Armut in Deutschland

Vanessas grenzenlose Welt

Von Nadine Bös
 - 14:00
© Stefan Finger, F.A.Z.

Vanessa spielt Schule. Sie steht vor einer Plastiktafel in ihrem Zimmer und schreibt in wackeliger Schrift Stichwörter zum Thema „Köln“ an: „Stadt, Dom, Rhain, Sailban“. Auf Vanessas Bett sitzt ihre Mutter und spielt die Schülerin. Artig zeigt sie mit dem Finger auf und nennt einen neuen Begriff: „Fernsehturm“. „Fernse-Tom“ notiert Vanessa an der Tafel.

Vanessa ist sieben Jahre alt. Sie wohnt in Köln im Stadtteil Buchheim. Kinderarmut in Deutschland – hier kann man sie finden. In den Straßen jenseits des Bahndamms, wo die Fenster alt und die Nächte laut sind. Wo Spielhöllen und Wettbüros die häufigsten Läden sind. Wo die Kinderzimmer aussehen wie das von Vanessa: Das Bett ein ausrangiertes Sofa aus Großmutters Zeiten, auf den Spiegeln der Schrankwand Kritzeleien und Aufkleberreste. Nur zwei Gesellschaftsspiele stehen im Regal, neben der Tür der Röhrenfernseher.

Fast ein Viertel der Einwohner hier im Stadtviertel sind auf Hartz IV angewiesen, der Anteil der Hartz-IV-Bezieher bei den unter 15-Jährigen liegt sogar bei etwas mehr als 36 Prozent. Vanessa gehört dazu. Ihre Mutter ist arbeitslos, solange Vanessa lebt. Sie hatte ihre Stelle als Putzfrau in einem Krankenhaus schon verloren, bevor ihre Tochter auf die Welt kam. Ihr Vater hat noch nie gearbeitet. Und Vanessas großer Bruder, der mittlerweile neunzehn ist, hat die Schule nach der achten Klasse abgebrochen.

„Wenn ich erwachsen bin, will ich auch Lehrerin werden“

In Vanessas Kopf gibt es trotzdem eine gewisse Vorstellung von der Arbeitswelt. Zwei Berufe fallen ihr ein, die Erwachsene so machen könnten: Lehrerin ist einer davon, so wie ihre Klassenlehrerin in der Grundschule um die Ecke. Vanessas großes Vorbild. „Wenn ich erwachsen bin, will ich auch Lehrerin werden“, sagt sie.

Die Schule hat Vanessa Dinge gezeigt, die sie vorher nicht kannte. Sich zu Musik bewegen, mittwochs in der Tanz-AG. Klettern gehen in der Boulderhalle im Nachbarstadtteil (die Schulturnhalle dient gerade als Flüchtlingsunterkunft). Schreibschrift lernen, was Vanessa gerne möchte, aber die Lehrerin ihr nicht erlauben will, weil die Motorik bei den Druckbuchstaben noch so schlecht ist. „Und Mathe! Mathe ist mein Lieblingsfach!“

Sosehr Vanessa die Schule liebt: Ihre Lehrerin schüttelt nur den Kopf, wenn sie von Vanessas beruflichen Plänen hört. „Im Prinzip ist sie richtig pfiffig“, sagt sie. „Kognitiv ist sie mindestens so weit wie ihre gleichaltrigen Mitschüler. Ihr fehlt es an anderen Dingen. Ihr fehlen ein paar ganz entscheidende Grundlagen.“ So entscheidend findet die Lehrerin diese Grundlagen, dass sie sich freuen würde, wenn Vanessa es nach der Grundschule schafft, an einer „Regelschule“ zu bleiben und nicht auf eine Sonderschule geschickt zu werden. „In ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung ist sie ganz weit zurück“, sagt sie in Pädagogendeutsch.

