORDICA NAVIGATOR 85 Einen Mangel an Experimentierfreude kann man der Skibranche derzeit nicht vorwerfen. Nehmen wir diesen Kandidaten: Nordica kombiniert eine surffreudige Tiefschnee-Schaufel mit dem Heck eines Riesenslalom-Bretts. Das ist, als sperrte man Löwe und Gazelle gemeinsam in einen Käfig mit der Aufforderung: Vertragt euch gut! Was in diesem Sinne verschmelzen soll, sind Freeride und Racing, Pulver und Piste. Und ja, es gelingt durchaus, auch wenn es sich anfühlt wie ein Auto, das vorne SUV und hinten Ferrari ist. Warum eigentlich nicht? Die Navigator-Linie ist Nordicas Neuanfang im Allmountain-Segment, wir haben die 85er Breite ausprobiert. Vollholzkern und Titanalplatte zählen zu den Merkmalen gehobener Machart, wobei das Metall wabenförmig ausgestanzt ist, was sich durch Gewichtsersparnis ohne Einbußen an Dämpfung und Steifigkeit bemerkbar machen soll. Die lang aufgebogene Front („Rocker“) ist dem Gelände zugeneigt, das Heck macht Dampf und schiebt. Ein Faible für unkonventionell Unterhaltsames? Dann unbedingt ausprobieren.

Foto: Hersteller

Längen: 165, 172, 179, 186 cm
Taillierung: 124-85-109 mm
Radius: 16,5 m bei 179 cm
Preis: 600 Euro mit Bindung

Eine Seele von Ski

ROSSIGNOL SOUL 7 Per Definition ein Freeride-Ski, in der Praxis eine Wunderwaffe für alles, was nicht brettharte Piste ist. Eishang? Non! Aber fluffig frische Flocken, Tiefschnee der weichen oder angefrorenen Sorte, zerfahrenes Terrain, zerwühlte Talabfahrt am Nachmittag – verdammt, ist der gut! Die Franzosen haben ihr Erfolgsmodell von Grund auf neu konstruiert. Bei dieser Gelegenheit wurde unter anderem die für den Soul 7 typische luftige Wabenstruktur an den gerockerten Skienden verlängert, mit dem Ziel, die Schwungmassen weiter zu verringern und die Manövrierfähigkeit zu fördern. Verspielt wie nie wirkt der Rossignol, er liebt das Surfen. Im Revier der Racercarver tut er sich schwer, ihn zieht’s überall dorthin, wo reine Pistenskier an ihre Grenzen kommen. Griffigkeit und Kantenzug sind dank Holz-Metall-Karbon-Konstruktion ausreichend vorhanden, um auf einigermaßen weichem Untergrund in kurzen, mittleren und langen Bögen akkurat herumzucarven. Trotz stattlicher Breite wechselt der Soul 7 dabei agil die Richtung. So gesehen, keineswegs nur Freerider, sondern zugleich ein feiner Allrounder.

Foto: Hersteller

Längen: 164, 172, 180, 188 cm
Taillierung: 136-106-126 mm
Radius: 18 m bei 180 cm
Preis: 800 Euro mit Bindung

Verflachst noch mal

SALOMON XDR TI 88 Aufwendig gemacht sind Salomons Allmountain-Ski namens XDR, die in den Taillenmaßen 80, 84 und 88 zur Wahl stehen. Traditionelle Innereien wie Holzkern und Titanalgurt bekommen beim Stabilisieren und Dämpfen Unterstützung durch ein Kohlefasergeflecht, auf dem in Längsrichtung Flachsfasern verlegt sind. Flachs hat nicht nur eine Funktion, es wirkt auch sympathisch. Auf uns jedenfalls, was möglicherweise der Grund war, trotz schon schwerer Beine am Nachmittag leichtsinnigerweise den 88er in der Länge 186 unterzuschnallen. Der ist eine echte Führungspersönlichkeit, auf weiten Hängen eine Macht, in diesen Abmessungen allerdings nicht der Spielerischsten einer. Schneehaufen auf der Piste? Interessieren ihn nicht, macht er platt. Die breiteste Stelle der Schaufel ist ein Stück zurückversetzt, dieser „progressive Rocker“ fördert das Kurvenfahren mit kleinen Radien trotz großer Skibreite, welche wiederum die Dinge im tiefen oder zerfahrenen Schnee vereinfacht. Feines Brett. Gleichwohl würden wir für den ganz normalen Skiurlaub den gefügigeren 84er, vielleicht sogar den 80er wählen.

