Wahl-Manipulationen

„Facebook hätte es früher wissen müssen“

Von Roland Lindner, Austin
 - 07:20

Die Digitalkonferenz „South by Southwest“ zelebriert Technologie und Innovation. Es ist zwar ein Markenzeichen der Veranstaltung, kritische Debatten zu führen und Schattenseiten der Branche zu diskutieren, aber es herrscht üblicherweise eine freundliche Grundstimmung gegenüber der Technologiebranche.

Umso mehr fällt auf, wie viele harsche Worte in diesem Jahr in Austin über Internetunternehmen und dabei vor allem über das soziale Netzwerk Facebook fallen. In mehreren Podiumsdiskussionen wurde thematisiert, wie Russland Facebook und andere Dienste wie Twitter genutzt hat, um Amerikaner vor den jüngsten Präsidentschaftswahlen mit politischen Botschaften zu manipulieren.

Mark Warner etwa, Politiker der Demokratischen Partei, der in einem Ausschuss des Senats russischen Einmischungsmanövern auf den Grund zu gehen versucht, zeigte sich verärgert über Facebook und vertrat die Auffassung, das Unternehmen habe nicht schnell genug auf die Manipulationen reagiert. „Facebook hätte viel früher Bescheid wissen müssen.“

Und er sagte, es müsse eine „vollständige Debatte“ darüber geben, ob soziale Netzwerke für die bei ihnen veröffentlichten Inhalte zur Verantwortung gezogen werden könnten und verglich: Etwa ähnlich wie Autohersteller für Defekte an ihren Fahrzeugen.

Die Debatte um politisch motivierte Inhalte ist im jüngsten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf entbrannt. Auf Facebook kursierten damals viele Falschmeldungen, etwa dass der Papst Donald Trump unterstütze. Diese fanden eine große Leserschaft.

Trumps überraschender Sieg ließ die Frage laut werden, inwieweit Facebook etwas damit zu tun hatte. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg versuchte, die Diskussion in Schach zu halten und spielte die Bedeutung seines Unternehmens herunter. Er sagte, es sei eine „verrückte Idee“, zu glauben, Falschmeldungen auf Facebook hätten das Ergebnis in irgendeiner Form beeinflusst.

Zig Millionen Nutzer

Im vergangenen Herbst sah er sich aber gezwungen, sich von dieser Aussage zu distanzieren. Denn ungefähr zur gleichen Zeit musste das Unternehmen zugeben, Hunderte von Nutzerkonten mit einer Verbindung nach Russland gefunden zu haben, von denen aus politische Anzeigen geschaltet wurden.

Jenseits bezahlter Werbung fand Facebook auch Zehntausende gewöhnliche Einträge mit politisch brisanten Inhalten. Diese Einträge sind nach Angaben des Unternehmens 126 Millionen Nutzern gezeigt worden, was mehr als der Hälfte der wahlberechtigten amerikanischen Bevölkerung entspricht. Zumindest sind das die bislang bekannten Zahlen, denn Senator Warner meldete Zweifel an, ob sie Bestand haben werden. „Ich frage mich, ob wir alles gefunden haben, was es zu finden gibt.“

Öffentlich zerknirscht

Vor dem Kongress in Washington haben mittlerweile Anhörungen von Vertretern von Facebook und anderer Unternehmen wie Twitter und Google stattgefunden. Diese mussten sich dabei scharfe Kritik anhören. Politiker fragten etwa, warum diese sonst als so innovativ geltenden Unternehmen es nicht verstanden hätten, sich gegen eine solche Instrumentalisierung ihrer Plattformen zu wappnen.

Sie zeigten sich auch verärgert, dass die Internetgiganten aus dem Silicon Valley anstelle von Vorstandschefs wie Zuckerberg nur ihre Chefanwälte nach Washington geschickt hatten. Zuckerberg gibt sich zwar heute mit Blick auf die Manipulationen öffentlich demonstrativ zerknirscht und verspricht, er wolle Missbrauch mit allen Mitteln verhindern, auch wenn das die Gewinne schmälere.

Aber es bleiben Zweifel, wie ernst es dem Unternehmen mit dem angeblichen Veränderungswillen wirklich ist. Ein für Werbung zuständiger Facebook-Manager suggerierte unlängst mit einigen Twitter-Einträgen, der Einfluss von Anzeigen aus Russland auf die Wahlen werde in den Medien überzogen dargestellt, was Trump als Steilvorlage nutzte und per „Retweet“ weiterverbreitete.

Manipulationen, Hass, Gewalt

Der Manager unterschlug dabei allerdings die Manipulationen jenseits von Werbung, die nach jetzigem Kenntnisstand ein viel größeres Publikum erreichten. „Werbung war nur ein winziger Teil der ganzen Sache,“ sagte jetzt auch Senator Warner in Austin.

Auf einer anderen Podiumsdiskussion warf Molly McKew, Expertin für Online-Propaganda, den sozialen Netzwerken vor, nicht genug zu tun. Deren bisherige Auftritte in Washington hätten echte Lösungen vermissen lassen. „Ich wünschte, die Unternehmen wären proaktiver.“

Samantha Bradshaw von der britischen Oxford-Universität sagte, die Öffentlichkeit brauche mehr Transparenz über die Algorithmen, die darüber entscheiden, was Nutzer zu sehen bekommen, und aus denen Facebook ein großes Geheimnis macht. Sie gab aber zu, dass eine Offenlegung auch eine Kehrseite haben und Missbrauch noch leichter machen könnte.

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Facebook und andere Internetunternehmen sind nicht nur wegen fragwürdiger Inhalte russischen Ursprungs in Erklärungsnot geraten. Ihnen wird auch oft vorgeworfen, zu wenig gegen Hasskommentare und Gewaltinhalte auf ihren Plattformen zu tun.

Es gibt zudem immer lautere Diskussionen über schädliche Wirkungen von sozialen Netzwerken und über die wachsende Marktmacht der Internetgiganten. Viele dieser Dinge kamen auch in Austin zur Sprache. Und es wurde deutlich, dass die Internetgiganten Sympathien verloren haben. Bei einer Diskussionsrunde über die Dominanz von Google und Facebook im Geschäft mit Online-Werbung fragte einer der Teilnehmer ins Publikum: „Wie viele von Euch sind gekommen, um zu hören, wie wir über Google und Facebook herziehen?“ Im Saal gingen reihenweise Hände nach oben.

Quelle: FAZ.NET
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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