Großglockner-Hochalpenstraße

Jetzt kommt die Schneefräse

Von Ulf Böhringer
 - 16:30
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Eisbändiger und Jörgen kämpfen sich von Norden in die Hochgebirgsregion vor, Ander stößt von Süden her in die eisige Höhe vor. Ihnen ist heiß: Die jeweils drei Diesel-Triebwerke laufen unter Volllast, Stunden und Tage. Es ist etwa 10.30 Uhr am vergangenen Mittwoch, als Peter Embacher, Chef der Schneeräumung an der Großglockner-Hochalpenstraße, in fast 2500 Meter Höhe das Kommando zum Stoppen der insgesamt neun Motoren gibt: Bis auf einen Meter Abstand sind zwei der drei stählernen Ungetüme, nach menschlichen Maßstäben längst im Rentenalter, aufeinander zugefahren und haben dabei tonnenweise Schnee zur Seite geschleudert. 17 Tage haben die beiden Räumteams gebraucht, um die Glocknerstraße, die mit fast 50 Kilometern Europas längstes Denkmal ist, vom vielen Schnee dieses Winters zu befreien und wieder befahrbar zu machen.

Wer angesichts der nun schon mehr als zwei Wochen währenden Frühlingsexplosion in den Tallagen nur noch blühende Stiefmütterchen und das bevorstehende Einpflanzen junger Tomatenstauden im Sinn hat, wird zu Ander, Eisbändiger und Jörgen nur schwerlich eine Verbindung aufbauen können. Die drei Schneeräummaschinen sind 65 Jahre alt, werden aber kaum demnächst in den Ruhestand gehen. „Sie sind weiterhin in höchstem Maße funktional wie zur Zeit ihrer Inbetriebnahme im Jahr 1953“, sagt Embacher. Seit 9. April sind sie jetzt im Einsatz. „Zwei Trupps zu jeweils sieben bis acht Personen arbeiten sich parallel von Süden und Norden aufeinander zu“, erklärt Embacher das Vorgehen.

Erst legt ein Ortskundiger mittels Langlaufski eine Spur, wobei er sich an den bis zu 12 Meter hohen Markierungsstangen orientiert, die jeden Herbst auf der Talseite der Straße befestigt werden. Dann ist eine Schneeraupe dran, sie hinterlässt klar erkennbare Abdrücke im Schnee. Diese dienen den blauen Riesen als Markierung. Jeweils einen Meter Höhe pro Fahrt tragen die Geräte ab; an Hängen mit großen Schneeverfrachtungen können auch mal zwölf Durchgänge nötig werden. Vielfach regelbare Hubsysteme vermögen Schräglagen auszugleichen und Wellen beim Räumen zu vermeiden.

Die vier noch im Einsatz befindlichen Rotations-Schneefräsen sind eine Spezialentwicklung für die Großglockner-Hochalpenstraße; ersonnen hat das System mit den drei unabhängig voneinander arbeitenden 125-PS-Motoren – zwei treiben die beiden Schneeschleudern an, einer sorgt für den Vortrieb der Maschine – Franz Wallack, Erbauer der 1935 fertiggestellten Panoramastraße. 1953 wurden sechs der 15 Tonnen wiegenden Rotationsfräsen System Wallack bei Voest Alpine in Linz gebaut; seither laufen sie weitgehend problemlos, erfordern aber angesichts ihres Alters einen hohen Wartungsaufwand. Bis zu 40 Meter weit wird der Schnee ausgeworfen; je nach Geländebeschaffenheit zur Berg- oder Talseite. „An die 700 000 Kubikmeter Schnee haben wir auch heuer wieder von den Straßen und Parkplätzen entfernt“, bilanziert Embacher. Auf einen Güterzug geladen, müsste dieser etwa 250 Kilometer lang sein. Die Restarbeiten wie die Räumung der Stichstraßen erstrecken sich noch etwa eine weitere Woche.

