Guide Michelin

Schanghai hat jetzt zwei Drei-Sterne-Restaurants

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
 - 07:21

Insgesamt 28 Schanghaier Restaurants hat der berühmte Gastronomie-Führer aus Frankreich am Mittwoch mindestens einen Stern verliehen. 20 Restaurants in der chinesischen Wirtschaftsmetropole am Huangpu-Fluss kommen auf einen „étoile“, sechs Restaurants haben zwei Sterne erhalten.

Das erste der laut Michelin beiden besten Restaurants Schanghais ist der von kantonesischer Küche geprägte Tʼang Court im Designer-Hotel Langham im ultraschicken (und ultrateuren) Szene-Viertel Xintiandi. Das Restaurant mit gerade mal sechs Tischen im Hauptsaal, auf denen vor der verglaster Front Dim-Sum-Spezialitäten (Spanferkel, Mandel-Tofu-Pudding) für umgerechnet 76 Euro aufgefahren werden, war im vergangenen Jahr noch das einzige Drei-Sterne-Haus auf der Liste.

Dieses Jahr ist nun ebenfalls der Erlebnis-Gastro-Tempel Ultraviolet des Kochs Paul Pairet mit drei Sternen ausgezeichnet worden. Der umtriebige Franzose hat bereits im Jahr 2005 sein erstes Restaurant in Schanghai eröffnet und betreibt mittlerweile drei der beliebtesten Lokale der Stadt, von denen der „Chop Chop Club“ und das „Mr & Mrs Bund“ an der gleichnamigen Uferpromenade Bund angesiedelt sind.

Das Trinkgeld kann man sich sparen

Das Ultraviolet hingegen ist entfernt in einem alten Schanghaier Viertel beheimatet; die maximal zehn Gäste pro Abend werden am Bund mit dem Auto abgeholt und wie in einem Spionagethriller zu dem vermeintlich geheimen Ort kutschiert. Dort werden nach und nach 20 Gänge serviert, zu denen von den umgebenden Videoleinwänden, Lautsprechern und sogar Windmaschinen Wälder und Wellen rauschen, was die Geschmacksnerven anregen soll. Das Ganze kostet am Wochenende 770 Euro pro Person (6000 Yuan, Getränke inklusive; Preis dienstags und mittwochs: 4000 Yuan oder 514 Euro).

Betreiber Pairet zeigte sich am Mittwoch überrascht von der Auszeichnung. Dass die französische Jury seinen Restaurant-Zirkus mit der Höchstwertung gewürdigt hatte, sei „völlig unerwartet“ gekommen. „Ich war mir nicht sicher, ob Michelin mit unserem sehr speziellen Format einverstanden ist.“

Verglichen mit dem New Yorker Drei-Sterne-Restaurant Jean Georges im Trump-Hotel in Manhattan, in dem der Sieger der amerikanischen Präsidentschaftswahl seinen früheren Widersacher Mitt Romney zu einem demütigenden halb-öffentlichen Vorstellungsgespräch für den Posten des amerikanischen Außenministers empfing, ist das Schanghaier Ultraviolet nicht nur gewöhnungsbedürftig hinsichtlich der Dinner-Atmosphäre, sondern auch teuer. Allerdings fallen in China zumindest die 15 bis 25 Prozent Trinkgeld weg, ohne deren Entrichtung der Gast in den Vereinigten Staaten bis auf die Straße hinaus verfolgt wird: „Was anything not alright, Sir?“.

In Peking fehlen die Sternerestaurants noch

Auch im Sterneranking liegt Schanghai noch etwas hinter New York zurück. 77 Restaurants waren im „Big Apple“ vergangenes Jahr vom Guide Michelin mit Sternen bedacht worden. New York kam auf sechs Drei-Sterne-Restaurants, zehn Restaurants mit zwei Sternen und 60 Lokalen mit jeweils einem Michelin-Stern. In Paris gibt es sogar zehn Drei-Sterne-Restaurants.

Auf dem chinesischen Festland ist Schanghai bisher die einzige Stadt mit einem eigenen Michelin-Führer (Hongkong hat einen solchen schon lange und weist sechs Drei-Sterne-Restaurants auf). In Peking ist traditionell zwar viel Smog zu finden, aber weit weniger Glamour als in der von ihrer westlichen Kolonial-Vergangenheit geprägten Wirtschaftsmetropole weiter südlich. Zwar kochen auch in Chinas Hauptstadt frühere Sterne-Köche, echte Sterne-Restaurants jedoch fehlen.

Allerdings ist auch der Schanghai-Michelin-Guide erst im vergangenen Herbst zum ersten Mal erschienen. Damals waren nur 26 Schanghaier Restaurants mit einem Stern ausgezeichnet worden, zwei weniger als in diesem Jahr. Rein rechnerisch stellt dies eine Steigerung von 7,7 Prozent dar - und entspricht damit in etwa dem Wachstum der chinesischen Wirtschaft insgesamt.

Quelle: FAZ.net
Hendrik Ankenbrand - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
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