Tipps für die Umrüstung

Wie die analoge Modellbahn digital wird

Von Peter Thomas
 - 09:38
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Satt und schwer steht unsere gute alte V200 060 für die Modellbahn der Nenngröße H0 (Maßstab 1:87) auf ihren vier Radsätzen. Nach fast zwei Jahrzehnten staubsicher verpackter Ruhepause drehen wir vorsichtig den Regler des blauen Märklin-Transformators. Die Scheinwerfer glimmen auf, mit einem etwas rasselnden Fahrgeräusch setzt sich der Diesel-Gigant auf den M-Gleisen in Bewegung. Bald wird das Fahrverhalten flüssiger, der sanfte Takt der Fahrt über die Schienenstöße mischt sich mit dem Schnurren des Motors.

Bei maximaler Fahrspannung von 16Volt Wechselstrom donnert die V 200 jetzt über die Tischplatte. Wird der Regler des Transformators hingegen im Stand bis hinter die Null-Stellung gedrückt, schickt der Stromwandler 24 Volt durchs Kabel. Das löst den Fahrtrichtungsumschalter in der Lok aus. Der etwas archaisch anmutende Vorgang hat einen ähnlichen Reiz wie das Fahren eines Nutzfahrzeug-Oldtimers.

Der Unterschied zwischen dieser voll analogen Spielbahn und einer modernen, digital gesteuerten Modellbahn ist erheblich: Es gibt keine individuelle Ansteuerung einzelner Fahrzeuge, keine vorbildgerechte Beschleunigung und Verzögerung, erst recht keinen Einsatz digitaler Endgeräte als mobiler Führerstand und Stellwerk in einem. Und Weichen sowie Signale werden nicht elegant über die Stromversorgung des Gleises angesteuert, sondern über einen Wust aus blauen und braunen Litzen, der zu einer Batterie von Stellpulten führt.

Einfach komplett austauschen würden wir die alte Bahn aber niemals gegen ein modernes Pendant. Dafür haben die elektromechanischen Miniaturen (die meisten stammen aus den 1970er und 1980er Jahren) einen viel zu großen nostalgischen Charme. Sollten wir die Anlage wieder in Betrieb nehmen, gälte es, diese historische Note auf jeden Fall zu erhalten. Aber wie wäre es, den kleinen Fuhrpark und seine Infrastruktur dennoch zu modernisieren? Der Blick auf jene Modelleisenbahner, die ihre Anlage mit entspannten Gesten auf dem Tablet-Computer steuern, macht ja doch ein bisschen neidisch.

Für nahezu alle Elemente gibt es Dekoder

Prinzipiell ist es kein Problem, ältere Loks von analogem Betrieb auf digitale Steuerung umzubauen. Das gilt sowohl für Zweileiter-Gleichstrom-Modellbahnen wie auch Märklins Mittelleiter-Wechselstrom-System. Bei den Zweileiter-Bahnen herrscht das in den 1980er Jahren von Lenz entwickelte Digital Command Control (DCC) vor. „Es dürfte nur sehr wenige Fahrzeuge geben, die aus Altersgründen für den Umbau nicht geeignet sind“, heißt es bei Lenz. Technisch sei eine Nachrüstung älterer Loks meist möglich, bestätigt auch Märklin.

Voraussetzung ist, dass ein Dekoder in den Lokomotiven nachgerüstet wird. Dieser elektronische Baustein übernimmt die Aufgabe, den kontinuierlich anliegenden Fahrstrom entsprechend des individuellen Fahrbefehls an den jeweiligen Motor abzugeben. Das ist der zentrale Kniff bei der digitalen Mehrzugsteuerung. Dazu kommen je nach Lok noch ansteuerbare Funktionen wie Raucherzeuger, Ton und ferngesteuerte Kupplungen.

