Von der Widerstandskraft der Psyche

Von MICHAEL BRENDLER
Foto: Picture-Alliance

29.12.2017 · Rumänische Waisenkinder, Bergretter, Feuerwehrleute – was zeichnet Menschen aus, die traumatische Erlebnisse besser überwinden als andere?

A n die Torturen, die er als Kleinkind in einem rumänischen Waisenhaus erleben musste, kann sich John Andrews nicht mehr erinnern. So richtig, sagt er, setze sein Gedächtnis erst nach dem vierten Lebensjahr ein. Da lebte er nach einer Adoption schon längst in London. Andere britische Adoptiveltern schilderten dem Sender BBC einmal, welche Zustände sie in Rumänen mitansehen mussten: „Die Fensterscheiben waren zerbrochen. Fliegen umschwirrten die Kinder. Die Hygiene beschränkte sich darauf, dass man alle gelegentlich mit kaltem Wasser abspritzte.“ Manche Jungen und Mädchen mussten sich selbst aus Fläschchen füttern. „Die wurden einfach sich selbst überlassen“, erzählt Robert Kumsta, der als Leiter der Abteilung für Genetische Psychologie an der Universität Bochum sein Berufsleben Fällen wie John Andrews widmet.

Achtzehn Monate hat Andrews das überstanden, achtzehn Monate ohne Spielzeug, ohne Ansprache, ohne Zuwendung. Heute ist er 27, hat erfolgreich erst die Schule und dann die Universität absolviert und verdient inzwischen gut als Veranstaltungsmanager. Psychische Probleme? Kennt er nicht. „Ich neige dazu, zu sagen, dass ich so etwas nicht habe.“

So viel Glück hatten nicht alle Kinder, die das Ceauşescu-Regime in Waisenhäuser gepfercht hatte. Als der eiserne Vorhang fiel, machten erschütternde Bilder die Runde. Auf ihnen waren verdreckte Kinder zu sehen, die nicht sprachen, nicht auf Menschen reagierten, die mit zwei, drei Jahren oft nicht einmal sitzen konnten. Es gab im Westen viele, die durch eine Adoption helfen wollten. Auch in Großbritannien. Aber würde das gutgehen? Die britischen Behörden hatten Zweifel und beauftragten den Kinderpsychiater Michael Rutter, den Beteiligten zur Seite zu stehen.

Rutter sah das als eine Art natürliches Experiment und beschloss, es wissenschaftlich zu begleiten. Viermal, im Alter von vier, sechs, elf und fünfzehn Jahren, wurden die Kinder bisher untersucht und wie ihre Adoptiveltern umfassend befragt. In diesem Jahr, 25 Jahre nach Beginn des Projekts, haben die Wissenschaftler nun die Ergebnisse einer weiteren Evaluation vorgestellt und bestätigen eine traurige Erkenntnis: Die meisten Kinder, die mehr als ein halbes Jahr im Heim verbracht hatten, konnten den Horror auch als junge Erwachsene nicht hinter sich lassen. Viele leben in sich zurückgezogen, können die Signale anderer Menschen kaum interpretieren, manche verhalten sich wie Autisten. In einigen Fällen traten mit der Pubertät Angststörungen oder Symptome einer Depression auf. Wieder andere konnten sich bereits in der Kindheit schlecht konzentrieren und erinnern mit ihrer Sprunghaftigkeit und Fahrigkeit an Menschen mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS.

Unterernährt, vernachlässigt, chronisch krank: 96 Kinder und 25 Erwachsene waren in diesem Krankenhaus für Behinderte in Gradinariun weit der Hauptstadt Bukarest unter gebracht. Mauritius

Aber es gibt eben auch solche wie John Andrews. Schon im Kindesalter, sagt Robert Kumsta, war jedes fünfte ehemalige Heimkind psychisch so unauffällig wie die meisten britischen Gleichaltrigen. Nach dem elften Lebensjahr erwies sich sogar mehr als die Hälfte von ihnen als Überlebenskünstler. „Das muss man sich mal vorstellen“, sagt der Psychologe, als könne er es selbst kaum glauben: „Manche Kinder waren dreieinhalb Jahre lang in diesen Heimen und zeigen dennoch keine Verhaltensauffälligkeiten.“

