<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Alice Weidel im Porträt

Alternative zu Höcke

Von Marc Felix Serrao
 - 15:33
zur Bildergalerie

Diplomatische Beziehungen: Das klingt nach perlenden Kaltgetränken und Abendgarderobe. An diesem Februartag in Berlin ist es das Gegenteil. Im Café an der Spree dudeln Hits der Achtziger, das Mobiliar ist mindestens genauso alt. An einem Bistrotisch sitzt ein Rentner vor seinem Mittagsbier und dem „Berliner Kurier“. Die Volksrepublik China, immerhin zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, hat diesen Ort ausgewählt, warum auch immer. Frau Ping, eine Botschaftsrätin mit kurzen Haaren und quietschbuntem Seidenschal, und Frau Xu, dezent gekleidet und laut Visitenkarte dritter Sekretär aus der politischen Abteilung, wollen die Alternative für Deutschland (AfD) kennenlernen. Es sei das erste Treffen dieser Art, sagt Frau Ping. Die Deutschen würden bald wählen, die AfD sei ja keine ganz kleine Partei mehr, und China wolle aus erster Hand erfahren, wofür sie steht.

Mit einer Viertelstunde Verspätung kommt Alice Weidel mit Rollkoffer vom Flughafen ins Café geeilt. Der Rentner schaut auf. Die große, dünne Blondine im schwarzen Hosenanzug wirkt in diesem Lokal wie ein Fremdkörper. „Ni hao“, begrüßt Weidel die Diplomatinnen. „Ni hao“, erwidern die Damen. Weidel, eine studierte Ökonomin, ist baden-württembergische Spitzenkandidatin der AfD.

Jetzt legt der Rentner seine Zeitung weg. Es folgt ein Smalltalk, bei dem die Ökonomin, wie es klingt, recht flüssiges Mandarin spricht; Weidel hat sechs Jahre lang in China gelebt und dort unter anderem für die Bank of China gearbeitet. Die 38-Jährige sagt Nettigkeiten über das Gewicht Chinas in der Welt und wirkt wie der Prototyp einer kosmopolitischen Enddreißigerin. Frau Ping sitzt mit durchgedrücktem Rücken da und lächelt. Frau Xu macht Notizen.

Vertrauliche Gespräche mit der chinesischen Delegation

Über die Details der Runde wird Vertraulichkeit vereinbart. Nur so viel: Was die AfD-Politikerin, nun auf Deutsch, den Diplomatinnen (und dem schamlos lauschenden Rentner) an Kritik über den wackelnden Euro, die verdeckte Staatsfinanzierung der EZB oder den anstehenden Schuldenschnitt für Griechenland erzählt, könnte so auch in den Kommentaren wirtschaftsliberaler Zeitungen stehen. Nur beim Thema Einwanderung wird ihr Ton stramm konservativ – ist aber immer noch weit weg vom Anti-System-Jargon des radikalen Flügels der AfD. Dessen Leitfigur ist Björn Höcke. Gegen den thüringischen Fraktionschef läuft ein Parteiausschlussverfahren. Doch Höcke hat mächtige Unterstützer, die jede Kritik an seinen Äußerungen als Störgeräusche des Establishments abtun.

Am anderen Ende des Spektrums steht Alice Weidel: von der Höcke-Truppe aus gesehen, links, von den anderen Parteien aus betrachtet, trotzdem rechts außen. Was treibt sie? Oder anders gefragt: Wie lange macht sie das noch mit? Wie lange kann man an der Seite eines Björn Höcke Politik betreiben, ohne selbst Schaden zu nehmen?

Für diese Fragen ist in Berlin keine Zeit. Weidel hat eine Mittelohrentzündung und sitzt mit fieberglänzenden Augen am Tisch. Ein zweites Treffen wird vereinbart, in ihrem Heimatort. Die gebürtige Westfälin lebt seit langem in Überlingen am Bodensee. Das ist, von Berlin aus betrachtet, nicht nur geographisch das andere Ende der Republik; wer mit dem Zug aus dem Norden anreist, fährt durch die Kraftfelder der deutschen Wirtschaft, Mannheim, Stuttgart, das Schwabenland. Am Ziel wartet der Bodensee. Die Region mag zum selben Land gehören wie die Hauptstadt, aber beide Orte könnten in Sachen Wohlstand und Sicherheit auch auf unterschiedlichen Kontinenten liegen.

