Umwelt & Technik
Analoges Kinderspielzeug

Spielen ohne Bits und Bytes

Von Peter Thomas
© Peter Thomas, F.A.S.

Das voll digitalisierte und vernetzte Kinderzimmer 4.0 steht direkt vor uns. Diesen Eindruck bekommt, wer die Prognosen der Branche verfolgt. Was dabei als Digitalisierung bezeichnet wird, ist nicht etwa Einsatz von digitaler Technik, um die Funktion traditioneller Spielwaren zu erweitern. Das ist nämlich ein vergleichsweise alter Hut, die Entwicklung beispielsweise bei der Modellbahn hat schon vor mehreren Jahrzehnten begonnen. Auch die virtuellen Welten klassischer Computer- und Videospiele sind hier nicht gemeint.

Digitalisierung, das bezieht sich im derzeitigen Sprachgebrauch vielmehr einerseits auf die Kopplung von Spielzeugen an smarte Endgeräte sowie andererseits auf die Verbindung virtueller Inhalte und realer Objekte zu neuen Spielwelten. Diese Entwicklung zeigte Ende Januar die internationale Spielwarenmesse 2017 in Nürnberg. Und erst in der vergangenen Woche hat Fischertechnik bekanntgegeben, dass die Kugelbahnen des traditionsreichen Spielzeugs künftig in der virtuellen Umgebung des Computerspiels „Crazy Machines 3“ gebaut werden können.

Spielerischer Umgang mit Gegenständen

Doch die Konjunktur smarter Spielwaren ist keine Einbahnstraße. Denn analoges Spielzeug aller Art fasziniert Kinder (und Erwachsene) nach wie vor. Gerade bei Kindern ist das immens wichtig. Fähigkeiten wie Feinmotorik und räumliches Denken entwickeln sich am besten spielerisch im Umgang mit realen Gegenständen. Und Kreativität sowie soziale Interaktion profitieren vom klassischen Rollenspiel mit Figuren mindestens genauso wie vom Eintauchen in den virtuellen Spielekosmos. Dass auch Spaß macht, was sinnvoll ist, dafür sprechen die Erfolge von Playmobil-Männchen und Bruder-Lastwagen, von Gesellschaftsspielen und Kuscheltieren.

Stein auf Stein: Ankersteine gelten als eines der ersten Systemspielzeuge überhaupt.
© Peter Thomas, F.A.S.

Und wie hält es das technische Spielzeug mit dem Analogen? Blick zurück auf die Lego-Pressekonferenz in Nürnberg: Gleich mehrere Baukästen der dänischen Marke sind im Jahr 2016 unter den besonders ertragreichen Produkten im deutschen Markt gewesen. In der Liste finden sich vor allem die großen (und teuren) Sets der Technic-Reihe. Und viel analoger als diese komplexen Zahnradskulpturen wird es nicht mehr. Das gilt für den Mercedes-Benz Baustellen-Lastwagen (F.A.Z. vom 3. Januar 2016) und den Porsche 911 GT3 RS (F.A.Z. vom 18. Dezember 2016) genauso wie für das neue Motorradmodell einer BMW R 1200 GS Adventure. Der Bausatz ist in enger Zusammenarbeit mit BMW Motorrad entstanden und kostet 50 Euro. Schon für 30 bis 35 Euro ist der Meccano-Bausatz einer Ducati Monster 1200 S zu bekommen (Bild). Die Linienführung der von Schrauben zusammengehaltenen Miniatur ist gelungen, uns gefällt auch die gefederte Hinterradschwinge. In dem Metallbaukasten-System werden mittlerweile sehr viele Kunststoffteile eingesetzt. Das ist auch am Motorrad zu sehen.

Komplexe Bausätze sind immer noch beliebt

Wer stattdessen die ganz klassische Form des Baukastens schätzt, wird beispielsweise bei Modellen des Eiffelturms fündig. Den hatte Meccano jüngst als filigrane Miniatur mit 62 Zentimeter Höhe im Angebot. Der deutsche Metallbaukasten-Hersteller Eitech lässt die französische Ikone des Ingenieurbaus mit dem Kasten C33 (120 Euro) auf 1,25 Meter Höhe wachsen. Noch einige Zentimeter mehr erreicht das Modell der indischen Marke Mechanix (für knapp 160 Euro in Online-Shops zu finden). Deren Bauteile sind zu Halbzoll-Bausystemen wie Meccano, Märklin und Stokys kompatibel.

Klassisches Konstruktionsspielzeug ist also nach wie vor beliebt. Nur bei welcher Zielgruppe eigentlich? Gewiss kaufen viele Erwachsene solche komplexen Bausätze und Baukästen zum Montieren, Stecken und Schrauben. Sie gehören zur selben Altersgruppe wie jene Kunden, die sich filigran gearbeitete Modelle von Rennwagen und Lastautomobilen aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in die Vitrine stellen – und jene, die für eine realitätstreu konstruierte H-0-Elektrolokomotive mit amüsanter Spielerei mehrere hundert Euro auszugeben bereit sind.

