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Verstellbare Schlüssel im Test

Der große Dreh

Von Raymond Wiseman
 - 08:54
Der Knipex Zangenschlüssel klemmt die Schrauben fest. Bild: Wiseman, F.A.Z.

Wer ein großes Ding drehen will, braucht mächtiges Werkzeug. Für Verschraubungen im gebräuchlichen Sechskantformat von meist 6 bis 22 Millimeter sind Maul- und Ringschlüssel in vielen Sets zu finden. Für größere Schraubenköpfe aber fehlt oft die passende Weite. Noch schwieriger wird´s, wenn Schraubenköpfe oder Muttern zöllig durchs metrische Raster fallen oder ihr Maß durch Abnutzung und Alter verlieren. In vielen solchen Fällen erweist sich ein verstellbarer Schraubenschlüssel als passgenaue Lösung. Sein einstellbares Maul greift verschiedenste Größen und Schraubverbindungen wie die flachen Endungen von Schäkelbolzen oder die Achtkantmuttern der Zentralverschlüsse, die an Speichenfelgen zu Einsatz kommen. Die verstellbare Weite kann den Kauf kompletter Schlüsselsätze ersparen, eine Alternative, die sich gerade für sehr große Formate rentiert, die teuer im Einkauf sind.

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Herkömmliche Werkzeuge dieser Art teilen freilich das Manko mit allen Maulschlüsseln, dass die Kraft nur über zwei Flächen des Sechskants übertragen wird – festsitzende Schrauben oder Muttern werden so leichter rund gedreht als mit einer Stecknuss. Aber es gibt Zangenschlüssel, die sie fester packen. Mit zwei vollkommen verschiedenen Konzepten bedienen die zwei deutschen Werkzeug-Marken Knipex und Kukko dieses Segment. Kukkos einstellbarer Schraubenschlüssel 1900-75 wird mit einer Spannweite von 75 Millimeter angegeben, der Knipex-Zangenschlüssel XL hat sogar 85 Millimeter Schlüsselweite. Gemeinsam ist beiden, dass sie mit ihren glatten Greifbacken die Verletzung der Schraubverbindung vermeiden. So eignen sie sich für Messing, Edelstahl oder verchromte Oberflächen ebenso wie für Kunststoffmuttern. Statt auf den Biss mit scharfen Zähnen, die unweigerlich die Oberflächen der Schraubverbindung verletzen, setzen beide auf spielfreie Flächenpressung.

Beim Zangenschlüssel XL von Knipex resultiert die hohe Presskraft aus der zehnfachen Handkraftverstärkung des Zangengelenks. Im Prinzip ähnelt er auf den ersten Blick dem traditionellen „Schweden“, denn er arbeitet ebenfalls mit einem Hebelgelenk, das den Andruck verstärkt, der vom oberen Hebelarm auf die untere Backe erfolgt. Doch während die Schwedenzange, so benannt nach dem Schweden Johan Petter Johansson, der sie 1888 patentieren ließ, das Werkstück mit starken Greifzähnen packt, verzichtet der Zangenschlüssel auf diese. Und im Unterschied zum Schweden bewegen sich die Greifbacken des Zangenschlüssel XL während des gesamten Schließprozesses parallel. Außerdem wird die Maulgröße nicht durch eine Rändelschraube am Hebelarm, sondern durch eine Druckknopf-Schnellverstellung auf einer Zahnleiste fixiert. Hierfür hat der XL-Zangenschlüssel 25 Positionen, mit denen das Maul direkt am Werkstück auf die benötigte Weite eingestellt wird, bevor sich dann die Backen durch Druck auf den Hebelarm schließen.

In der Handhabung bewährt sich auch im XL-Format die erprobte Mechanik der Schlüsselverstellung, die 1992 von Knipex zum Patent angemeldet wurde. Die Zangenschlüssel werden in sechs Größen und verschiedenen Ausführungen produziert und etablierten sich vor allem in den mittleren Formaten (18 oder 25 cm lang mit Maulweiten bis 35 oder 46 mm) als universelle Schraubenschlüssel, soweit der Platz für die Anwendung reicht. Der Hub zwischen den Greifbacken erlaubt leichtes Öffnen und Umsetzen bei gleichgroßen Muttern und Schraubköpfen, ohne dass der Schlüssel neu eingestellt werden muss. Als wichtiger Nebeneffekt dieses Spiels, das sich einstellt, sobald man den Griff lockert, ergibt sich im Einsatz das Ratschenprinzip: Hierbei bleibt der Zangenschlüssel in Kontakt mit der Verschraubung, wird mit entspanntem Maul zurückbewegt und dann wieder unter Druck geschlossen.

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So erweist sich der Knipex als ein universelles Werkzeug

Die hohe Übersetzung im Faktor 1:10 und die stets parallele Führung der Backen sorgen außerdem dafür, dass sich auf Werkstücke gezielt und ohne zu verkanten Druck ausüben lässt, beispielsweise um Schutzhülsen senkrecht einzudrücken, Klebestellen gleichmäßig zusammenzupressen oder Werkstücke für die Bearbeitung einfach festzuhalten. So erweist sich der Knipex als ein universelles Werkzeug, angefangen bei den Überwurfmuttern verchromter Armaturen und ihrer kratzerfreien Montage bis zu den strapazierten Schrauben des 60 Jahre alten Traktors im Besitz des Autors, bei denen er sich dank Farbe, Rost und Jahrgang nicht sicher sein kann, ob sie sich an das ursprüngliche Maß halten.

