Trail Running am Mont Blanc

Geht’s noch?

Von Walter Wille
 - 16:05
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Um den Mont Blanc herum führen beliebte Wanderwege durch grandiose Natur. Tausende stiefeln im Sommer drauflos, wer eine Hüttenunterkunft buchen will, der ist gut beraten, das weit im voraus zu tun. In gemütlichem Tempo lässt sich die Runde in zehn Tagen absolvieren, in sechs, wenn man zügiger unterwegs ist. Irgendwann wollten Leute herausfinden, ob das Mont-Blanc-Massiv in einem Stück umrundet werden kann, wie schnell das zu schaffen ist, wenn man an die Grenzen dessen geht, was die Beine hergeben. Damit nahm der Wahnsinn seinen Lauf.

Will man ausgemergelte Gestalten sehen, die richtig fertig sind, verdreckt und so entkräftet, dass sie kaum noch ein Lächeln zustande bringen, die aus dem Knie bluten und wie Galeerensklaven riechen, dann kommt man Ende August/Anfang September im Ortskern von Chamonix am Fuße des Mont Blanc voll auf seine Kosten. Auf der Place du Triangle de l’Amitié schleppen sie sich ins Ziel, die Ultra-Bergläufer. Jedenfalls jene, die das Ziel erreichen. Das gelingt nicht jedem.

Das rund 170 Kilometer lange UTMB-Rennen (Ultra-Trail du Mont Blanc) ist der berüchtigte Königslauf der boomenden Sportart des Trail Runnings, dieses Jahr zum 15. Mal ausgetragen. Der UTMB ist so schrecklich, dass die Organisatoren sich kaum retten können vor der Lawine der Anmeldungen. Mehr als 2300 Teilnehmer wollen sie nicht, damit sich auf den zum Teil sehr schmalen Gebirgspfaden ohne Überholmöglichkeit die Staus in Grenzen halten. Engstellen wirken wie ein Flaschenhals, Schnellere kommen kaum vorbei an den Keuchenden und den Kriechenden. Weil immer jemand im letzten Moment absagt, wurden diesmal mehr Anmeldungen akzeptiert. Doch es sagte kaum jemand ab, und so starteten 2537 Frauen und Männer.

Längst gibt es rund um den Globus zahlreiche ähnlich extreme Geländelauf-Spektakel. Beim UTMB indes versammelt sich die von Ausrüstern geförderte Weltelite der Trail Runner, um die ein erstaunlicher Starkult zelebriert wird. Chamonix ist das hochalpine Hollywood, auf dessen Pflaster die Gewinner ihre Fußspuren hinterlassen. Alles ruft „Allez, allez!“ In einer rührenden Geste pflegt der Erste den Letzten in Empfang zu nehmen. Bewerber für eine Teilnahme müssen einen Nachweis ihrer Leistungsfähigkeit erbringen, in Qualifikationsläufen Punkte sammeln, glaubhaft machen, dass sie unterwegs aller Voraussicht nach nicht vom Rettungshubschrauber abgeholt werden müssen, und schließlich noch Glück bei der Verlosung der begehrten Startnummern haben. UTMB ist die Formel 1 der Füße.

170 Kilometer bedeutet: vierfacher Marathon. Wer also die Distanz eines Marathons hinter sich hat, der befindet sich noch ziemlich am Anfang des Rennens. Die große Schleife führt von Chamonix aus entgegen dem Uhrzeigersinn um die gewaltige Viertausender-Szenerie mit dem höchsten Gipfel der Alpen. Immer wieder hinauf in große Höhen und hinunter ins Tal. 19 Kommunen in drei Ländern werden durchlaufen, darunter Saint Gervais und Les Contamines in Frankreich, Courmayeur in Italien, Champex-Lac und Trient in der Schweiz. Die Läufer sind angewiesen, für alle Fälle den Personalausweis mitzunehmen. Lange Anstiege ziehen sich bis auf 2000 Meter und mehr. Croix du Bonhomme (2433 Meter), Col de la Seigne (2516), Col des Pyramides (2565) und Grand Col Ferret (2537) sind die höchstgelegenen Punkte.

Die Höhenmeter addieren sich auf 10.000

Die Höhenmeter addieren sich auf rund 10.000, was ungefähr 100 Besteigungen des Kölner Doms bis zur Aussichtsplattform in knapp 100 Metern Höhe entspricht oder 53000 Stufen, nur eben unter den Bedingungen eines Vierfach-Marathons. Die Schnellsten erledigten das diesmal in weniger als 20 Stunden. Der Sieger François d’Haene, ein Franzose, erreichte Chamonix nach 19 Stunden und anderthalb Minuten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,8km/h und schlug den Supermann der Szene, Kilian Jornet aus Katalonien, um eine Viertelstunde. 25 Stunden und 47 Minuten benötigte als schnellste Frau die Katalanin Núria Picas, die wegen eines Asthma-Anfalls im letzten Anstieg fast noch gescheitert wäre. Ihre Verfolgerin jedoch, die Schweizerin Andrea Huser, befand sich am Ende „in einem traumartigen Zustand“, wie sie sagte, so dass sie gar nicht mitbekam, dass sie noch hätte überholen können.

46 Stunden und 30 Minuten beträgt das Zeitlimit für alle. Der überwiegende Teil der Läuferinnen und Läufer verbringt zwischen Freitag Abend und Sonntag Nachmittag zwei Nächte draußen auf der Strecke, mit Stirnlampe durch die Dunkelheit rennend, gehend, kraxelnd. Elektronische Chips und Checkpoints sollen sicherstellen, dass niemand verlorengeht. Wer von Müdigkeit übermannt wird, der kann sich an den Verpflegungsstationen ausruhen. Manche legen sich für einen Kurzschlaf direkt neben den Weg. Zwar raten die Organisatoren davon ab, doch geben sie für solche Fälle Leibchen aus mit der Aufschrift „Please do not disturb“. Damit nicht dauernd jemand fragt, ob alles in Ordnung sei.

