Arm und reich
Die Oberschicht am Tegernsee

Deutschland, deine Reichen

Von Georg Meck und Jenni Thier
© mauritius images, F.A.S.

Morgens um vier, wenn die brave Welt noch schlafen liegt, rudert Christoph von Preysing raus auf den See. Mit 15 hat er die Schule abgebrochen, sich in eine Lehre als Fischer geworfen. Heute, mit Anfang 30, ist er Herr über die Fische im Tegernsee, sein Betrieb, gestartet von null, gibt 14 jungen Leuten Arbeit. Was die mit ihm im Morgengrauen in ihre Holzschiffe ziehen, verkaufen sie später am Tag direkt vor Ort: Saiblinge und Renken vorzugsweise, dazu importierte Ware; gerne Hummer, Langusten, Kaviar. Auf engstem Raum reicht Preysing über die schmale Kühltheke frischen Fisch, dazu Wein und schärfere Alkoholika. Der Mann ist Fischer, Caterer, Gastwirt in einer Person.

Nirgendwo in der Republik wird pro Quadratmeter mehr Champagner konsumiert als in der „Fischerei“, der Hausherr, so etwas wie der Stenz vom See, immer mittendrin. „Wir sind Dienstleister für die zig Milliardäre am See, gehören aber nicht dazu“, sagt er. „Das muss man sich immer wieder klarmachen, auch wenn man ein freundschaftliches Verhältnis zu diesen Leuten entwickelt: Wir spielen nicht in deren Liga.“

Wir sind also gewarnt: Es tut sich eine eigene Welt auf hier im Tegernseer Tal, 50 Kilometer südöstlich von München. Streng statistisch gesehen mag es kompliziert sein, die Grenzen zwischen Mittel- und Oberschicht zu ziehen, am Tegernsee ist das nicht nötig. Wer sich hier eine Immobilie leistet, darf sich vermögend fühlen. Ein vorzeigbares Haus kostet gut und gern zwei Millionen. Und das zu Recht: Der Markt lügt selten, in dem Fall spiegeln Preise exakt die Begehrlichkeiten, wenn selbst die Zugezogenen aus dem gottlosen Norden, die Industriellen aus dem Sauerland und Ostwestfalen, den bayerischen Herrgott loben, wie der alles so herrlich hingestellt habe: die Berge, der See, der weiß-blauen Himmel. Sagenhaft. „Wir leben hier im Paradies“, sagt ein Juwelier, die Juweliersdichte ist unerreicht im Tal. Der Bedarf ist da.

© F.A.Z., F.A.S.

Reiche treffen hier auf Schöne, Zementkönige auf Immobilienentwickler, Topmanager auf noch besser bezahlte Fußballstars. Die Arbeitslosigkeit ist nahe null, der Anteil der Biobauern höher als sonst irgendwo in der Republik, die Kriminalität einschläfernd niedrig. Die Wahrscheinlichkeit, von Einbrechern ausgeraubt zu werden, ist in Nordrhein-Westfalen 15 Mal höher, brüstet sich die örtliche Polizei – dabei zieht Geld Gauner an, möchte man meinen. Nicht am Tegernsee, die Kriminaler sind wachsam, die Nachbarschaft auch.

Schon Ludwig Erhard hatte sein Bungalow an der Nordspitze

Steuerberater und Makler wechseln sich hier ab, Landwirte und Metzger nur noch selten, dafür hat der Tegernsee den berühmtesten Metzgersohn der Republik zu bieten: Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern, zurück in Amt und Freiheit, schaut von seinem Hügel runter auf das Wasser, an dessen Rändern sich deutsche Wirtschaftsgeschichte zugetragen hat. Die Flicks, die Krupps und die Grundigs verkehrten hier nach dem Krieg, rasch wetteiferte das Tal mit Baden-Baden darum, wer die meisten Millionäre vorzuweisen hat im Land.

Schon Ludwig Erhard, der Vater des Wirtschaftswunders, hatte seinen Bungalow auf dem Ackerberg an der Nordspitze, unweit davon besaß auch die Deutsche Bank ein eigenes Anwesen. Dort tagt die Konzernspitze bis heute, nun allerdings in fremden Betten, nur ein paar Kilometer entfernt von der konzerneigenen BMW-Herberge, wo die Autovorstände sich regelmäßig über ihre Strategie beugen.

