Elektroautobauer gescheitert

Teslas China-Kater

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
 - 07:09

Chinesen mit Flugangst können die Strecke zwischen dem Finanzzentrum Schanghai und der Hauptstadt Peking am Boden zurücklegen, wenn sie die Zeit dafür aufbringen. Die 1260 Autobahnkilometer zwischen beiden Städten sind hervorragend ausgebaut – seit Jahresbeginn sogar für Elektrofahrzeuge. 50 Batterieaufladestationen hat der staatliche Stromkonzern State Grid an die Strecke gebaut. Besitzer eines Fahrzeugs des kalifornischen Elektroautobauers Tesla sollten jedoch trotzdem lieber das Flugzeug nehmen: der Standard der Ladestationen funktioniert nicht mit den Autos aus Amerika.

Auf den Roadtrip durchs Land könnten viele chinesische Tesla-Fahrer wohl dennoch verzichten. Dass sie allerdings auch bei der Fahrt von der heimischen Garage ins Büro fürchten müssen, mit leerer Batterie liegenzubleiben, ist da schon ärgerlicher. In Städten wie Schanghai oder Peking gibt es viel zu wenige Aufladestationen für die schicken umweltfreundlichen Flitzer. Deshalb liefert Tesla seinen Kunden die eigene Ladestation gleich mit, die dieser entweder in der Tiefgarage des Arbeitgebers oder des privaten Wohnhauses installieren kann.

Allerdings nur dann, wenn der Besitzer des Hauses der aufwändigen Installation zustimmt. Das ist in Chinas Städten oftmals nicht der Fall – und so haben viele Tesla-Kunden ihre Bestellungen wieder storniert.

Im größten Automarkt der Welt platzen für Tesla gerade Träume. Auf dem Papier hatten die Chancen so schön ausgesehen: weil die Chinesen immer reicher werden und die Luft in ihren Städten immer dreckiger, sollte die Nachfrage nach den Lifestyle-Autos aus Kalifornien durch die Decke gehen, frohlockten die Strategen aus Amerika. Noch im November tönte es aus dem Konzern, seine Filiale im südchinesischen Shenzen nahe Hongkong mache den weltgrößten Umsatz. Und in Hangzhou nahe Schanghai, dem Standort des Internetkonzerns Alibaba, fahren die im chinesischen IT-Boom wohlhabend gewordenen Programmierer tatsächlich in zahlreichen Teslas durch die Straßen.

Die Faszination der Webnerds aus Hangzhou für die amerikanische Elektrotechnik ist jedoch wohl die Ausnahme. Die Bestellungen etwa in Shenzen haben zu einem Gutteil niemals Umsatz erwirtschaftet, wie der Konzern nun einräumen muss. Das vierte Quartal des vergangenen Jahres sei „unerwartet schwach“ ausgefallen, musste Tesla-Vorstandschef Elon Musk bereits Anfang diesen Jahres einräumen. Vergangenes Wochenende kam er selbst ins Reich der Mitte, um das Geschäft zu retten. Auf einer Wirtschaftskonferenz im südchinesischen Boao musste Musk gegenüber Medien und Publikum seinen Misserfolg in China erklären – und nannte die Schuldigen für das Desaster beim Namen: die Kunden.

Kunden als Spekulanten, die den Konzern getäuscht haben

Jene Chinesen, die zwar eines seiner schönen Autos bestellt, aber nicht abgeholt und bezahlt hatten, bezeichnete der Tesla-Chef als Spekulanten, die den Konzern „getäuscht“ hätten. Im Februar sind nach Angaben des Analysehauses JL Warren Capital ganze 260 Teslas in China bei den Verkehrsbehörden registriert worden, was einem Rückgang gegenüber dem Vormonat um 45 Prozent entspricht. Laut Musk sind nicht etwa die fehlenden Ladestationen für seine Fahrzeuge dafür der Hauptgrund, sondern Weiterverkäufer, die ihre Bestellungen später wieder storniert hätten. „China ist der einzige Ort auf der Erde in dem wir exzessive Lagerbestände haben“, sagte Musk. 1600 Teslas sollen laut Branchenschätzungen in China unverkauft herumstehen. Laut Musk sind die Spekulanten schuld, deren Bestellungen eine „extrem hohe Nachfrage“ nach den Autos suggeriert hätten.

Nun ist es allerdings keineswegs illegal in China, Bestellungen auch wieder zu stornieren. Dass Teslas Misserfolg nicht mit bösen Spekulanten, sondern eher mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage zu tun haben könnte, ist natürlich insgeheim auch den Amerikanern klar. Viel zu spät hat Tesla erkannt, dass die Fahrzeuge den Bedürfnissen der chinesischen Kunden schlichtweg nicht entsprechen. Neben dem eklatanten Mangel an Ladestationen sind die Autos auch für jene Geschäftsleute wenig attraktiv, die nicht selbst am Steuer sitzen, sondern sich im Fonds durch den Stau in Chinas Innenstädten chauffieren lassen, um dabei arbeiten zu können. Das ist in den engen Teslas jedoch eine Qual im Vergleich zu den Limousinen etwa deutscher Hersteller.

Fahrtbericht Tesla Model S
Dieter, Norbert, Martin, aufgepasst!
© Hersteller, F.A.Z.

Nun bietet Tesla seinen Kunden für 2000 Dollar Aufpreis einen „Executive Sitz“ auf der Rückbank an: überzogen mit Leder, gekühlt von einem Zwei-Zonen-Klimasystem und mit der Möglichkeit, per Smartphone jeden erdenklichen technischen Schnickschnack im Fahrzeug zu steuern. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Maßnahme im schnelllebigen China noch rechtzeitig kommt, um die Kunden zurückzugewinnen. Er sei „recht optimistisch“, dass das Geschäft in China wieder anziehe, sagte Tesla-Chef Musk. Man wolle den Markt im Reich der Mitte nun „langfristig“ angehen.

Quelle: FAZ.NET
Hendrik Ankenbrand - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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