Beim „Europäer“, mit dem das Hildener Unternehmen Kleinbongartz & Kaiser unter seiner Marke Kukko aufwartet, wird die Schlüsselweite und der Andruck über ein Schraubgewinde eingestellt. Das Patent des Backenwerkzeugs wurde erst Mitte dieses Jahres veröffentlicht, steht aber in alter Tradition. Die Erfindung greift den „Franzosen“ auf, der gerne mit dem hierzulande als „Engländer“ bekannten Rollgabelschlüssel verwechselt wird. Der Unterschied: Der Engländer, benannt nach der Nationalität von Josef Stubs, der ihn 1840 zum Patent angemeldet hat, verfügt nur über ein Backenpaar, das einseitig übereinander angeordnet ist. Die untere Backe wird mit einer Schraube, die parallel zum Handgriff verläuft, in der Höhe verstellt. Beim Franzosen hingegen ragen zwei Backenpaare links und rechts symmetrisch über den Handgriff heraus, dessen Drehen die obere Backe verschiebt. Beide Schlüssel weisen auf Verkehrszeichen den Weg zur Werkstatt, der Engländer in Schweden und einst auch in der DDR. In Westdeutschland erscheint bis heute auf der Bildtafel 365-62 der Franzose.

Durch Drehung des Handgriffs

Es war diese bewährte Bauform, die Michael Kleinbongartz, Geschäftsführer von Kleinbongartz & Kaiser, anregte, den Europäer zu entwickeln, der in der Kukko Baureihe 1900 in drei Größen mit 30, 50 und 75 Millimeter Spannweite hergestellt wird. Die Verstellung der Schlüsselweite erfolgt wie beim traditionellen Vorfahren durch Drehung des Handgriffs, wobei die Gewindestange mit ihren Einstellskalen in Millimetern und Inch im Griff verschwindet. Dieser lässt sich nach unten ziehen und auf diese Weise auskuppeln. In dieser nicht drehmitnehmenden Stellung ist dann die eingestellte Spannweite arretiert. Dies verhindert beim Einsatz die unbeabsichtigte Veränderung der Maulweite. Die Idee soll in der nächsten Serie weiter verbessert werden, indem der ausgekuppelte Griff dann gleichzeitig festgesetzt wird, um festeren Zugriff aufs Werkstück zu geben. Die mitgelieferten Weichkunststoffkappen, die sich über die glatten Backen schieben lassen, schonen empfindliche Oberflächen.

Die Möglichkeit, ein Werkstück ins Backenwerkzeug einzuspannen, erlaubt ein freihändiges Umgreifen. Festgedreht bleibt er beim Gegenhalten am Platz, in Bewegung fordert seine ausladende Form allerdings viel Raum. Beim Einsatz als Schraubzwinge, für den ihn die feststellbare parallele Backenführung prädestiniert, bekommt er Spannweiten bis zu gut 11 Zentimeter zu fassen. Hierbei kommt dem Europäer die andere Hälfte seines Januskopfes zugute, die nicht wie einst beim Franzosen üblich das Spiegelbild der glatten Backenseite bildet, sondern mit Zahnung und rautenförmigen Vertiefungen eher dem Maul der Wasserpumpenzange ähnelt. Durch die leicht versetzte Aussparung in oberer und unterer Backe können auch ovale oder runde Werkstücke gut gegriffen und miteinander zusammengezogen oder auf flachen Werkstücken für die weitere Verarbeitung fixiert werden.

Uns half die Seite beim Aufbau eines Zaunes aus Rohrelementen, die unter Spannung verbunden werden mussten. Mit einer Spannweite von 75 Millimeter ließ sich das Maul des 1900-75 weit genug öffnen, um zwei Rohre zu greifen und über die Drehung des Handgriffs zusammenzuziehen. Anschließend hatten wir beide Hände frei, um die Verbindungsketten anzulegen. Auch konnten wir mit Hilfe der gezahnten Backen mit festen Biss einen bereits gesetzten Zaunpfahls drehen. So erschließen sich die Qualitäten dieses verstellbaren Schraubenschlüssels beim Einsatz als variable Zwinge.

Neben den Großformaten haben sowohl Knipex als auch Kukko kleine Schlüssel im Programm. Die XS-Variante des Knipex passt mit 12,5 Zentimeter Länge und gut 100 Gramm Gewicht locker in die Hemdtasche. Während man diesen Mini-Zangenschlüssel mit Maul bis 23 Millimeter schon für rund 30 Euro erstehen kann, kostet sein XL-Bruder, der knapp anderthalb Kilo schwer ist, mindestens 75 Euro. Kukko beweist Präsenz im Kleinformat mit seinem 15 Zentimeter langen 1900-30, den es auch mit einer Gürteltasche gibt, allerdings ausschließlich bei Amazon für den stolzen Preis von 90 Euro. An der preislichen Spitze dreht schließlich mit gut 120 Euro und einem Gewicht von 1740 Gramm der große Europäer.

Quelle: F.A.Z.
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