CSU-Herrscher Franz Josef Strauß residierte einst unten im Süden des Sees, ebenso Alexander Schalck-Golodkowski, der Devisenschieber der DDR. Händler-Clans wie die Familien Schickedanz (Quelle-Versand) und Nanz (Supermärkte) sind bis heute präsent, auch wenn ihre Läden längst untergegangen oder verkauft sind.

Die Hierarchie ist klar: Entweder man wohnt hoch oben an den Hängen mit unverbaubarem Eins-A-Blick, oder es muss ein Seegrundstück sein. Der soziale Aufstieg vollzieht sich Meter für Meter in Richtung Strand. Manche Leute arbeiten sich Straße für Straße nach vorne, berichten Makler.

Im Tal mögen sie es ganz und gar nicht krawallig

Wer entlang des Ufers von Rottach-Egern nach Bad Wiessee radelt, passiert die Erfinder der Modemarken Hugo Boss und Strenesse, die Großaktionäre von Metro und Media Saturn, Franz Markus Haniel und Erich Kellerhals, wohnen Gartenzaun an Gartenzaun. Viel gesprochen wird dort nicht mehr, seit sie sich in juristische Scharmützel begeben haben. Small Talk hilft nicht, wenn die Anwälte scharf schießen.

Dabei mögen sie es ganz und gar nicht krawallig im Tal. Man zeigt den Reichtum dezent, „nicht wie in Sylt oder Kitzbühel“, oder drüben am Starnberger See, wo eh nur die hausen, die es nicht hierher geschafft haben, auf diesen Spruch einigt man sich schnell am Tegernsee.

Diskret und wohltemperiert wollen sie es hier haben. Schließlich kommt man hierher zum Entspannen, zum Heiraten (wie Daimler-Chef Dieter Zetsche vorigen Herbst) oder zum Golfen, wie der ehemalige CDU-Hoffnungsträger Friedrich Merz, inzwischen in Diensten des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, der sich am Ostufer niedergelassen hat, und sich, nebst anderem, an der örtlichen Braukunst erfreut: „Das Tegernseer Hell ist das beste Bier im Land.“ Verkauft werden die Flaschen mit der weißblauen Raute inzwischen in der ganzen Republik, selbst in unwirtlichen Gegenden im Norden. Gebraut werden sie im Auftrag des Herzogs auf dem Klostergelände im Ort Tegernsee.

Alexander Sego, ein deutschamerikanischer Manager, hat am See ein Vermögen gemacht.
© Jan Roeder, F.A.S.

Über ein Jahrtausend prägten die dort angesiedelten Benediktiner die Region. Anfang des 19.Jahrhunderts, nach der Säkularisation im Jahr 1803, verlegte König Max von Bayern seine Sommerresidenz an den Tegernsee, das brachte Schwung in den Tourismus.

Auch die Nationalsozialisten liebten den See

Schon 1848 mokierte sich der Münchner Schriftsteller Ludwig Steub über den Auftrieb: „Am Tegernsee ringen fremde Prinzen, Wiener Equipagen und Pariser Toiletten wetteifernd um die Aufmerksamkeit eines auserlesenen Publikums.“ Auf den Adel folgten Künstler wie Ludwig Thoma, auf den sie hier noch immer stolz sind, auch wenn er einst böse gegen die Juden hetzte im Lokalblatt.

Der See kann nichts dafür, dass auch die Nazis ihn liebten. Zahlreiche NS-Größen zog er an, weswegen ihm bis heute der Schmähtitel „Lago di Bonzo“ nachhängt. SS-Führer Heinrich Himmler hatte hier ein Haus, Reichskanzleichef Martin Bormann auch. Der blutige Sturz des SA-Chefs Ernst Röhm, in den Geschichtsbüchern als „Röhm-Putsch“ vermerkt, spielte sich im „Hotel Lederer“ in Bad Wiessee ab.

Adolf Hitler persönlich kam aus Berlin eingeflogen, um seinen SA-Führer, einen Freund junger bayerischer Burschen, aus dem Bett zu werfen. Röhms Zimmer war Jahrzehnte später noch Attraktion für Touristen, bis das Hotel schließlich in die Pleite schlitterte. Heute hofft Bad Wiessee darauf, dass die Strüngmann-Brüder, am Tegernsee aufgewachsen und mit ihrer Pillenfirma Hexal zu Milliarden gekommen, die Hotellerie aufmöbeln. Die Pläne sind gemacht und harren nun des Baus.

Hannelore Santen, ein NRW-Import, verkauft Bogner-Mode in Rottach-Egern.
© Jan Roeder, F.A.S.

Dabei hat sich schon einiges getan im Gastgewerbe, seit den seligen Tagen, als im inzwischen vor sich hin dösenden „Hotel Bachmair am See“ Frank Sinatra und Tina Turner aufkreuzten, Udo Jürgens und Harald Juhnke. Gunter Sachs war der Zeremonienmeister in diesen fernen Zeiten. Der Jetset, wie diese Spezies damals hieß, zog irgendwann weiter. Der Kurbetrieb verlotterte, Geschäfte sperrten zu, das Tal zehrte von der Vergangenheit, groovte sich ein im Rhythmus eines Seniorenreservats vor Jodelkulisse. Rollatoren-Charme legte sich über den See.

„Die Kunden im Tal sind sehr anspruchsvoll“

„Anfang der neunziger Jahre hat das Tal eher geschwächelt, heute blüht es mehr denn je“, berichtet Hannelore Santen, die Inhaberin des Willy-Bogner-Shops in Rottach-Egern, einer wichtigen Anlaufstelle für die bessere Gesellschaft am See. Wenn sie für ihre Klientel die Frühjahr-Kollektion willkommen heißt, geht das nicht ohne Sternekoch und einen Barkeeper von Rang.

Die Dinge laufen etwas anders auf diesem begnadeten Flecken Erde. Eine tiefe Zufriedenheit liegt in der Luft. Wer es hierher geschafft hat, muss nichts mehr beweisen. Das verleiht Lässigkeit. Die Ansprüche freilich sind hoch. Das wiederum macht es anstrengend für Bürgermeister, Lehrer und sonstige Dienstleister. Wer Premium bestellt, will premium behandelt werden. Immer. Selbst Flüchtlinge tragen hier Designer-Klamotten, abgelegte Markenware, pfleglich aufbewahrt in den Kellern des hilfsbereiten Bürgertums.

„Die Kunden im Tal sind sehr anspruchsvoll, wir konkurrieren mit den Geschäften in Mailand, London oder Paris“, sagt Hannelore Santen, die Modehändlerin, die vor vier Jahrzehnten aus Nordrhein-Westfalen hierher gezogen war, seit 24 Jahren ihren Laden führt und sich immer noch jeden Tag am Anblick der Natur freut. „Der liebe Gott muss einen schwachen Moment gehabt haben, als er das Tal erschaffen hat“, sagt sie auf ihrer Terrasse, vor sich die Latte macchiato, dahinter der Blick auf See und Alpengipfel, eine kaum zu ertragende Pracht an diesem sonnigen Frühjahrstag. „Alle, die wir hier leben dürfen, sind dafür dankbar“, sagt Frau Santen, und wenn sie so erzählt, fällt auf, wie homogen diese Gruppe ihren Alltag gestaltet: „Fast jeder trägt gerne Tracht, jeder lebt bewusst, achtet auf Sport, Yoga und Ernährung.“

Der Charme der Oberschicht macht den Charme des Sees aus

Das mache den speziellen Charme des Sees aus, es ist der Charme der Oberschicht: Nur, wer genau gehört dazu? Reicht die erste Million als Eintrittskarte, oder muss es mehr sein? Es finden sich in der Wissenschaft so gut wie keine Einblicke in die Oberschicht der Bundesrepublik, nicht mal eine einheitliche Definition existiert.

Manuel Neuer, Torwart des FC Bayern München, hat am steilen Hang gebaut - Ein Politikum im Ort. Dem Altersdurchschnitt am See tut der Weltmeister gut.
© Jan Roeder, F.A.S.

Was es gibt, sind Neid und ein anschwellender Hass auf die Elite, wenngleich unter Pegida-Sachsen sicher mehr als unter Oberbayern. Befeuert wurde die Debatte vom französischen Ökonomen Thomas Piketty, der mit seinem Bestseller die Gleichung aufstellte, dass die Gewinne permanent schneller steigen als die Löhne, die Ungleichheit somit wächst.