Extremes Wetter verlangt extreme Ausrüstung

So richtig kuschelig ist das nicht bei Regen und Nebel im Hochgebirge. Außergewöhnlich widrig waren die Umstände dieses Mal. Bei stürmischem Wind und Schnee in den hohen Lagen froren die Sportler bis auf die Knochen, arbeiteten sich durch Matsch und rutschiges Gestein und Wurzelwerk. Von den 2537 Gestarteten brachen 851 ab.

Beim UTMB handelt es sich um den abschließenden Höhepunkt einer ganzen Serie von Läufen am Mont Blanc innerhalb einer Woche. Die kürzeren messen 56 bis 119 Kilometer. Alles in allem versammeln sich 8000 Teilnehmer, dazu Zehntausende Begleitpersonen und Besucher. Unterkünfte und Lokale der Gegend sind voll. Enorm ist der Bedarf an Heftpflaster, Tape, Wundcreme und Massagediensten, hoch der Umsatz mit Energieriegeln, Powergel und GPS-Trackern. Auf einem Ausstellungsgelände im Zentrum von Chamonix präsentiert sich die Qutdoor-Branche mit all ihren Waren. Ein Mekka der Kompressionsstrümpfe, ein Festival der Funktionsfaser.

Wie kaum eine andere Sportart habe das Trail Running der Materialentwicklung einen Schub gegeben, meint Jean-Luc Diard, einer der Gründer des Sportartikel-Anbieters Hoka One One. Das junge französische Unternehmen, inzwischen Teil der amerikanischen Gruppe Deckers Outdoor, hat sich von 2009 an gegen den Trend zu immer minimalistischeren Laufschuhen mit Modellen einen Namen gemacht, die besonders dicke Zwischensohlen für eine starke Dämpfung aufweisen. Heute handelt es sich nach den Worten von Diard, zuvor Geschäftsführer des Sportartikel-Riesen Salomon, um die am schnellsten wachsende Sportschuhmarke überhaupt.

Das Gewicht ist präzise kalkuliert

Kein Läufer will unnötiges Gewicht mit sich herumschleppen, kommt allerdings in den Ultra-Wettbewerben um eine Pflichtausrüstung nicht herum. Genau dies ist nach den Worten Diards ein wesentlicher Grund für das Bemühen um Innovationen in der Industrie. Außer Mobiltelefon, Überlebensdecke, Pfeife, Notverband, Verpflegung, Wasservorrat und Trinkbecher sehen die UTMB-Regeln unter anderem die Mitnahme einer zweiten Kleidungsschicht mit langen Ärmeln und Beinen, einer wasserdichten Jacke mit Kapuze sowie einer Überziehhose vor. Schirmmütze, Haube und Handschuhe müssen die Läufer ebenso bei sich haben. Die Textilien, sagt Diard, müssten unter verschiedensten Bedingungen funktionieren, bei Hitze wie Kälte, sie würden immer vielseitiger und leichter, dehnbarer, atmungsaktiver, gezielt wasserdicht und schnelltrocknend.

Die Rucksäcke der Läufer haben wenig mit dem zu tun, was man sich üblicherweise darunter vorstellt; es handelt sich um federleichte Stausysteme, die wie eine Weste eng am Körper getragen werden, als Ausrüstungsgegenstand fast so wichtig wie die speziellen Schuhe. In den Anfangsjahren habe man versucht, Wanderstiefel von geringerem Gewicht zu bauen, erklärt Diard. Das sei ein Irrweg gewesen. Schließlich habe man erkannt, dass man die Sache besser von der Laufschuh-Seite her angeht und dem leichtgewichtigen Material durch gezielte Verstärkung hier und dort zu mehr Robustheit verhilft. Grobes Profil der Sohlen gewährleistet Grip im Gelände, was vor allem bergab wichtig ist. Stabilität auf unebenem Untergrund dank einer entsprechenden Schnürung, Abriebfestigkeit, Stoßschutz vorn, eine Verstärkung der Ferse und nicht zuletzt ein gewisser Komfort sind vonnöten. Viele benutzen Stöcke, auch die wiegen praktisch nichts mehr.

Drei, vier Schritte im Voraus

Das Berglaufen, heben die Aktiven hervor, sei abwechslungsreicher und vielseitiger als das Rennen in der Ebene mit seinen monotonen Bewegungsabläufen. Rund 10.000 Kalorien verbrennen während des UTMB die Spitzenathleten, woraus sich die Aufgabe ergibt, während des Wettkampfs durch Nahrungsaufnahme 10.000 Kalorien nachzufüllen. „Das ist ein echtes Problem“, sagt der Franzose Julien Chorier, ein Profi des Trail Runnings mit langjähriger Erfahrung. Die Besten dieses Sports schlafen nicht, gehen selten, laufen dafür auch in den Anstiegen, erreichen bergab halsbrecherisches Tempo.

Statt zu bremsen, lassen sie es laufen, schauen nicht auf die Füße, sondern weit nach vorn, planen drei, vier Schritte im Voraus, versuchen harte Bewegungen zu vermeiden, sich geschmeidig und kraftsparend wie eine Bergziege zu bewegen. Und nicht ans Stürzen zu denken: „Früher oder später passiert das sowieso. Aber man darf auf keinen Fall Angst davor haben.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wille, Walter
Walter Wille
Redaktion „Technik und Motor“
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