Gemeinsam mit seiner etwa ein halbes Jahr alten Schwester kam Andrews 1992 nach London zu seinen Adoptiveltern, einem älteren Ärztepaar. Als „sehr professionell und wenig emotional“ beschreibt er das Verhältnis. Die Geschwister wuchsen in einem gutbürgerlichen Milieu mit Eigenheim, Nanny und Privatschule auf. Nur wenige Jahre später erkrankte der Familienvater allerdings an Parkinson, die Adoptivmutter musste arbeiten, die Kinder selbst sich um den Kranken kümmern. In der Pubertät kam für den Jungen die Herausforderung hinzu, die eigene Homosexualität zu akzeptieren. Mit achtzehn überwand er eine Magersucht. Doch im Rückblick erscheinen ihm seine Probleme harmlos zu jenen, die andere Adoptivkinder durchmachten. Da gab es Alkohol, Streit, psychische Probleme aller Art. Verzweifelte Eltern schütteten dem Psychiater Rutter ihr Herz aus.

„Dabei betonten viele, dass sie ihren Kindern doch immer alles gegeben hätten“, erinnert sich John Andrews an Szenen, die er alle paar Jahre bei seinen Untersuchungsterminen beobachten konnte. Ein Foto zeigt ihn als jungen Dandy mit Sonnenbrille und gegelter Haartolle, die Hand zur Victory-Geste erhoben. Er strahlt Optimismus aus. Was er und andere besitzen, den dauerhaft Leidenden aber fehlt, will Robert Kumsta in Zusammenarbeit mit Michael Rutter nun herausfinden.

Wer unter solchen Umständen heran wuchs, konnte wenig Hoffnung haben. Schwache wurden unter dem Ceauşescu-Regime gnadenlos aussortiert. Mauritius

A ntworten auf diese Frage hatte Mitte des 20. Jahrhunderts bereits die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner gesucht. Sie beobachtete dafür 698 Kinder, die 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai geboren worden waren. Etwa dreißig Prozent erwischten einen besonders schlechten Start. Armut, Vernachlässigung, Misshandlungen und alkoholsüchtige Eltern prägten ihre ersten Jahre, doch jeder Dritte unter ihnen konnte sich über die widrigen Umstände hinwegsetzen und wuchs zu einem gesunden, beruflich erfolgreichen Erwachsenen heran. Als Werner ihre Studie 1977 veröffentlichte, präsentierte sie auch eine Erklärung für diese Resilienz, wie Fachleute die psychische Widerstandsfähigkeit nennen: Im Vergleich zu Altersgenossen, hatte sie beobachtet, zeichneten sich diese Kinder unter anderem durch eine höhere Selbstwirksamkeit aus. Sie besaßen ein besonderes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, waren kontaktfreudiger und optimistischer.

In den rumänischen Kinderheimen ließ sich so etwas aber nicht erlernen, woher nahmen es die Waisen dann? Auch in den Adoptiv-Elternhäusern hat Kumsta vergeblich gefahndet. Die Grundlage vermutet er deshalb nun in den Genen: „Wir haben alles überprüft, Bildungsgrad der Eltern, sozialen Status, das Verhältnis von Mutter und Kindern – es gab keinen Unterschied zwischen den resilienten und nichtresilienten Kindern.“ Stattdessen fielen bestimmte Erbinformationen auf, die zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Serotoninstoffwechsel stehen, einem Botenstoff, dem eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Depressionen zugeschrieben wird. Besaßen die Adoptierten eine bestimmte genetische Variante für den Serotonin-Transport, waren sie besser gegen emotionale Probleme und Angststörungen gewappnet. ADHS-Symptome waren häufiger zu beobachten, wenn ein bestimmter Dopamintransporter vorhanden war; Dopamin ist ebenfalls ein wichtiger Botenstoff.