Die These wurde mannigfach erschüttert, das Gefühl aber bleibt und trägt SPD-Kandidat Martin Schulz durch den Wahlkampf. „Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre war gut, aber nicht sozial gerecht“, ertönt der Refrain der Sozialdemokraten, die es schon jetzt, ohne formelle Koalition der Umverteiler, mit Linken und Grünen auf die Vermögen der Reichen abgesehen haben. Von einem „Trend zur Refeudalisierung“ ist die Rede, von einer „Oligarchie der Reichen“ gar. Vermögensteuer und Erbschaftsteuer sind dagegen die passenden Schwerter.

Der Armuts- und Reichtumsbericht aus Berlin wird hier leibhaftig

Wie so was am Tegernsee ankommt, ist keine Frage: FDP-Chef Christian Lindner, regelmäßig zu Wahlkampfbesuch bei seiner Zielgruppe vor Ort, hat als Verteidiger der Leistungsträger und Besserverdiener ein leichtes Spiel, hier sieht er leibhaftig vor sich, was die Forscher in Berlin für den eben veröffentlichten Armuts- und Reichtumsbericht der Regierung über die Wohlhabenden zusammengetragen haben.

Die Hochvermögenden, wie die See-Bewohner darin betitelt werden, zeichnen sich durch ein verfügbares Geldvermögen von mindestens einer Million Euro aus. Mangels repräsentativer Daten zu dieser Gruppe behilft sich der amtlich bestellte Reichtumsforscher Wolfgang Lauterbach, Soziologieprofessor aus Potsdam, mit einer Umfrage unter 130 Millionären, die sich mit anderen Erkenntnissen deckt: Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind Reiche männlich, über 50 Jahre alt und haben eine akademische Ausbildung.

Sie sind oft schon in jungen Jahren unternehmerisch tätig, stehen auf eigenen Beinen mit eigenen, wagemutigen Ideen. „Reiche sind deutlich risikobereiter, vor allem beruflich, sie sind mobiler und offener für Neues“, sagt Lauterbach. Auch bei der Herkunft gibt es eine klare Tendenz: Reiche kommen eher aus West- als aus Ostdeutschland, aus naheliegenden historischen Gründen.

© F.A.Z., F.A.S.

Wahr ist: In einer freiheitlichen Gesellschaft hat nicht jeder gleich viel (oder gleich wenig). Wahr ist ferner: Das Vermögen in Deutschland ist ungleicher verteilt als das laufende Einkommen und auch etwas ungleicher als im Schnitt der OECD-Länder. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen laut Bundesbank knapp 60 Prozent des Gesamtvermögens, allerdings hat die Ungleichheit zwischen 2010 und 2014 nicht zugenommen. Und auch insgesamt werden die Deutschen im Schnitt wohlhabender.

Richtig ist außerdem: Der Wohlstand ballt sich an manchen Flecken, nicht nur am Tegernsee, auch in Hamburg, München, Frankfurt und den jeweiligen Nobelvororten. „Aber es gibt keine Parallelgesellschaften“, sagt Soziologe Lauterbach. So sind sie am Tegernsee stolz darauf, dass schon der Herzog im Gasthaus inmitten seiner Jäger speiste, so wie heute der Fabrikant aus Gelsenkirchen im Bräustüberl neben polnischen Bauarbeitern.

Jede Ankunft Usmanows ist ein Fest für die örtliche Wirtschaft

Wenn sie hier vom reichsten Anrainer reden, sprechen sie, fast liebevoll, von „unserem Oligarchen“. Gemeint ist Alischer Usmanow, ein gebürtiger Usbeke, glatzköpfig und von rundlicher Gestalt, vor allem aber: sagenhaft reich. Er sei einer der wohlhabendsten Menschen der Welt, hieß es im Ort, als er vor ein paar Jahren sein Anwesen in Rottach-Egern bezog. „Forbes“, das amerikanische Wirtschaftsmagazin, bezeugte ein Vermögen von 18 Milliarden Dollar, verdient hat der Mann das zunächst als Gasprom-Direktor und danach als Konzernherr in der Metallindustrie.