Das sollte den Einstieg in die digitale Technik beflügeln

Die Recherche zeigt, dass wir prinzipiell fast alle Elemente der alten Märklin-Anlage ins digitale Zeitalter überführen könnten, selbst die Gleise. Denn nicht nur für Lokomotiven, auch für Magnetartikel wie Weichen und Signale gibt es Dekoder. Nur eine neue Stromversorgung für den 20-Volt-Mischstrom und die digitale Steuertechnik sind unverzichtbar. Sind wir mit unserer Frage eigentlich die große Ausnahme? Schließlich hat beispielsweise Märklin schon 1985 digitale Steuerungslösungen auf den Markt gebracht. Da sind die ersten Produkte selbst schon echte Klassiker. Jörg Iske von Märklin, beruhigt: „Wir erhalten immer wieder Anfragen von Kunden, die eine ältere Modellbahn reaktivieren und dabei künftig auf digitale Steuerung setzen möchten. Gleichzeitig wollen sie aber die alten Fahrzeuge und Komponenten weiter nutzen – schließlich hängen daran viele Erinnerungen.“

Den Trend kann der Hersteller aus Göppingen sogar mit aktuellen Zahlen belegen. Denn im vergangenen Jahr hat Märklin im Weihnachtsgeschäft ganz Deutschland auf Schatzsuche geschickt: Wer auf dem Dachboden stöberte und seine gute alte Modellbahn wiederfand, konnte die betagten Schienen gegen neue C-Gleise eintauschen. Das sollte den Einstieg in die digitale Technik beflügeln. Mit der Resonanz ist das Unternehmen zufrieden.

Umrüstung dauert bis zu einer Stunde

Zurück zur V200. Wie soll der Umbau in der Praxis ablaufen? Nicht jeder Eisenbahnfreund ist schließlich ausreichend geübt im Umgang mit einem feinen Lötkolben, um den Dekoder im Innern einer Lok anzuschließen. Der Hersteller empfiehlt den Besuch eines autorisierten Fachbetriebs: Die individuelle Beratung lohne sich allein wegen der verschiedenen Möglichkeiten des Umbaus: Welcher Dekoder ist sinnvoll? Soll auch der Motor gegen einen Hochleistungsantrieb ausgetauscht werden? Und was ist mit LED als Leuchtmitteln?

Ortstermin bei Klaus Theis in Mainz. Das Modellbahngeschäft im Stadtteil Weisenau liegt wenige Meter neben der Bahnstrecke nach Worms. Güterzüge, Regionalbahnen, Intercitys rauschen vorbei. Die Kunden kommen bis aus Indien – Grund ist die gute Anbindung an den Frankfurter Flughafen, sagt Theis. Der Märklin-Experte führt in die Werkstatt, wo gerade eine Lok der Baureihenfamilie V 160 auf dem Rollenprüfstand steht. Sie ist gerade mit Dekoder und neuem Hochleistungsmotor ausgerüstet worden. Andere Aufträge beschränken sich auf das Notwendigste: elektrischen Umschalter aus- und günstigen Dekoder einbauen. Insgesamt rund hundert Lok-Umbauten führt das Geschäft im Jahr aus. „Und ich habe das Gefühl, dass die Nachfrage dafür steigt“, sagt Theis.

Zwischen einer halben Stunde und gut einer Stunde dauert die Umrüstung für einen erfahrenen Modellbahntechniker. Je nach Umfang der Arbeiten (zum Beispiel auch mit einer gründlichen Wartung und dem Einbau einer potentialfreien Beleuchtung) kostet die Digitalisierung schnell 100 Euro. Aus der Perspektive eines Sammlers würde sich das zumindest für unsere Lok nicht rechnen. Aber die meisten Kunden gehen nach dem ideellen Wert der H0-Miniaturen, sagt Theiss. Und wenn die alte Lok mit dem neuen Innenleben zum ersten Mal auf der digitalen Anlage steht und sich automatisch über das Mfx-Protokoll selbst an der Steuerung anmeldet – dann hat sich die Investition für den Besitzer schon gelohnt.

Quelle: F.A.S.
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