Sichere Zäune für Weidetiere

Der Wolf am Schafspelz

Von Lukas Weber
 - 21:17
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Erst hat man ihn ausgerottet, jetzt wird der Wolf wieder eingeladen. Seit Beginn dieses Jahrhunderts breitet sich das schneidige Raubtier – die Bezeichnung „Beutegreifer“ wäre politisch korrekt, ist aber unhandlich – vom Osten her wieder in deutschen Wäldern aus. Das teilt die Gesellschaft in Freunde und Gegner: Hurra, der Wolf ist da, rufen die einen, sie sind vor allem in den Städten zu Hause. Ein solches Tier passt nicht in unsere Kulturlandschaft, meinen die anderen, also gebt es zum Abschuss frei. Zwischen den Märchen der Gebrüder Grimm und einer seltsamen Willkommenskultur stehen die harten Zahlen. Sie werden von der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf auf der Basis der Landesstatistiken erhoben.

Demnach sind im Jahr 2016 – neuere Daten gibt es noch nicht – den 150 bis 160 am Anfang des Jahres amtlich bestätigten erwachsenen Wölfen in Deutschland exakt 1079 Nutztiere zum Opfer gefallen. Das sind in den weitaus meisten Fällen Schafe sowie Ziegen, außerdem Rinder und Wild im Gehege. Auch Pferde sind nicht sicher. In dieser Woche sind in Bad Wildbad mehr als 40 Schafe Opfer eine Wolf-Attacke geworden. Erschreckend für die Tierhalter und Gegenstand der aktuellen politischen Debatte ist, dass die Übergriffe mit der Zahl der Wölfe exponentiell zunehmen – sie wächst um jährlich ein Drittel. Nach der von der Tierhaltergemeinschaft Wnon, die sich für ein geregeltes Miteinander einsetzt, veröffentlichten Hochrechnung gibt es derzeit in Deutschland knapp 1000 Wölfe einschließlich der Jungtiere.

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NaturschutzStreit um den Wolf

Es gibt eine beträchtliche Dunkelziffer

Die offiziellen Zahlen würden künstlich klein gehalten, erklärt Gerd Dumke. Der Agraringenieur und Züchter von Texel-Schafen hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Wölfen beschäftigt; er reist durch die Lande und hält Vorträge, die sich auf Erkenntnisse aus dem In- und Ausland stützen und die Alarmglocken schrillen lassen. An Wölfen werde offiziell nur registriert, was eindeutig durch Fotobeweis oder die Aussage eines Fachkundigen belegt sei, und hinsichtlich der Schäden an Nutztieren „gibt es eine beträchtliche Dunkelziffer“. Denn erstens müsse zweifelsfrei anhand der DNS-Spuren bewiesen sein, dass es sich um einen Wolfs-Schaden handele – das ist nicht immer möglich, etwa wenn ein Lamm spurlos verschwunden ist oder Weidetiere in Panik den Zaun durchbrechen. Und zweitens lohnt es sich nur, den Schaden zu melden, wenn eine Entschädigung winkt. Das ist, obwohl Wölfe weite Strecken zurücklegen, außerhalb der offiziellen Gebiete je nach Bundesland meist nicht der Fall, der ideelle Wert, etwa von Hunden, Pferden oder Zuchttieren, wird in der Regel ohnehin nicht ersetzt. Kommt hinzu, dass es von der öffentlichen Hand nur dann eine Ausgleichszahlung gibt, wenn ein Mindestmaß an Vorsorge getroffen worden ist.

Diese beginnt bei 90 Zentimetern. Das ist eine Zaunhöhe, die für Schafe völlig ausreicht, und als Kompromiss zu verstehen, weil eine Umzäunung dieser Dimension oft schon vorhanden ist. Da selbst ein Zwergschnauzer eine solche Barriere überwinden kann, dient das mehr der Beruhigung. Die Voraussetzungen für eine Entschädigung unterscheiden sich je nach Bundesland, manche schreiben 120 Zentimeter vor. Inzwischen haben sich die Anbieter von Schutzzäunen des Themas angenommen, sie beraten und übernehmen auch gleich die Installation. Zäune bedeuten die Zerschneidung der Landschaft, das ist nicht überall zulässig und oft nicht zu vertretbaren Kosten möglich, etwa zum Schutz von Deichschafen oder Kühen auf der Alm.

Eine umfassende Dokumentation zum Wolfszaun gibt es von Highland Stall und Weide, das Unternehmen ist spezialisiert auf Systeme für Weidetierhaltung. „Unser kleinster Zaun schützt vor Nacktschnecken, der größte gegen Elefanten“, sagt Unternehmensgründer Martin Holm. Denn wie Weidetiere drinnen und Raubtiere draußen gehalten werden, ist überall auf der Welt ein Thema. Für einen rein mechanisch wirkenden Zaun aus Knotengeflecht, wie er oft entlang der Autobahnen zu sehen ist, reichen gegen die lernfähigen Wölfe nach Ansicht der Fachleute 120 Zentimeter Höhe bei weitem nicht. Sie könnten locker zwei Meter überwinden, meint Holm, in Frankreich sehe die neue Richtlinie für Nachtpferche drei Meter vor, erklärt Dumke. Eckhard Wiesenthal, der Vorsitzende des Deutschen Wildgehege-Verbands, sieht das ebenso: Wenn Wölfe im Gatter gehalten werden, seien drei Meter Höhe oder 2,50 Meter mit Abkantung und Elektrozaun der Erfahrungswert.

Bevor ein Wolf springt, sucht er allerdings eine Möglichkeit, sich unter dem Zaun durchzuwühlen. Das stellt besondere Anforderungen an die Tore, dort muss der Boden zum Beispiel durch Gummimatten befestigt werden. Der Zaun selbst soll mindestens 30 Zentimeter tief in die Erde reichen – das ist zu vertretbaren Kosten kaum zu machen – oder fest verbunden mit einem Meter Breite flach auf dem Boden nach außen verlegt werden. Da ein solcher Zaun teuer ist, empfiehlt es sich, ein Knotengeflecht mit hoher Haltbarkeit zu wählen. Gegenüber verzinkten Drähten hat eine Ausführung aus High Tensile Stahldraht mit einer Korrosionsschutz-Legierung aus 95 Prozent Zink und fünf Prozent Aluminium den Vorteil der längeren Lebensdauer. Mit Pfählen aus recyceltem Kunststoff hat der Verfasser dieses Textes auf der eigenen Pferdeweide keine guten Erfahrungen gemacht, sie brechen leicht. Imprägniertes Weichholz hält auch nicht lange, und T-Profile aus Stahl sind zwar einfach zu montieren, sie verbiegen aber leicht. Bewährt hat sich Robinie; die Pfosten sind hart, zäh und halten nach unserer Erfahrung im Boden viele Jahre, ohne zu verrotten.

Eine Umrüstung ist mit viel Aufwand verbunden

Einen vorhandenen Weidezaun halbwegs wolfsicher umzurüsten ist viel Aufwand. Für eine einfache Erhöhung wird gern Flatterband empfohlen, das vorübergehend eine abschreckende Wirkung haben kann – mit der Zeit verlieren die Wölfe die Scheu. In der Niedersächsischen Richtlinie werde Stacheldraht vorgeschlagen, sagt Holm, der sei aus Tierschutzgründen grundsätzlich ungeeignet. Mittel der Wahl sowohl für die Aufrüstung als auch für den Neubau ist der Elektrozaun. Seine abschreckende Wirkung beruht auf einem elektrischen Schlag, wenn der Wolf den Stromleiter mit der Nase berührt, ein dichtes Fell kann hingegen isolierend wirken. Elektrozaun-Netze, wie sie als mobile Lösung in der Schafhaltung verwendet werden, hält Holm für ungeeignet, schon wegen des Gewichts, wenn sie 120 Zentimeter hoch sein sollen, aber auch wegen des empfindlichen Materials. Die verbreiteten Litzen – Kunststoff rund oder als Flachband mit eingearbeiteten Leitern – seien ebenfalls nicht brauchbar. Denn der mechanische Widerstand ist zu gering. Deshalb können zum Beispiel Pferde mit dichten Mähnen den Elektrozaun beiseitedrücken, ohne dass das Band der Haut nahe genug für einen Impuls kommt.

Für einen möglichst wolfsicheren Zaun wird am besten High Tensile Stahldraht mit 2,5 Millimeter Stärke verwendet, den es auch in einer für Pferde gut sichtbaren kunststoffummantelten Ausführung mit stromführenden Kohlefasern gibt. Die Drähte werden mit etwa 100 Kilogramm Zug und Federn verspannt. Die Eckpfosten müssen entsprechend belastbar sein, mit deren Montage ist der Weidetierhalter wohl überfordert. Dazwischen reichen alle acht Meter mäßig starke Pfähle. Als maximale Zugstrecke gibt Holm 500 Meter an – auf ebenem Grund in gerader Linie. Mit fünf Drähten im Abstand von je 20 Zentimetern wird eine Höhe von 120 Zentimetern erreicht. Versuche mit Wölfen zeigten, dass die Tiere wegen der relativ dünnen Drähte den Absprung schlecht einschätzen könnten, erklärt Holm, mit dieser Höhe werde ausreichende Sicherheit erreicht – auch wenn es im Sprung keine Erdung und daher bei Berührung keinen Stromschlag gibt. Der unterste Draht sorgt für Untergrabschutz, eine Lösung, die auch für die Aufrüstung fester Zäune zu empfehlen ist. Ihn frei von Bewuchs zu halten, der eine unerwünschte Erdung schafft, ist allerdings eine zeitraubende Beschäftigung. Highland testet gerade Heißluft und heißen Schaum aus Palmöl, das wirkt nachhaltiger als die Motorsense.

Abschießen geht angeblich nur in Ausnahmefällen

Zumindest zum Teil kann das Weidezaungerät Bewuchs verhindern, wenn es stark genug ist. Fünf Joule reichen laut Holm für eine Zaunstrecke bis 700 Meter, Störungen meldet die App. Weidezaungeräte, Akkus und Solarpaneele sind bei Langfingern beliebt, und ohne Strom, der auch dann anliegen muss, wenn keine Tiere auf der Weide sind, gibt es keinen Schutz. Dagegen helfen Sicherungkästen, die selbst unter Spannung stehen. Der Aufwand hat seinen Preis: Für einen Hektar braucht man im günstigsten Fall 400 Meter Zaun mit vier Eckpfosten, das macht rund 1500 Euro reine Materialkosten, plus denselben Betrag für das Weidezaun-Ensemble. Um Niedersachsens Weiden wolfsicher zu machen, sind laut Holm mindestens 156 Millionen Euro nötig, die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft rechnet mit 327 Millionen – das relativiert die Förderung, die manche Bundesländer anbieten.

Und was ist mit anderen Maßnahmen? Abschießen geht angeblich nur in Ausnahmefällen, denn der Wolf steht unter Naturschutz, obwohl er gar nicht gefährdet ist. Im europäischen Ausland wird der Bestand dennoch teils rigoros reguliert. Herdenschutzhunde sind inzwischen heißbegehrt, sie sind aber teuer, aufwendig in der Haltung und keine Erfolgsgaranten. Wenn die Wölfe im Rudel einfallen, werden sie selbst zum Opfer, außerdem verteidigen manche ihre Herde gegen alle Angreifer – schlimmstenfalls also auch gegen Wanderer und deren Hunde. Empfohlen werden oft Esel, weil sie laut schreien und Vierbeiner mit Reißzähnen nicht leiden können. Der Ruf ist tatsächlich durchdringend, nur muss ihn dann ein Hirte hören, der seinen Lämmern zu Hilfe eilen kann. Und dass ein Esel Raubtiere in die Flucht schlägt, die wehrhafte Beute wie Elche, Moschusochsen und sogar Bisons überwältigen, gehört in Grimms Märchenstunde.

Quelle: F.A.S.
Lukas Weber
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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