Utrecht in Holland

Radlertraum

Von Boris Schmidt
 - 15:53

Es ist nur eine Momentaufnahme, gewiss, aber es könnte ein Blick in die Zukunft gewesen sein. Ein Wochenende im holländischen Utrecht zeigt auf, wie die deutsche Großstadt im Jahr 2030 aussieht. Alle fahren Fahrrad. Es gibt breite Fahrradwege, eigene Ampeln und oft auch eine eigene Verkehrsführung für die Radler, fast jede Einbahnstraße darf auf zwei Rädern entgegen der eigentlich vorgegebenen Richtung genommen werden, und es gibt eigene Stellflächen fürs Velo. Utrecht hat sogar das größte Fahrrad-Parkhaus der Welt. Das Auto ist aus der alten Kernstadt nahezu verbannt, nur noch Anlieger dürfen rein, alte Diesel schon mal gar nicht. Aufgrund der Menge der Radfahrer hat das Auto nur noch eine Art Randexistenz.

In den Vierteln, die direkt an die alte Kernstadt angrenzen, ist es allerdings gar nicht so schwer, einen Parkplatz zu finden. Jedoch muss man sich anmelden, der Parkraum wird elektronisch überwacht, in unserem Fall kümmert sich das Hotel um die Registrierung (und die Bezahlung). Das Kennzeichen wird digital notiert, ein Zettel im Wagen ist nicht nötig. Fast scheint es, als sei das Auto schon so weit zurückgedrängt, dass diejenigen, die noch eines benutzen, bemitleidet werden. Der Holländer an sich fährt sein Rad, hat gern zwei Kinder dabei, eines vorn am Lenker, eines hinten auf dem Gepäckträger. Oder er benutzt eines der so hippen Lastenräder, die als Dreirad mit großem Laderaum vorn mitunter zum Fünf-Personen-Fahrzeug mutieren: Mama auf dem Sattel und vier kleine Kinder in der Kiste.

Was noch auffällt: So gut wie niemand trägt einen Helm, auch die Kinder nicht, E-Bikes sind selten, und Mopeds oder Motorroller, deren Fahrer ebenfalls nie einen Kopfschutz tragen, dürfen auch auf die Radwege, was aber offenbar nicht zu Problemen führt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass sie in der Minderheit sind. Und die Holländer sind eben so furchtbar gelassen. Ein Vorteil darf aber nicht außer Acht gelassen werden: Im topfebenen Utrecht ist es ein Leichtes, Rad zu fahren.

Quelle: F.A.Z.
Boris Schmidt
Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.
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