Diese genetischen Hinweise erklären jedoch nur einen Teil der Schwierigkeiten, mit denen manche Adoptivkinder zu kämpfen haben. Deshalb will Kumsta im Erbgut nach umfangreicheren Risiko-Mustern suchen. Etwa nach solchen DNA-Varianten, die im Zusammenhang mit psychischen Problemen bereits aufgefallen waren, aber für sich allein genommen wenig aussagen. Zusammengefasst könnten sie die These des Forschers stützen. Dass nämlich ein Kind, das solche Martern halbwegs unbeschadet übersteht, seinen Leidensgenossen vor allem eines voraushat: Sein Hirn ist überdurchschnittlich lange in der Lage, Schäden zu reparieren. In einer freundlicheren Umwelt kann es sich dank dieser Plastizität gewissermaßen neu verdrahten und Fehlschaltungen korrigieren, so dass keine psychischen Narben zurückbleiben.

Das Ausmaß der Resilienz der rumänischen Waisenkinder hat die Forscher schon mehrfach überrascht. Die ersten IQ- und Entwicklungs-Tests seien noch schockierend gewesen: „Die meisten waren quasi nicht testbar, sie haben nur dagelegen, nicht geschrien und oft noch nicht einmal reagiert, wenn man sie berührt hat“, erzählt Kumsta. Frühadoptierte, die höchstens sechs Monate im Heim verbracht hatten, konnten den Vorsprung normaler britischer Kinder immerhin bis zum Alter von sechs Jahren einholen. Spätadoptierte brauchten bis zum Erwachsenenalter, aber auch sie waren teilweise noch dazu fähig. „Wir haben die Plastizität des Gehirns bisher unterschätzt“, mussten die Wissenschaftler feststellen.

Ein Kinderheim im rumänischen Badacin Foto: Imago
Eine Szene aus Gardinari Foto: Mauritius

Während des Studiums hatte John Andrews die Gelegenheit, seine leibliche Mutter in Rumänien zu treffen. Sie schien eine sensible und zugleich starke Persönlichkeit zu sein. „Genau wie du“, habe ihm die Schwester beschieden. Ob er diese Eigenschaften wohl erbte? Er wisse es nicht, sagt der 27-Jährige, „in meiner Jugend war ich alles andere als widerstandsfähig.“ Dass es für ihn selbst im Leben so „pretty well“ gelaufen sei, schiebt er auf das enge Verhältnis zur Schwester, auf die frühe Verantwortung für die Pflege des kranken Adoptivvaters und auf eine gewisse Abhärtung. Eine Essstörung sei sicherlich ein schwieriges Los, ließ ihn die Adoptivmutter mitten in seiner tiefsten Krise wissen, aber er müsse sich da schon selbst herausarbeiten. Eigenverantwortung war den Adoptiveltern wichtig; als Student bewältigte John nebenbei drei Jobs gleichzeitig.

Mit psychischen Belastungen sei es wie mit Infektionen, sagt dazu der mittlerweile 84-jährige Kinderpsychiater Michael Rutter: „Es hilft dir wenig, wenn du allen Bakterien aus dem Weg gehst. Damit Immunität entsteht, musst du lernen, mit ihnen umzugehen.“ Stahlbad nennen das manche Forscher.

Stählung, Selbstwirksamkeit, Optimismus, Gene – am Deutschen Resilienz Zentrum in Mainz versuchen Klaus Lieb und Beat Lutz all diese Faktoren zu vereinen. Irgendwo im Gehirn, so die Theorie, gibt es eine Art Resilienzsystem, über das all diese Faktoren ihre Wirkung entfalten. Worauf dieses Netzwerk beruht und welche Transmitter es nutzt, soll jetzt im Rahmen einer Studie untersucht werden. Derzeit werden zufällig ausgewählte Mainzer Bürger angeschrieben, um sie für die Teilnahme zu gewinnen. 15 000 Probanden sollen es einmal werden. Zehn Jahre lang sollten sie Auskunft über ihre psychische Verfassung geben, und darüber, welchen Stressfaktoren sie ausgesetzt sind. DNA-Proben, Kernspin-Aufnahmen und weitere Untersuchungen sollen weitere Informationen liefern. „Wir möchten durch den Vergleich erkennen, was diejenigen, die trotz wenig Stress psychisch sehr stark reagieren, von denen unterscheidet, die es trotz viel Stress schaffen, damit fertig zu werden“, sagt Klaus Lieb.