Gut versorgt, sozial isoliert

Vanessa, die in Wirklichkeit anders heißt, hat nie einen Kindergarten besucht. Als sie vier Jahre alt war, hat sie es mal zwei Tage lang versucht. Doch als sie weinte und schrie und nicht bleiben wollte, gab die Mutter schnell nach. So dringend nötig, fand die Mutter, war der Kindergarten dann auch wieder nicht, schließlich war sie ohnehin zu Hause und konnte auf das Kind aufpassen. Überhaupt gab die Mutter immer schnell nach, wenn Vanessa etwas wollte. Auch später noch, in der ersten Klasse, wenn Vanessa oft über angebliche Bauchschmerzen klagte, weil es ihr schwerfiel, nun jeden Vormittag mit Lehrern und Mitschülern statt mit der Mama zu verbringen. Die Mutter ließ sie dann zu Hause bleiben. Und Vanessa versäumte eine Menge Unterricht.

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„Armut? Das ist gar nicht das Hauptthema bei Vanessa“, findet ihre Lehrerin. Viele Kinder hier im Stadtteil leben von Hartz IV. Viele haben morgens kein Frühstücksbrot dabei, weshalb die Schule schon lange ein von Ehrenamtlichen organisiertes Schulfrühstück anbietet. Vanessa dagegen hat morgens immer ein Schulbrot in der Tasche. „Sie ist gut versorgt“, sagt die Lehrerin. Für sie ist das „Hauptthema“, dass Vanessa, bis sie in die Schule kam, nur mit Erwachsenen zu tun hatte. Dass sie nicht weiß, wie sie mit anderen Kindern umgeht. Dass sie ihnen den Stinkefinger zeigt oder mit Kraftausdrücken um sich wirft, wenn sie sagen will: „Ich möchte mit dir spielen.“

Jetzt hilft ihr auch ein Sozialarbeiter. Iwan Peters arbeitet in einer Jugendhilfeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt. Im Auftrag des Jugendamtes kümmert sich Peters seit zwei Jahren um Vanessa und ihre Familie. Er sieht es anders: Die Armut habe durchaus zu Vanessas schwieriger sozialer Entwicklung geführt. Es sei schließlich kein Zufall, dass in Vanessas Straße jede zweite Familie in irgendeiner Form das Jugendamt im Haus habe. „Mit Transferleistungen aufzuwachsen heißt: Man hat Einschränkungen, die auch mit Kleinigkeiten zu tun haben“, findet er. „Das fängt an bei der neuen Hose oder bei den neuen Schuhen, die gerade nicht gekauft werden können. Dann muss man halt noch ein paar Wochen länger auf kaputten Schuhen rennen. Das geht weiter, wenn man am Wochenende nicht mal eben ein Eis essen gehen kann. Oder wenn man nicht das Lieblingsbuch kaufen kann, das alle anderen gerade lesen und das man auch so gerne haben will.“

„Ich komme schon irgendwie klar mit dem Geld“

Vanessas Mutter klagt nicht. „Ich komme schon irgendwie klar mit dem Geld“, sagt sie. Wenn die Miete und die Nebenkosten bezahlt sind, hat die Familie im Monat rund 545 Euro zur Verfügung. Wenn es am Monatsende mal knapp wird, stellt sich Vanessas Mutter bei der örtlichen Tafel an, um Lebensmittel zu bekommen. „Sicher muss ich immer rechnen“, sagt sie. „Aber so weit, dass ich meinem Kind kein Schulbrot mache, so weit soll’s doch nicht kommen.“ Sozialarbeiter Peters sieht das genauso. Vanessas Mutter wisse, wie man wirtschaftet, sie könne gut kochen, in zehn von zwölf Monaten reiche das Geld.

Vanessa wurde einfach überbehütet. Und das mag damit zusammenhängen, dass ihre Mutter so sehr auf das Geld schauen muss. Normen und Regeln, die ein Kind in Vanessas Alter eigentlich kennen sollte, blieben auf der Strecke. Aus Peters’ Sicht wollte die Mutter kompensieren, was sie der Tochter wegen finanzieller Einschränkungen nicht bieten konnte: Zoobesuche, Erlebnisbad, Gitarrenunterricht. Sie wollte „einfach das Beste tun“ für ihr Kind, so sagt sie selbst. Peters formuliert es anders. „Sie wollte das Kind total lieb haben. Extrem lieb haben. Und hat dabei nicht gemerkt, dass sie ihr nicht beigebracht hat, sich an Regeln zu halten.“

Wer Vanessa fragt, wer ihre Familie ist, dem sagt sie „meine Mama – meine Mama ist cool“. Von ihrem Bruder erzählt sie nichts. Und der Papa? „Hängt immer nur vor der Glotze rum.“ Das ist Vanessas Wahrheit. Ein anderer Teil der Wahrheit ist, dass der Vater krank ist, dass er schweres Asthma hat. Vanessa kennt ihren Papa noch gar nicht lange. Als sie zwei war, kam er ins Gefängnis, als sie fünf war, kam er wieder raus. Betrunkenes Fahren ohne Führerschein, ein Unfall mit Verletzten, auch vorher seien schon ein paar andere Dinge gewesen. Mehr erzählt Vanessas Mutter darüber nicht. Als sie noch kleiner war, dachte Vanessa, der Papa sei im Krankenhaus. Jetzt ist sie schon groß genug und weiß, wo er wirklich war. Auch, dass er nicht lesen und schreiben kann, weiß Vanessa. „Und der weiß nicht mal, was 300 plus 300 ist. 300 plus 300 sind... 1-2-3-4-5-6“ – Vanessa zählt es an ihren Fingern ab. „300 plus 300 sind 600. Und der sagt dazu 500!“

„Wie weit geht der Rhein eigentlich noch?“

Vanessa kennt Kinder, deren Vätern mehr einfällt. Die morgens ins Büro gehen. Davon, dass es auch diese Lebensentwürfe gibt, hat sie eine gewisse Vorstellung. Ins Büro gehen, das ist – neben Lehrerin sein – die zweite Idee, die Vanessa von der Arbeitswelt im Kopf hat. Und Büro-Spielen ist neben Schule-Spielen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen am Nachmittag. „Mein Zimmer ist mein Büro“, sagt sie, und ein bisschen sieht man das auch: Gleich neben dem Schreibtisch verbirgt eine Spanplatte Vanessas „Geheimversteck“ – eine kleine Regalecke mit Heftklammern, altem Schmierpapier, Kugelschreibern, Radiergummis. Darüber auf dem Fenstersims steht ein Drucker. „Da ist die Tinte aber leer“, sagt Vanessa. Aber was gäbe es auch auszudrucken in diesem Haushalt ohne Computer und ohne Internet?

Und nach Feierabend? In den Ferien? Vanessa hat noch nie in ihrem Leben Urlaub gemacht. Aber auch von dem, was ein Urlaub ist, hat sie trotzdem eine Idee im Kopf. Urlaub, das ist Wegfliegen in die Türkei, so wie ihre Freundin aus der Nachbarschaft, die dort jeden Sommer ihre Großeltern besucht. Und was würde Vanessa machen, wenn sie auch mal in die Türkei fliegen dürfte? „Spielen halt“, sagt sie; für Details fehlt ihr die Vorstellungskraft. Woher sollte die auch kommen? Andere haben etwas erlebt, Vanessa nicht. Selbst die Klassenfahrt der Schule hat sie nicht mitgemacht. Am Geld lag das ausnahmsweise nicht. Vanessa traute sich nicht, die Mutter traute es ihr nicht zu: „Sie war zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht so weit.“

Weiter weg als bis zum Garten ihrer Oma im Nachbarstadtteil ist Vanessa noch nicht gewesen. Ihr Lieblingsausflug am Wochenende geht zu einem Spielplatz am Rhein. Der ist ganz anders als der Spielplatz neben ihrer Schule, wo Vanessa fast jeden Nachmittag ist und wo keiner mehr guckt, wenn sie kopfüber an der Schaukel hängt und ihren Körper in den Kettenseilen eindreht. Auf dem Spielplatz am Rhein, eine U-Bahn-Station entfernt, trifft sich die Mittelschicht. Eltern löffeln mit ihren Kindern gefrorenen Joghurt mit Himbeerpüree, unterhalten sich über Kita-Qualität und faire Kleidung und kaufen zwischendurch ein selbstgematschtes Sandeis von ihren Kindern. Vanessas Mutter steht allein, etwas abseits, raucht und telefoniert. Vanessa ist die Älteste in der Netzschaukel und freut sich, wenn die kleineren Kinder ihre wilden Kunststücke bewundern. Als sie genug hat, läuft sie zum Rheinufer, lässt sich den Wind durch die Haare wehen, schaut Richtung Dom und fragt ihre Mutter: „Wie weit geht der Rhein eigentlich noch? Können wir mal bis zum Ende laufen?“ Und weil Vanessa gerne schnell die Dinge beschließt, will sie einfach losrennen. Ihre Mutter hat Mühe, sie einzufangen.

Rausgeschmissen werden - und wieder reinkommen

Spürt eine Siebenjährige schon so etwas wie Perspektivlosigkeit? „Ja und nein“, sagt Iwan Peters. „Das Kind sieht natürlich schon: Papa sitzt zu Hause und tut nichts. Mama sitzt auch zu Hause. Und es ist immer wenig Geld da.“ Aber da sei eben noch viel mehr. „Der Blick von außen auf das Kind. Dass sie in dieser Straße wohnt. Dass sie bestimmte Kleidung trägt. Dass sie hin und wieder zusammen mit der Mutter bei der Tafel Schlange steht.“ Die Mittelschicht von der anderen Seite des Bahndamms schaue sehr hart und sehr negativ auf die Straße, in der Vanessa wohnt. „Alles Assis dort, heißt es dann.“ Und in der Schule werde sie automatisch als schwach eingestuft. Wegen ihres Sozialverhaltens, sagt Peters. „Da ist man schnell dabei mit allen möglichen Fördermaßnahmen. Mit Ergotherapie und Logopädie und so weiter. Und Förderung, das heißt halt auch oft, dass man die Kinder schnell aussortiert.“ Es sei denn, sie seien „echte Granaten“ und haben nur Einsen auf dem Zeugnis. „Oder vielleicht haben manche das Glück, einen der wenigen Gesamtschulplätze zu bekommen, was ihnen noch gewisse Aufstiegschancen ermöglicht. Aber das ist eben selten.“ Das alles spüre ein Kind in Vanessas Alter noch wenig. „Aber die Eltern spüren es.“ Vanessas Mutter sagt es so: „Ich kann mir ein Bein ausreißen, und sie landet trotzdem maximal auf der Hauptschule.“

Was wäre, wenn Vanessa sich etwas wünschen dürfte? Eine Unternehmung? „Ins Okidoki-Land fahren“, sagt Vanessa. Das ist ein Indoor-Spielplatz, Kinder aus ihrer Klasse haben dort schon mal Geburtstag gefeiert. Vanessa war nicht eingeladen. Sie war noch nie auf einen Kindergeburtstag in ihrer Klasse eingeladen. Der Eintritt für das Okidoki-Land kostet 12 Euro für Vanessa und ihre Mutter zusammen. „Das kann ich nicht stemmen“, sagt die Mutter und zuckt mit den Schultern. „Nicht, wenn Vanessa im Alltag mal ab und zu ein Eis haben will und ihre fünf Euro Taschengeld.“

Vanessa ist solche Antworten gewohnt und schlägt vor, stattdessen Mensch ärgere Dich nicht zu spielen. Eines der zwei Gesellschaftsspiele aus ihrem Kinderzimmerregal. „Mein Lieblingsspiel!“ Was sie so gerne mag daran? „Dass ich rausgeschmissen werde“, sagt sie und grinst. Aber wenn man rausgeschmissen wird, verliert man doch? „Die Mama verliert dann“, sagt Vanessa. „Ich nicht! Ich komm immer wieder rein!“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bös, Nadine
Nadine Bös
Redakteurin in der Wirtschaft.
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