„So schön kann Deutschland sein“

Das Treffen findet in einem Hotel über dem Städtchen statt. Weidel will nicht, dass bekannt wird, wo und wie sie wohnt. Dafür sei ihr das Privatleben zu wichtig, dafür nehme sie auch die Drohungen der Antifa gegen die AfD zu ernst. Die Terrasse bietet einen phänomenalen Blick auf den See. Es ist stürmisch an diesem Tag, aber hin und wieder stechen Sonnenstrahlen durch die Wolken, und dann funkelt das Wasser. „So schön kann Deutschland sein“, sagt Weidel.

Also, warum AfD? „Ich will mir später nicht vorwerfen, dass ich es nicht probiert habe“, sagt sie. „Ich mache das auch für meine Kinder.“ Die Politikerin hat zwei Söhne, vier Jahre und drei Monate alt, die sie gemeinsam mit ihrer Partnerin großzieht, einer Schweizer Film- und Fernsehproduzentin. Auch Weidels Privatleben ist weit weg vom Mainstream der AfD.

Und was ist dieses „es“, das sie probiert haben will? Sie lehnt sich vor und faltet die Hände. „Ich habe eine sehr feste Überzeugung“, sagt sie und macht eine Kunstpause. „Wenn es die AfD nicht schafft, irgendwann Regierungsverantwortung zu übernehmen, dann wird es dieses Land nicht schaffen.“

Von Goldman Sachs zur AfD

Weidel hat das, was man ein Leben vor der Politik nennt. Als jüngstes von drei Kindern eines Handelsvertreters und einer Hausfrau wächst sie in der Nähe von Gütersloh auf. Nach dem Abitur studiert sie Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre in Bayreuth. Sie arbeitet für Goldman Sachs, dann im Vorstandsbüro von Allianz Global Investors und später in verschiedenen Start-ups. Heute ist sie selbständige Unternehmensberaterin. Das kann natürlich alles und nichts heißen. „Ich male keine Folien voll“, erklärt sie. Sondern? „Ich komme rein, wenn eine Firma schon Geld hat und skalieren will. Dann baue ich in wenigen Wochen Strukturen auf, mit Personal, und helfe bei der Planung der nächsten Finanzierungsrunde.“

2011 promoviert sie, summa cum laude, über Chinas Rentensystem. Die Arbeit betreut Peter Oberender. Der 2015 verstorbene Volkswirt prägt ihr ordnungspolitisches Weltbild. Oberenders wichtigste Lehre, sagt Weidel, sei diese gewesen: Märkte funktionieren, aber sie brauchen starke Institutionen. Oder knapper: Wenn es nur wenige Regeln geben soll, müssen diese unter allen Umständen eingehalten werden. Womit wir wieder bei der Politik sind.

Die meisten Ökonomen sind wieder weg

„Das Ausmaß, in dem die europäischen Länder, angeführt von der Bundesregierung, Rechts- und Regeltreue vermissen lassen, ist atemberaubend“, sagt Weidel. Ihr Doktorvater sah das ähnlich. Als sich vor der jüngsten Bundestagswahl die „Wahlalternative 2013“ bildet, der Vorläufer der AfD, gehört er, wie viele Ökonomen, zum Kreis der Unterstützer. Weidel sagt, sie habe seinen Namen damals auf der Liste entdeckt. „Da wusste ich: Hier bist du richtig.“

Ist sie das noch? Die meisten Ökonomen sind wieder weg, vergrault durch Machtkämpfe, angeekelt vom Tonfall der Radikalen. Weidel ist geblieben. „Ich bin von unserem Programm überzeugt“, sagt sie. Und von den Parteifreunden? Von der Gruppierung namens „Der Flügel“, dem Sammelbecken der Systembekämpfer? Hat sie schon mal über den Absprung nachgedacht? Weidel lächelt. „Für wie doof halten Sie mich?“, sagt ihr Blick. Sie sagt: „Wir müssen aufhören, öffentlich über die Probleme der Partei zu sprechen. Professionell zu sein heißt nicht nur, Gremienbeschlüsse zu akzeptieren. Vertraulichkeit und Disziplin gehören auch dazu.“ Andernfalls drohe die „Republikanerfalle“. Von der 34 Jahre alten Partei, die einst ausgezogen war, um die Union das Fürchten zu lehren, ist heute nur noch eine Hülle da.

