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Amazon-Chef übernimmt „Washington Post“

Von Roland Lindner
 - 06:48

Was für ein Paukenschlag: Die „Washington Post“, eine Ikone unter den amerikanischen Zeitungen, gehört künftig Jeff Bezos. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Online-Händlers Amazon kauft dem Verlag Washington Post Company seine Flaggschiffpublikation und einige andere Zeitungen für 250 Millionen Dollar ab. Damit kapitulieren nun auch die Grahams, eine der letzten großen amerikanischen Verlegerfamilien, vor den Herausforderungen des Zeitungsmarktes. „Das Zeitungsgeschäft hat nicht aufgehört, Fragen aufzuwerfen, auf die wir keine Antworten haben“ – mit diesen resignierenden Worten fasste Donald Graham, der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, die Beweggründe für den Verkauf in einem Brief zusammen. Die Umsätze im Zeitungsgeschäft seien nun sieben Jahre in Folge geschrumpft. Ebenso wie viele andere Zeitungen leidet die „Washington Post“ unter rückläufigen Auflagen und Werbeeinnahmen.

Jeff Bezos erwirbt die „Washington Post“ für sich selbst und nicht für Amazon. Der Kaufpreis kann er spielend finanzieren: Auf der jüngsten „Forbes“-Liste wird er mit einem Vermögen von 25,2 Milliarden Dollar unter den zwanzig reichsten Menschen der Welt geführt. Aber die Übernahme der Zeitung ist ein völlig unerwartetes Manöver, zumal Bezos hier Neuland betritt. Die „Washington Post“ beschrieb in ihrem eigenen Bericht zum Verkauf Bezos am Montag als „Technologie-Innovator, der noch nie eine Zeitung betrieben hat.“ Die Transaktion hat auch eine gewisse Ironie: Eine Zeitung, die durch das Abwandern von Lesern und Anzeigenumsätzen ins Internet in Bedrängnis geraten ist, wird nun an jemanden verkauft, der selbst als Internetunternehmer alte Geschäftsmodelle ins Wanken gebracht hat.

„Wir müssen experimentieren“

Indessen ist Bezos berühmt für seine Nebenprojekte jenseits seines angestammten Amazon-Reviers, so wie zum Beispiel das von ihm im Jahr 2000 gegründete Raumfahrtunternehmen Blue Origin. Bezos hatte zudem auch bislang schon kleinere Engagements mit journalistischem Bezug. So investierte er unlängst in die Online-Wirtschaftspublikation „Business Insider“. Und natürlich ist Amazon selbst nahe am Mediengeschäft, nicht zuletzt mit dem Vertrieb digitaler Inhalte für seine Kindle-Lesegeräte und -Tabletcomputer.

Die Vereinbarung war offenbar keineswegs eine Kurzschlusshandlung, sondern Ergebnis eines sorgfältigen Verkaufsprozesses. In dem Bericht der „Washington Post“ hieß es, es habe sechs potentielle Interessenten gegeben. Vorstandsvorsitzender Graham habe die Investmentbank Allen & Co. mit dem Verkauf beauftragt.

Bezos schrieb am Montag in einem Brief an die Belegschaft sicher nicht ohne Übertreibung, dass viele Mitarbeiter ihn wohl „mit einem gewissen Maß an Besorgnis“ begrüßen würden. Er sagte, er habe nicht die Absicht, das Tagesgeschäft der Zeitung zu führen („Ich habe einen Hauptberuf, den ich liebe“). Er ließ offen, was ihn zur Übernahme der Zeitung bewogen hat und was er genau damit vorhat. Er sprach vage davon, dass sich die Dinge in den nächsten Jahren für die Zeitung verändern werden („das wäre mit oder ohne Inhaberwechsel passiert“). Aber es gebe keinen vorgefertigten Plan, und der Weg werde nicht leicht. „Wir werden erfinderisch sein müssen, und das heißt, wir müssen experimentieren.“

Untergang der Verlegerdynastien

Der Amazon-Chef beschwor aber auch die „entscheidende Rolle“, die Journalismus in einer freien Gesellschaft spiele. Er hoffe, dass er an zwei journalistische Traditionen der Graham-Familie anknüpfen könne: Den Mut, Geschichten auf den Grund zu gehen, egal was die Kosten und Konsequenzen sind, und den Mut, mit Geschichten abzuwarten, Tempo herauszunehmen und sich mit zusätzlichen Quellen abzusichern.