Resilienz, wie sie in Mainz interpretiert wird, heißt nicht, dass die Glücklichen, die darüber verfügen, alles Unbill der Welt wie an einer Panzerung abprallen lassen. Resilienz gilt den Mainzern vielmehr als eine Fähigkeit, aus dem Loch, in das man fällt, rechtzeitig wieder herauszukommen und Symptome wie Niedergeschlagenheit oder Angst zu überwinden, bevor sie in eine Krankheit münden. Außerdem wollen Lieb und Lutz prüfen, ob und wie man der menschlichen Widerstandskraft mit einer Online-Psychotherapie, durch Medikamente, Sport oder Magnetstimulation auf die Sprünge helfen kann.

Sogar das Kanalsystem von Bukarest war für Straßenkinder ein Zuhause. Laif

„Resilienz ist immer ein Arrangieren“, sagt Ulrike Ehlert vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. „Ungeduldige Menschen wie ich haben zum Beispiel eine niedrige Stau-Resilienz“, sagt sie von sich selbst; bevor sie sich einen halben Tag in die Autoschlange Richtung Süden stelle, bleibe sie lieber zu Hause. „Aber ich kenne Menschen, die haben in dieser Hinsicht eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit, die sind ganz happy, wenn das Auto steht, weil sie dann picknicken und spielen können.“ Re-Appraisal, heißt es im Fachjargon, wenn es einem Betroffenen gelingt, Katastrophen positive Seiten abzugewinnen.

Schweizer Bergführer scheinen in dieser Hinsicht wahre Meister zu sein, hat die Psychologin in einer ihrer Studien herausgefunden. Achtzig Prozent von fast neunhundert Befragten, sagt Ehlert, hätten in der Vergangenheit schon einmal traumatische Erlebnisse überstanden. Nur die Hälfte hatte das aber als Trauma empfunden. „Wenn ich aus dem Fenster raus in die Berge schaue, dann geht es mir einfach immer gut“, habe ein alter Bergführer geschrieben, obwohl er mehrere lebensgefährliche Rettungsversuche erlebt und dabei auch ein Bein verloren hatte. „Genau das ist Resilienz“, sagt Ehlert: „Sich trotz schlimmer Erfahrungen am Leben zu freuen und die Dinge gelassen zu nehmen.“ Dass sich das allerdings wie ein einfacher Zaubertrick erlernen und auf andere Menschen übertragen lässt, bezweifelt die Trauma-Forscherin jedoch.

Das konnte sie zum Beispiel in einer Studie mit deutschen Feuerwehrleuten beobachten. Bei jedem Fünften stellte Ulrike Ehlert ein Posttraumatisches Belastungssyndrom fest; unter den befragten Bergführern traf es gerade mal einen von 37. Abgesehen von den Einsatzorten ließ sich ein wichtiger Unterschied zwischen den Berufsgruppen erkennen: Viele professionelle Alpinisten hatten bereits Angehörige oder Freunde in den Bergen verloren, sie wussten also, was auf

sie zukommt. Feuerwehrleute dagegen schwärmten den Psychologen von ihrem technischen Equipment vor, mit dem sie alle Gefahren schon bewältigen würden.

Interessant war aber auch, was die weniger geschockten Brandschützer berichteten. Sie seien nach schrecklichen Erfahrungen besser in der Lage, Gefühle bei sich und anderen wahrzunehmen und würden mehr darüber reden. Resilienz, so hat es die amerikanische Psychologin Rachel Yehuda einmal formuliert, sei die Fähigkeit, aus dem Vergangenen zu lernen und dann vorwärtszuschauen.

Was Änderungen in Rumänien bewirken können, hat Michael Rutter bei einem Besuch vor vier Jahren wahrgenommen. In Waisenhäusern, in denen auch nach der Ära Ceauşescu noch die übelsten Zustände geherrscht hatten, traf er nun auf Kinder, die glücklich zu sein schienen und ein gutes Verhältnis zu ihren Betreuern hatten. Das sei ein dramatischer Unterschied zu früher gewesen: „Die Situation hat sich geändert, und das macht Mut.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung