In Erklärungsnot

Schluss mit leeren Flugzeugen

Von Roland Lindner, New York
 - 06:40

Leere Flugzeuge sind in den vergangenen Wochen zum Symbol dafür geworden, was beim amerikanischen Mischkonzern General Electric falsch lief. Ein Bericht im „Wall Street Journal“ über Geschäftsreisen des früheren Vorstandsvorsitzenden Jeffrey Immelt hatte für einen Aufruhr gesorgt. Demzufolge setzte GE nicht nur Firmenjets ein, um Immelt zu befördern, so wie es auch viele andere Unternehmen mit ihren Top-Managern tun.

Bei einigen seiner Trips sei ihm zusätzlich ein Flugzeug ohne Passagiere hinterhergeflogen, nur für den Fall, dass seine Maschine eine technische Panne hat. Es war eine peinliche Enthüllung, die ein unschmeichelhaftes Licht auf Immelt warf, zumal GE derzeit ohnehin mit Schwierigkeiten in seinem Geschäft kämpft. Immelt selbst gab sich unschuldig und sagte der Zeitung, er habe nichts von diesem Zweitflugzeug gewusst und hätte dessen Einsatz nicht erlaubt.

Mit Reisepraktiken ist nun Schluss

Aber in dem Bericht hieß es, die Ersatzjets seien auf Wunsch des Managers geflogen. Noch im März dieses Jahres habe es einen solchen Doppelflug gegeben. Zwei GE-Flugzeuge seien im Abstand von 19 Minuten vom Flughafen in Boston abgehoben und nach Alaska geflogen. Dort sei eines der Flugzeuge fünf Tage lang geblieben, während das andere nach Asien weitergeflogen sei, mutmaßlich mit Immelt, der in dieser Zeit Fotos aus China twitterte. Von Asien sei das eine Flugzeug dann wieder zurück nach Alaska gekommen, von wo aus dann beide Jets wieder nach Boston geflogen seien. In dem Bericht ist noch von einer anderen, neuntägigen Reise rund um die Welt die Rede, in der zwei GE-Flugzeuge einander hinterhergeflogen seien. Unter Berufung auf Branchenexperten wurden die Kosten für das zweite Flugzeug auf diesem Trip auf 250.000 Dollar geschätzt.

Mit diesen Reisepraktiken ist nun Schluss. Immelt hat sein Amt als Vorstandsvorsitzender Anfang August nach 16 Jahren abgegeben. Neuer GE-Chef ist jetzt John Flannery, der vormalige Chef der Medizintechniksparte, und der hat von Anfang an klargemacht, dass er dem Konzern eine neue Kostendisziplin verordnen will. Die Firmenjets gehörten zu den ersten Dingen, die er sich vorknöpfte. Nicht nur wird es nun keine leeren Zweitmaschinen mehr geben, GE will sich sogar von seinen Firmenjets trennen. Daneben sind eine Reihe anderer Einschnitte bekanntgeworden. Beispielsweise sollen Dienstwagen für Führungskräfte abgeschafft werden, und GE will sich mit dem noch von Immelt angestoßenen Umzug seiner Zentrale nach Boston mehr Zeit lassen als ursprünglich geplant. Der Konzern will außerdem drei seiner fünf Forschungszentren aufgeben, davon ist auch der deutsche Standort in Garching bei München betroffen. Am Wochenende berichteten Medien von Personalreduzierungen in anderen Geschäftsbereichen, beispielsweise in der von Immelt forcierten Softwaresparte GE Digital.

Neuer Konzernchef will hart durchgreifen

Am Montag wird der 55 Jahre Flannery seinen bislang wohl wichtigsten Auftritt als GE-Chef haben. Auf einer Investorenkonferenz will er über seine künftige Strategie sprechen. Beobachter stellen sich auf weitere schlechte Nachrichten ein. So wird spekuliert, dass das Unternehmen seine Gewinnziele für das nächste Jahr reduzieren und die Dividende kürzen könnte. Letzteres wäre ein schwerer Schlag, denn GE gehört traditionell zu den größten Dividendenzahlern Amerikas. An den Finanzmärkten ist der Konzern ohnehin schon in Ungnade gefallen. Seit Jahresanfang hat die Aktie 37 Prozent an Wert verloren, kein anderes Unternehmen aus dem Dow-Jones-Index hat auch nur annähernd so schlecht abgeschnitten. Der Kurs ist auch nach Flannerys Antritt weiter gefallen.

Der neue GE-Chef hat schon klargemacht, dass er bereit ist, hart durchzugreifen. Bei der Vorlage enttäuschender Quartalszahlen im Oktober gab er eine sehr ernüchternde Bestandsaufnahme ab: „Unsere Ergebnisse sind gelinde gesagt nicht akzeptabel“, sagte er. GE brauche „größere Veränderungen“ und dabei werde es „keine heiligen Kühe“ geben. „Die Dinge werden nicht so bleiben wie sie sind“, sagte er weiter. Flannery kündigte damals auch an, dass sich GE in den nächsten ein bis zwei Jahren von Geschäften mit einem Umsatz von 20 Milliarden Dollar trennen will. GE musste im abgelaufenen Quartal einen deutlichen Gewinnrückgang hinnehmen. Zu den Sorgekindern gehören die Geschäfte mit Produkten für die Stromerzeugung wie Gasturbinen sowie in der Ausrüstung für die Öl- und Erdgasindustrie. Das Umfeld auf diesen Gebieten ist schwierig, was im Moment auch der deutsche Erzrivale Siemens zu spüren bekommt. Aber Flannery will für die Nöte von GE nicht äußere Umstände verantwortlich machen. Wie er im Oktober selbst sagte, betrachtet er sein Unternehmen in erster Linie als „Selbsthilfegeschichte“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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