Katharine Weymouth soll ihren Posten als Herausgeberin und Geschäftsführerin der Zeitung behalten. Weymouth ist die Nichte des Vorstandsvorsitzenden Don Graham, sie stammt aus der vierten Generation der Ära Graham bei dem Zeitungshaus, die 1933 begann. In einem Brief an die Leser der Zeitung schrieb Weymouth am Montag: „Das ist ein Tag, von dem meine Familie und ich nie erwartet haben, dass er kommt.“ Die 1877 gegründete Zeitung, die mit Enthüllungsgeschichten etwa über die Watergate-Affäre zu Ruhm kam, hatte zuletzt eine tägliche Auflage von knapp 475.000 Exemplaren. Damit war sie die Nummer sieben auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt.

Die Graham-Familie folgt nun einer Reihe anderer untergegangener Verlegerdynastien. So verabschiedeten sich 2007 die Bancrofts, als sie den Verlag Dow Jones („Wall Street Journal“) an Rupert Murdochs News Corp. verkauften. Auch die Chandler-Familie, langjährige Eigentümerin der „Los Angeles Times“, hat sich längst zurückgezogen. Als die große Ausnahme verbleibt nun die Familie Ochs-Sulzberger, die noch immer eine Stimmrechtsmehrheit an der New York Times Company hält. Die Schwierigkeiten in der Branche haben freilich auch die Sulzbergers zu drastischen Schritten bewogen. Erst am vergangenen Wochenende kündigte der Verlag den Verkauf des „Boston Globe“ und einiger anderer Publikationen an den amerikanischen Unternehmer John Henry an. Der Inhaber von Sportteams wie dem FC Liverpool zahlt 70 Millionen Dollar, der „New York Times“-Verlag hatte sich den „Boston Globe“ vor zwanzig Jahren noch 1,1 Milliarden Dollar kosten lassen.

Neue Geschäftsfelder

Allgemein scheinen es in jüngster Zeit vor allem reiche Einzelpersonen zu sein, die noch Interesse an Zeitungen haben. So kaufte im vergangenen Jahr der legendäre Investor Warren Buffett mit seiner Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway gleich mehrere Dutzend amerikanischer Lokalzeitungen. „In Städten, wo ein starkes Gemeinschaftsgefühl herrscht, gibt es keine wichtigere Institution als die Lokalzeitung“, sagte Buffett damals. Auf der anderen Seite wird sich nun auch das Engagement von Buffett im Zeitungsgeschäft reduzieren, denn Berkshire ist Großaktionär bei der Washington Post Company.

Der Verkauf der „Washington Post“ ist für den Verlagskonzern zwar symbolträchtig, weil er damit seine Wurzeln kappt. Aber er ist auch die konsequente Fortsetzung eines schon länger dauernden Konzernumbaus, bei dem das Zeitungsgeschäft immer mehr an Bedeutung verloren hat. Im vergangenen Jahr stand die Zeitungssparte nur noch für 14 Prozent des Konzernumsatzes, und sie wies einen operativen Verlust von 54 Millionen Dollar aus. Die mit Abstand stärkste Säule ist das Geschäft mit Programmen für Aus- und Weiterbildung. Daneben hat Unternehmen auch eine Reihe von Fernsehstationen. Die einst zum Konzern gehörende Zeitschrift „Newsweek“ ist schon vor einigen Jahren verkauft worden.

In jüngster Zeit hat sich das Unternehmen in völlig andere Reviere vorgewagt. Vor knapp einem Jahr vereinbarte der Konzern die Akquisition eines Anbieters von Gesundheitsdienstleistungen. Erst vor wenigen Wochen wurde der Kauf eines Herstellers von Industrieprodukten angekündigt, die in Stromkraftwerken zum Einsatz kommen. Vorstandschef Don Graham begründete beide Zukäufe mit der Strategie der Washington Post Company, in Unternehmen zu investieren, die „Gewinnpotential demonstriert haben.“

Da sich der Konzern so weit von seinem einstigen Kerngeschäft wegbewegt hat und sich nun auch vom namensgebenden Teil trennt, soll nun im Zuge der Transaktion mit Bezos eine neue Firmierung gefunden werden. Der künftige Name der Washington Post Company steht noch nicht fest.

Quelle: FAZ.net
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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