VW Käfer restauriert

Der neue Alte

Von Lukas Weber
© Tobias Schmitt, F.A.S.

Wer in die Jahre kommt, neigt dazu, auf seinen Jubelfeiern der Jugend zu erklären, dass früher alles besser war. Das sollte man lassen. Erstens will es keiner hören, zweitens stimmt es nicht. Es kann sogar sein, dass Relikte früherer Tage heute mehr können als damals, der Verfasser dieses Textes einmal ausgenommen. Der Beweis für diese steile These stand ein paar Tage im Fuhrpark der Redaktion. Hierzu muss man wissen, dass der Käfer von VW für eine ganze Generation der Einstieg in die vierrädrige Mobilität gewesen ist, und manch einer davon hat mit einer Träne im Auge im Jahr 2003 das letzte Exemplar vom Band rollen sehen, obwohl er selbst schon längst zu automobilen Premiumprodukten aufgestiegen war. Nun steht da also ein Käfer Cabrio des Jahres 1976, das nach Aussehen und Geruch so gut ist wie neu. Doch der Schein trügt, es ist in jeder Hinsicht besser.

Möglich macht das Kunststück der Münchener Stahlbauunternehmer Georg Memminger. Der hat inzwischen Geländer und Träger aus dem Lager geschmissen und verwendet seit fast zwei Jahrzehnten sein Arsenal an teuren Presswerkzeugen, um aus alten Käfern neue zu machen. Dazu kauft er bis zum letzten Schrott alles auf, was zu bekommen ist – rund 200 vom Rost zerfressene Exemplare lagern in den heiligen Hallen und warten auf Wiederbelebung.

Dort passiert mit ihnen etwas, das den Freund echter Oldtimer gruselt: Vom Original bleibt so gut wie nichts erhalten außer der A-Säule und dem Mitteltunnel mit der Fahrgestellnummer, der Rest wird neu angefertigt. So kommt es, dass der technische Fortschritt in den neuen Alten gleich mit eingebaut werden kann. Das Blech ist verzinkt und in vielen Fällen verstärkt, in die Türen wird ein Seitenaufprallschutz geschweißt, der Auspuff besteht aus Edelstahl, und es gibt auf Wunsch ein Antiblockiersystem für die innenbelüfteten Scheibenbremsen. Den Status als Oldtimer mit H-Kennzeichen beschädigt das nicht – alles, was der Sicherheit dient, darf eingebaut werden, sagt Memminger. Und alles, was es damals schon gab. Das ist eine Menge, die Liste der in die Papiere eingetragenen Änderungen will schier nicht enden.

Sitzgefühl wie damals

Die aufwendige Verstärkung des Fahrwerks und der Bremsen bekommt einen Sinn, wenn statt des neu gefertigten originalen Motors mit 50 PS einer geordert wird, den es mit etwas Phantasie damals schon hätte geben können. Bis zu 2,7 Liter Hubraum reicht die Skala, wenn der Vierzylinder-Boxer auf dem Typ 4 (VW 411) basiert, dessen Hub und Bohrung mit Teilen vom Tuner vergrößert wurde. Sogar eine Einspritzung gab es damals, mit deren Hilfe der Käfer von Memminger jetzt auf bis zu 180 PS gebracht werden kann, und die ihm zugleich zeitgemäße Verbrauchswerte beschert. Dazwischen gibt es allerlei Stufen.

Auch sonst ist Memminger höchst individuell, der Innenraum wird nach den Wünschen der Kunden gestaltet – in unserem Exemplar mit Ledersitzen von Recaro sowie Raid-Lenkrad –, und an Farben stehen alle historischen und moderne zur Wahl. Dass die zehn Techniker fast alles in Handarbeit machen, hat seinen Preis: 95.000 Euro kostet die Restaurierung eines mitgebrachten Käfers. Wer keinen hat oder Extras wünscht, muss mit 150.000 Euro rechnen. Dafür gibt es feinstes Understatement.

Wie fährt sich so etwas? Sitzgefühl wie damals, Mensch, war das eng. Der Lokalmatador am Ort hatte einen mit 80 PS und war der Kurvenkönig, dagegen ist dieser hier der rasende Roland. Kein Zweifel: Das ist genau der Käfer, wie wir ihn als junger Kerl gerne gehabt hätten.

Quelle: F.A.S.
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