Arbeitsmark radikal gewandelt

„44 Prozent der Neuverträge sind befristet“

 - 14:22

Mehr Niedriglöhner, häufigere Erreichbarkeit und der Einzug der Roboter: Die Arbeitswelt vieler Menschen in Deutschland hat sich schon in den vergangenen Jahren deutlich verändert und steht nun vor einer großen Herausforderung. Das geht aus dem „Atlas der Arbeit“ hervor, der am Montag in Berlin vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) vorgestellt wurde.

„Man befindet sich heute in einer revolutionären Situation“, sagte Michael Guggemos, Geschäftsführer der gewerkschaftsnahen HBS. Technikgetrieben entstünden Crowdworking, also die standortunabhängige Auftragsverteilung übers Internet, sowie neue Dienstleistungen, etwa durch Plattform-Betreiber wie den Fahrtenvermittler Uber und den Essenslieferdienst Foodora.

Auch diese Unternehmen müssten ihre Arbeitgeberverantwortung wahrnehmen und etwa Sozialversicherungsbeiträge und Mindestlöhne zahlen, forderte Reiner Hoffmann, der Chef des DGB bei der Vorstellung des „Atlas der Arbeit“.

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Leistungsdruck„Karriere machen ist dumm"

Die Deutsche Post steht in der Kritik

Die Broschüre zeigt, wie schon jetzt sogenannte atypische Beschäftigung wächst: Minijobs, Teilzeit- und Leiharbeit, Werk- und Zeitverträge. 7,4 Millionen Menschen arbeiteten demnach auf 450-Euro-Basis, für 4,7 Millionen von ihnen sei es die einzige Einkommensquelle.

„Entgegen der ursprünglichen Idee haben sich Minijobs für die Beschäftigten nicht als Einstieg zu guter Arbeit erwiesen“, resümieren die Autoren. Deutschland habe den größten Niedriglohnsektor Westeuropas, kritisiert der Bericht. 1,2 Millionen Beschäftigte bekämen zusätzlich Hartz IV.

Wer neu eingestellt werde, bekomme in 44 Prozent der Fälle nur einen befristeten Vertrag – in der Hoffnung, eines Tages unbefristet eingestellt zu werden. In der Kritik steht die Deutsche Post, weil dies dort unter anderem davon abhängig ist, wie oft der Mitarbeiter krank ist und wie häufig er Unfälle mit Postfahrzeugen baut.

Am Wochenende hatte sich Kritik nach einem Bericht der "Bild am Sonntag" entzündet, wonach die Deutsche Post unbefristete Arbeitsverträge auch von der Zahl der Krankheitstage abhängig macht. Am Sonntagabend bereits sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) in der
ARD-Talkshow "Anne Will", die Bundesvertreter im Aufsichtsrat der Post hätten bereits Gespräche mit der Konzernführung vereinbart.

Zwangsarbeit auch in Deutschland?

„Es ist arbeitsrechtlich nicht angreifbar, aber es ist moralisch höchst verwerflich“, sagte auch Hoffmann. „Es ist an der Zeit, dass mit diesem Unfug aufgeräumt wird.“ Es freue ihn, dass sich Scholz dafür einsetzen wolle.

Nach der Deutschen Post will Scholz auch die 105 anderen Unternehmen mit Bundesbeteiligung wegen möglicher Befristungen von Arbeitsverträgen unter die Lupe nehmen. Der
Bund werde von seinem Recht Gebrauch machen, von allen Firmen, in denen der Bund im Aufsichtsrat vertreten sei, einen Bericht anzufordern, sagte eine Sprecherin des Finanzministeriums am Montag. Der Bund ist unter anderem
an den ehemaligen Staatskonzernen Post und Telekom beteiligt und alleiniger Anteilseigner der Deutschen Bahn.

Skizziert wird im „Atlas der Arbeit“ aber auch Zwangsarbeit. „Es gibt eine zunehmende Gefahr von Arbeitssklaverei in Deutschland“, sagte Guggemos. Dies sei für ihn die überraschendste Erkenntnis aus dem rund 60-seitigen Atlas.

Als Beispiel nennen die Autoren die Zwangsprostitution mit Freiheitsberaubung und sexueller Ausbeutung. Der Bericht zitiert Daten, nach denen das Risiko für Eingewanderte zunimmt, in Deutschland Opfer von Arbeitsknechtschaft und Menschenschmuggel zu werden.

Dass die erwerbsfähige Bevölkerung abnehme, müsse dagegen niemandem Angst machen, heißt es in dem Bericht. Zumindest rechnerisch könne die Arbeitslosigkeit schon 2027 beseitigt sein. „Knappheit an Arbeitskräften erlaubt auch deutliche Lohnsteigerungen.“ Weil auf lange Sicht mehr Arbeitskräfte gebraucht würden, müssten vor allem Einwanderer einspringen.

Quelle: dpa/Reuters/AFP
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