Foto: Hersteller

Längen: 165, 172, 179, 186 cm
Taillierung: 131-88-114 mm
Radius: 17 m bei 179 cm
Preis: 800 Euro mit Bindung

Der Lack ist ab

HEAD KORE 93 Wofür Head steht? Das ist weiß jedes Kind. Der Junior, im Tennis wie auf Ski eher mit Gewinnergenen ausstaffiert, möchte in der nächsten Abfahrt vorn liegen, wofür er dringend neue Bretter benötigt. Von Head nämlich, weil die ständig medienwirksam siegen. Dazu braucht es schwere, harte Latten, weshalb Du ihn erst mal in die Luft reißt wie eine unerwartet leere Milchtüte, den nur rund 1600 Gramm wiegenden Kore 93. Das lässige Teil ist der Allmountaineer der pechschwarzen Baureihe, die sich mit Breiten bis zu 117 mm gen Freerider vom gewalzten Acker macht. Head mischt um den aus Karuba-Holz mit geringer Dichte gefertigten Kern zwei Lagen Karbon, setzt hohle Röhrchen zur Erhöhung der Steifigkeit ein und streut vor und hinter die Bindung Graphen. Dünn, leicht, stabil soll das sein, und weil Head statt Lack und Kunststoff geharztes Vlies an die Oberfläche lässt, sieht das Ensemble auch noch mystisch aus. Wird der Ski mit seiner kräftig aufgebogenen Endschaufel losgelassen, staunt der Skeptiker. Auf gewalzter Piste drehfreudig, im Schuss zielsicher, locker aufschwingend im Tiefschnee, der kann was. Nach einer durchschneiten Nacht profitierte der Kore allerdings am Morgen von perfekten Bedingung und munteren Beinen am Söldener Gletscher. Aber selbst das abgezogen: ein super Ski. Und auch noch günstig.

Foto: Hersteller

Längen: 153, 162, 171, 180, 189 cm
Taillierung: 133-93-115 mm
Radius: 16,4 bei 180 cm
Preis: 650 Euro mit Bindung

Generation Golf

VÖLKL RTM 84 Volkswagen schadet es ja auch nicht, den Golf immer wie einen Golf aussehen zu lassen. Der Golf aus Straubing heißt RTM, und Völkl hat zur neuen Saison frische Farbe aufgetragen. Aber Obacht, auch innere Werte zählen, da tut sich was. Die bisher zwischen Belag und Holzkern flach aufgetragene Lage Fiberglas wird jetzt dreidimensional verlegt und in einer Art Lasche um die Seitenwangen gezogen, was ebendort für höhere Steifigkeit und entschlosseneren Kantengriff sorgen soll. Direktere Reaktionen auf gewalzter Piste standen im Lastenheft, bei Bedarf soll der RTM so spritzig wie ein Hugo sein. Wir führten ihn zunächst in der Breite 81 Millimeter zu Füßen, mit dem der Normalhangfahrer sicher alle Tage gut zurechtkommt. Sportlicher gehen die Versionen mit Uvo-Dämpfer auf der Spitze zu Werke, hier gereicht in 84er Breite. Damit lässt sich Terrain auf und neben der Piste lustvoll erobern. Im Tiefschnee sinkt er nicht zu stark ein, Häufchen nimmt er locker, auch der Schuss kauft einem nicht den letzten Schneid ab. Der vorn und hinten gerockerte RTM löst ein, was Völkl unter Vielseitigkeit versteht. Weil niemand mehr weiß, welches Wetter im Skiurlaub wartet, sollen die Bretter unter vielen Pistenbedingungen Vertrauen schenken. Für anstrengendere Nachmittage oder einfach für alle, die nicht mehr ganz so wagemutig gen Tal schwingen und auch mal abseits reinschauen, ist der Völkl ein guter Golf.

Foto: Hersteller

Längen: 162, 167, 172, 177, 182 cm
Taillierung: 131-84-112 mm
Radius: 17,9 m bei 177 cm
Preis: 850 Euro mit Bindung

Auch das noch

ATOMIC VANTAGE 90 CTI Atomic kann keine Allroundskier. Die Österreicher sind perfekt, wenn es um Kracher auf der Piste geht. Aber so was für Halbweicheier, die sich vergnügen wollen bei lockeren Schwüngen, das ist ihre Sache nicht. Denkst Du ungestraft und unwidersprochen, bis Du an den Vantage gerätst. Weil alles leichter werden soll vom Schuh bis zum Ski, speckt auch Atomic ab. Das wirkt. Mit seiner früh aufliegenden breiten Schaufel und der kräftigen Mitte ist er zwar nicht die Drehfreude in Person, aber lang angefahrene Schwünge beginnen und enden mit einer schönen Kurve der Beschleunigung. Der Energielevel entzweit die Tester. Dem einen wachsen erstmals auf einem Atomic-Allrounder Flügel, der andere wünscht sich feistere Wadln. Abseits der Piste, wo ihn Atomic die Hälfte seiner Zeit abschwingen sieht, erweist er sich als talentierter Schwimmer. Er ist also variantenreich einsetzbar, dieser Vantage. Als Alternative bietet Atomic den X 83 an, der Hobbyfahrern vermutlich leichter zum Fuß geht. Und wer den Hang runterbolzen will, greift zum neuen Redster G9.

Foto: Hersteller

Längen: 161, 169, 176, 184 cm
Taillierung: 133-90-117 mm
Radius: 16,8 m bei 176 cm
Preis: 600 Euro ohne Bindung
Quelle: F.A.Z.