Dass es trotz der überdurchschnittlichen, starken Niederschläge des vergangenen Winters mit einer durchschnittlichen Räummenge sein Bewenden hatte, ist dem extremen Frühlingswetter der vergangenen Wochen zu verdanken. Der Schnee sei teilweise unter den Maschinen weggeschmolzen. Um sieben bis zehn Zentimeter täglich hat die massive Schneedecke unlängst abgenommen. Das ist auch der Grund dafür, dass die Schneewände entlang der nun wieder frei befahrbaren Hochgebirgsstrecke zwar viele Meter hoch, aber nicht total extrem sind: Für 1978 stehen stellenweise bis zu 21 Meter tiefe Straßenschluchten in den Aufzeichnungen der Straßengesellschaft; damals wurden 800 000 Kubikmeter Schnee entfernt.

Wallacks Entwicklung hat die Schneeräumung am Großglockner revolutioniert: Waren in den Jahren nach der Fertigstellung noch gut 350 Männer schätzungsweise 70 Tage mit Schaufeln im Einsatz, genügten Anfang der 1950er Jahre sechs Schneefräsen und 100 Männer, um in 50 Tagen die Straße zu räumen. Seit Wallacks Erfindung bedarf es etwa 15 Personen und nur selten mehr als 20 Tage vom Start der Frühjahrs-Schneeräumung bis zur Verkehrsfreigabe. Damit ist die saisonale Nutzungsdauer der Straße deutlich angewachsen.

Mit ursächlich für die kurze Räumzeit ist die ausgezeichnete Konstruktion der Rotations-Schneefräsen: Ihre Bedienung ist einfach, ihre Manövrierfähigkeit sehr hoch. Dass Diplomingenieur Wallack, der die Straße geplant und ihren Bau während der Jahre 1930 bis 1935 geleitet hat, sich bei diesen Maschinen auch um Details gekümmert hat, bezeugen beispielsweise die kreisförmigen, rotierenden Scheiben an der Front des Führerhauses; sie garantieren stets freie Durchsicht.

Auch die Steigfähigkeit ist mit 60 Prozent beachtlich. Zugleich gehen sie mit der Asphaltschicht der Straße recht pfleglich um und erreichen trotz ihres Kettenantriebs bei Überstellungsfahrten durchschnittliche Fahrgeschwindigkeiten von bis zu 11 km/h, bei Steigungen von 11 Prozent immer noch 7,5 km/h. Insofern wäre es nicht unpassend, wenn die angestrebte Anerkennung als Unesco-Welterbe nicht nur die Großglockner-Hochalpenstraße selbst, sondern auch ihre speziellen Räumgeräte umfassen würde.

Daten und Fakten

Großglockner-Hochalpenstraße: Straßenlänge komplett 47,8 Kilometer von Bruck/Glocknerstraße bis Heiligenblut, 27 Kehren, Mautstrecke zwischen Ferleiten und Tauernalm: 29,3 Kilometer, 25 Kehren

Tagestickets 2018: Auto 36 Euro, Motorrad 26 Euro; 30-Tage-Tickets 56 oder 45 Euro

Freigabe 2018: Durchzugsstrecke seit 28. April 2018 wieder befahrbar, Stichstraße zur Edelweißspitze (2571 Meter Höhe, 7 Kehren, 1,6 Kilometer) öffnet zirka ab dem 2. Mai, Stichstraße zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (2369 Meter Höhe, 3 Kehren, 8,7 Kilometer) öffnet wahrscheinlich ab dem 5. Mai

Bauzeit: September 1930 bis August 1935; bis zu 3200 Arbeiter waren im Einsatz Besucher: In den vergangenen Jahren meist rund 900 000 pro Saison von Mai bis Oktober

Unesco-Welterbeliste: Verfahren zur Aufnahme läuft seit 2017

Quelle: F.A.S.
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