Der eigene Landesverband als Gefahr

Weidel will versuchen, ihrem Wahlkampf einen eigenen, für bürgerliche Wähler attraktiven Stempel aufzudrücken. An diesem Donnerstag reißt sie in Stuttgart ihre Themen an: innere Sicherheit, Zuwanderung, Islam, Europa und Euro, Finanz- und Steuerpolitik. Am Wochenende bewirbt sie sich beim Parteitag in Sulz um den Landesvorsitz, und am 31. März soll die erste Großveranstaltung stattfinden. Es wird schwer werden, nicht nur wegen des desolaten Eindrucks der Partei in der Öffentlichkeit. Auch aus ihrem eigenen Landesverband, dem zweitgrößten hinter Nordrhein-Westfalen, droht Gefahr.

Jörg Meuthen, Oppositionsführer im Stuttgarter Landtag, galt neben Alice Weidel lange als Stimme der Vernunft innerhalb der AfD. Doch der beurlaubte Volkswirtschaftsprofessor hat nicht nur seine Fraktion nicht im Griff; mal sollen sich Abgeordnete geprügelt haben, mal wird der Holocaust folgenlos relativiert. Er nutzt heute auch noch jede Gelegenheit, um seinen „Freund Björn Höcke“ als rhetorisch allenfalls ungeschickten Normalkonservativen liebzureden. Warum? Das fragen sich nicht nur Außenstehende. Steht einer von beiden etwa auf der Payroll einer gegnerischen Partei – mit dem Auftrag, die Wahlaussichten der AfD zu torpedieren?

Weidel lächelt, jetzt nicht mehr nur ein bisschen gequält. „Alles, was in den nächsten Monaten zählt, ist Einigkeit und Disziplin“, sagt sie. Wenn der Rest der Parteiführung sich so gut auf die Zunge beißen könnte wie die Frau aus Überlingen, dann wäre der Einzug in den Bundestag sicher. Aber das können sie bei der AfD nicht. Erst am Sonntag appellierten die Landesvorsitzenden in einer öffentlichen Erklärung an alle Parteimitglieder, künftig geschlossen aufzutreten, „im gemeinsamen Kampf gegen die Altparteien“. Was man so fordert, wenn die Nerven flattern.

In drei Monaten kann viel geschehen

Die Stimmung im Wintergarten des Hotels ist nun trüb. Wie bestellt fängt es draußen wieder an zu regnen. Doch plötzlich hellt sich Alice Weidels Miene auf. Sie winkt quer durch den Raum: „Kommt her!“ Sekunden später steht ihre Lebensgefährtin am Tisch und hält den Jüngsten im Arm. Der rülpst zur Begrüßung und dämmert dann wieder weg. Dann kommt noch der Vierjährige angerannt, holt sich einen Kuss ab, fragt, ob er zwanzig Euro haben kann, und lacht sich über den gespielt fassungslosen Blick kaputt. „Ich mache gerade noch ein bisschen Politik“, sagt Weidel zu dem Jungen, dann rast er wieder davon.

„Ohne meine Familie würde ich das alles nicht packen“, sagt Weidel. Ihre Partnerin unterstütze sie voll und ganz. „Als ich 2016 überlegt habe, ob ich die Spitzenkandidatur im Landesverband übernehmen soll, hat sie sofort ja gesagt: Wenn, dann machst du das richtig.“ Auch Weidels Eltern wohnen in Überlingen und gehören zum heimischen Schutzwall. Im Freundeskreis sieht die Sache anders aus. Da hallt der politische Druck der Öffentlichkeit nach. Ein paar Freunde habe sie schon verloren, sagt Weidel. Einige hätten einfach aufgehört, sich zu melden. Andere hätten erklärt, dass sie mit jemandem, der in der „Höcke-Partei“ mitmischt, keinen Umgang haben wollen. Am schroffsten sei der Ton bei Leuten aus dem Unionslager. Fleisch vom Fleische. Das war schon immer ein Garant für böses Blut.

Die Diplomaten haben da weniger Berührungsangst, zumindest die aus Asien und zumindest gegenüber dieser Frau. Im März sei sie in die taiwanische Botschaft eingeladen, sagt Weidel, ganz offiziell. Im Mai folgt eine Reise nach China, auf Einladung der Universität in Peking. Neben einem Besuch in verschiedenen Ministerien steht eine Vorlesung auf dem Programm. Weidel soll über die Zukunft Europas und des Euros sprechen. Und über die Zukunft ihrer Partei. Wer die AfD kennt, weiß, dass es sich nicht lohnt, den Vortrag heute schon zu schreiben. In drei Monaten kann in dieser Partei so ziemlich alles passieren.

Erklärvideo
Wie die AfD immer radikaler wurde
© F.A.Z., Salon Alpin, F.A.Z., Salon Alpin
Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAlice WeidelAfDBjörn HöckeChinaBerlinGoldman SachsDeutschlandEZB