Grundprinzipien des Maschinen- und Ingenieurbaus

Die eigene Erfahrung zeigt, dass gerade das gemeinsame Bauen mit den großen Kästen von Lego, Fischertechnik und anderen Herstellen Kinder begeistert. Ganz nebenbei schult der Umgang mit solchen Systemen auch das Verständnis für Grundprinzipien des Maschinen- und Ingenieurbaus. Verkehrt dürfte das nicht sein, auch wenn digitale Vordenker die Parole ausgeben, dass in der Zeit von Industrie 4.0 das Programmieren die neue Lingua franca sei. Irgendjemand muss aber nach wie vor die Roboter der Zukunftsfabriken bauen und die Brücken für kommende Flotten von Roboterautos entwerfen.

Heavy Metal: Faller ams-System und Märklin Modellbahn auf M-Gleis
© Peter Thomas, F.A.S.

Zurück zur Modellbahn. Tatsächlich zielt zum Beispiel die neue Ellok der Baureihe 103 des Göppinger Modellbahnherstellers Märklin mit versenkbarem Triebfahrzeugführer und einer Preisempfehlung von 400 Euro kaum auf Kinder ab. Aber die jüngsten Modelleisenbahner haben auch ganz andere Ansprüche: Sie wollen ein robustes Spielsystem mit Vorbildern aus der eigenen Alltagserfahrung, das Freude am Betrieb macht. Und deshalb, sagt Märklin-Chef Florian Sieber zufrieden, verkaufe sich die Einstiegsserie Myworld mit solide konstruierten Kunststoffminiaturen von ICE bis Regionalexpress so gut – auch ganz ohne smarte Schnittstelle.

Spielsachen erfreuen auch Erwachsene

Zudem greifen erwachsene Fans des Schienenverkehrs im Maßstab 1:87 nicht alle zu den feinen Nachbildungen des aktuellen Programms. Viele haben Spaß daran, den Youngtimer-Gedanken aus der automobilen Klassik ins Spielzeug zu übertragen. Dann rumpeln die zahlreich im Gebrauchtmarkt verfügbaren Loks und Wagen (mit Baujahren aus den 1980er Jahren und früher) über Märklins legendäres M-Gleis. Und dazwischen drehen auf dem Spieltisch die spurgeführten Mini-Autos des ams-Systems von Faller sirrend ihre Runden. Das ist keine Welt der Sammler teuren Blechspielzeugs, sondern eine gutgelaunte Inszenierung klassischen Spielzeugs. Dank funktionierender Ersatzteilversorgung hat das Hobby Zukunft.

Meccano macht das Monster: Das Modell der Ducati Monster 1200 S wird von Schrauben zusammengehalten.
© Peter Thomas, F.A.S.

Nun mag nicht jeder Youngtimer-Fan in seiner Freizeit mit feinem Schraubendreher und Ölstift in der Hand über fallersche Zinkmotoren grübeln. Aber mit ähnlich klassischen Werten wie das Heavy Metal in H-0 warten auch neue Spielwaren auf – der funkferngesteuerte Raupenbagger von Siku im Maßstab 1:32 zum Beispiel. In dem Modell des Liebherr R980 SME stecken fünf Jahre Entwicklung, zum Sommer 2017 kommt er für 250 Euro in den Handel. Die beiden Raupenketten lassen sich über Wippen auf der Fernsteuerung einzeln kontrollieren. Vorbildtreu sind auch die Arbeitstiefe unterhalb der Bodenlinie (so lassen sich echte kleine Gruben graben und Gräben ausheben) sowie die endlose Drehmöglichkeit des Oberwagens dank Strom- und Signalübertragung mit Schleifringen. Die zwei Kilogramm schwere Baumaschine ist für den Einsatz im Sandkasten ausgelegt. Dass der Mini-Bagger Menschen aller Altersgruppen anspricht, hat die von Siku zur Messe eingerichtete Baustelle gezeigt.

Die Grenze zwischen Kunst und Spiel überschreiten schließlich Angebote wie die klassischen Ankersteine. Nach dem pädagogischen Ideal von Friedrich Fröbel wurden die Bausteine von den Luftfahrtpionieren Otto und Gustav Lilienthal erfunden. Seit den 1990er Jahren wird das Architekturspiel wieder im thüringischen Rudolstadt produziert. Haptik, Duft und Ästhetik der aus Steinmehl, Kreide und Leinöl hergestellten Bausteine faszinieren schon beim ersten Auspacken eines Kastens. Und an Burgenbau, an der Konstruktion von Türmen und Häusern hat der Fünfjährige die gleiche Freude wie der erwachsene Hobby-Architekt.

Quelle: F.A.S.
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