Arbeitsmarkt-Kommentar

Wie sich die Zeiten geändert haben

Von Britta Beeger
 - 13:09

Ein Glaser aus der Nähe von Cuxhaven lieferte vor einiger Zeit den untrüglichen Beweis dafür, wie groß die Nachwuchssorgen des Handwerks sind. Unter dem Titel „Ich muss verrückt sein“ veröffentlichte Sven Sterz auf seiner Facebook-Seite ein Video, in dem er aufzählte, was er künftigen Auszubildenden alles bieten würde: Einen Verdienst, der 100 Euro über dem Tariflohn liegt, einen finanziellen Zuschuss zum Führerschein, einen Bonus für gute Noten in der Zwischen- und Gesellenprüfung. Die Schulbildung oder die Herkunft der Bewerber seien ihm egal, betont Sterz. Nur eines sei ihm wichtig: Aufgeben gilt nicht.

Wie sich die Zeiten geändert haben. Noch im Jahr 2006 war der Lehrstellenmangel in Deutschland so groß, dass die Politik an die Wirtschaft appellierte, mehr Ausbildungsplätze anzubieten. Die SPD wollte Unternehmen, die nicht ausbilden, mit einer Abgabe strafen. Heute hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt – viele Betriebe haben große Schwierigkeiten, überhaupt noch Auszubildende zu finden. Kleine trifft es mehr als große, aber auch Konzerne wie die Deutsche Bahn werben landauf, landab mit Plakaten für sich. Jedes zehnte Unternehmen aus Industrie und Handel bekam im vergangenen Jahr auf ausgeschriebene Lehrstellen keine einzige Bewerbung mehr.

Koalition plant Mindestausbildungsvergütung

Wie ernst die Lage ist, zeigt ein Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Erstmals seit der Wiedervereinigung war in einem Juli – also kurz vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres – die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen höher als die Zahl der Bewerber. Mehr als 200000 Plätze sind noch unbesetzt. Natürlich kann sich über den Sommer noch viel tun, doch die Behörde vermutet, dass der Trend sich bestätigt, wenn Ende September Bilanz gezogen wird. Während die Auswahl für Jugendliche damit größer wird (je nach Beruf und Region gibt es jedoch gewaltige Unterschiede), könnte die Entwicklung für die deutsche Wirtschaft zu einem faustdicken Problem werden. Denn für sie geht es um die Fachkräfte von morgen.

Die Unternehmen bleiben nicht untätig. Das Handwerk etwa wirbt seit Jahren mit Imagekampagnen um die Gunst der Jugendlichen. Mancher Arbeitgeber lässt keine Berufsmesse aus, andere investieren viel Zeit und Geld in die Nachqualifizierung von Kandidaten mit schlechten Schulnoten, denen sie vor Jahren keine Chance gegeben hätten. Dem einzelnen Unternehmen mag das helfen, die Lücke schließen konnte all die Mühe bislang aber nicht.

Union und SPD haben daher in ihrem Koalitionsvertrag verabredet, eine Mindestausbildungsvergütung einzuführen. Wie hoch sie ausfallen soll, ist noch offen, die Gewerkschaften schlagen eine Untergrenze von 80 Prozent des Durchschnitts der tariflichen Ausbildungsvergütungen vor. Stand jetzt wären das 635 Euro im ersten Lehrjahr. Eine solche Mindestvergütung widerspricht jedoch der Idee, dass ein Ausbildungsverhältnis kein Arbeitsverhältnis ist, sondern eine Zeit des Lernens. Der Verdienst ist als Zuschuss zum Lebensunterhalt gedacht. Davon abgesehen dürfte ein Mindestgehalt die Probleme kaum lösen und sogar Fehlanreize setzen.

Engagement ist gefragt

Das liegt zum einen daran, dass der Bewerbermangel in vielen Berufen gar nicht alleine mit Geld zu tun hat. Natürlich würde sich jeder angehende Fleischer, Bäcker oder Gastronom am Ende des Monats über eine höhere Summe auf dem Konto freuen, doch gelten gerade in diesen Berufen auch die Arbeitsbedingungen als hart: frühes Aufstehen, viele Überstunden, womöglich ein raubeiniger Chef – wer will das schon? Darüber hinaus spielt bei der Berufswahl nicht nur die Ausbildungsvergütung eine Rolle, sondern auch der spätere Verdienst. 200 Euro mehr im Monat während der Lehre werden daher kaum eine große Zahl junger Leute davon abhalten, an die Universitäten zu strömen, um stattdessen Koch oder Floristin zu werden.

Denkbar ist eher, dass es zu Verschiebungen zwischen den Ausbildungsberufen kommt. Doch sollte die Politik wirklich mehr Absolventen in Berufe mit niedrigen Gehaltsaussichten locken? Das könnte die Versuche der Wirtschaft, junge Mädchen endlich für technische Berufe zu begeistern, konterkarieren. Ohnehin ist fraglich, ob die Unternehmen nicht einfach weniger Ausbildungsplätze anbieten, schließlich ist das für sie immer auch eine Abwägung zwischen Kosten und Nutzen.

All das bedeutet nicht, dass Lehrlinge in Mangelberufen nicht mehr verdienen sollten. Tatsächlich steigen nach Jahren der Zurückhaltung die Vergütungen für Auszubildende nun deutlich stärker als die Löhne – vor allem in Branchen mit großem Bedarf wie dem Baugewerbe. Die Entscheidung darüber treffen aber die Tarifpartner, das sollte auch so bleiben. Darüber hinaus braucht es eine gute Berufsberatung an den Schulen, um Studienabbrüche zu verhindern; Betriebe sollten zudem die Mobilität junger Menschen finanziell fördern und ihnen Perspektiven aufzeigen. Auch mit einer Lehre in der Tasche kann man heute gut verdienen, zumal, wenn man noch einen Meister dranhängt. Schließlich, und das mag simpel klingen, ist schlicht Engagement gefragt. Auch in dieser Hinsicht ist Glaser Sterz ein Vorbild. „Ich bin immer für dich da“, lautete die Botschaft in seinem Video. Das kam an. Statt der erhofften zwei konnte er nun sogar drei Auszubildende einstellen.

Quelle: F.A.Z.
Britta Beeger
Redakteurin in der Wirtschaft.
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