Heute gehören Usmanow außerdem Zeitungen und Internetportale. In den FC Arsenal London hat er sich mit etlichen Millionen eingekauft, in den Taxi-Schreck Uber auch. Am See bewohnt er sporadisch seine geschützte Villa (mit angeschlossenem Bunker) unweit des Fünf-Sterne-Hotels „Überfahrt“.

© F.A.Z., F.A.S.

Jede Ankunft des Oligarchen dort ist ein Fest für die örtliche Wirtschaft: Der Mann reist mit leichtem Gepäck, an jedem seiner Wohnsitze sind die Schränke voll. An Kaschmir und Kaviar soll es nicht mangeln. Das Personal weiß, wo die Ware zu ordern ist. Kaviar übrigens lohnt sich einzuführen, notfalls gar zu schmuggeln. „4000 Euro kostet das Kilo bei uns, in Russland nur 400 Euro, deswegen bringen ihn die Russen lieber selbst mit“, sagt Oberfischer Christoph von Preysing.

Wie viele der sagenumrankten Russen am Tegernsee tatsächlich zugegen sind, ist schwer zu eruieren. Die Makler, um den Ruf des Tals und ihr eigenes Geschäft besorgt, sagen: Es gibt hier so gut wie keine. Diejenigen, die das Böse hinter jeder heruntergelassenen Jalousie vermuten, sagen: Es sind zu viele.

Von Schnäppchen erfahre man beim Friseur oder im Gasthaus

Tatsache ist: Der prominenteste Bürger der ehemaligen Sowjetunion verlässt den See gerade wieder. Familie Gorbatschow verkleinert sich, so ist aus zuverlässiger Quelle zu hören, die Tochter habe sich eine Wohnung in Rottach-Egern zugelegt, da ihr Vater, der ehemalige Staatschef und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow, krankheitsbedingt nicht mehr reist.

Das „Hubertus Schlössl“, vor nicht mal zehn Jahren von den Gorbatschows aufwendig renoviert, steht deshalb zum Verkauf, die beauftragte Immobilienfirma preist es als eine „Preziose“, mit „2600 Quadratmetern Park und 700 Quadratmetern Wohnfläche“, verteilt auf Haupt- und Nebenhaus.

Acht Schlafzimmer sowie fünf Bäder stehen zu Buche, veranschlagter Kaufpreis: sieben Millionen Euro. Und dafür bietet es nicht mal einen richtigen Seeblick. „Das muss man mögen“, sagt ein Einheimischer, die Augenbrauen hochgezogen.

Das Rathaus von Tegernsee, eines der schönsten Bayerns: Die Arbeitslosigkeit geht gegen null, die Kriminalität ist niedrig.
© Jan Roeder, F.A.S.

Wie gesagt, die Ansprüche sind hoch im Tal, wo die Natur das Angebot an Baugrund begrenzt, was die explodierenden Preise erklärt. Die wenigen Schnäppchen finden sich nicht in den Auslagen der zahllosen Immobilienfirmen, „davon erfährt man beim Friseur oder im Gasthaus“, sagt eine Frau mit Milliardärshintergrund und berichtet von der Wohnung, die sie sich voriges Jahr angelacht hat: zehn Jahre alt, kein halbes Jahr von den Vorbesitzern bewohnt. Wertzuwachs in zwölf Monaten: 200 000 Euro, „ist das nichts?“.

Gerade die kaufkräftigen Jungen wollen raus ins Tegernseer Tal

Angeblich, so hat sie gehört, steht schon der nächste Star vom FC Bayern in der Schlange der Interessenten um ein Seegrundstück. Das Gerücht genügt, um die Makler jubeln zu lassen: Der See wird jung, wenn nicht nur Leute mit abgeschlossener Vermögensbildung hierherziehen, sondern Promis in vollem Saft und Kraft.

Nationaltorhüter Manuel Neuer hat jüngst am steilen Hang gebaut, was ein Politikum war im Ort. Dem Image geholfen hat er damit ebenso wie Philipp Lahm mit seinem Haus ein paar Kilometer weiter. So etwas spricht sich herum. Das macht den See sexy.

Alle wollen sie raus ins Tegernseer Tal, gerade die kaufkräftigen Jungen. Am Wochenende dummerweise alle auf einmal. Zu den einschlägigen Festen wird das feierwütige Volk mit Bussen aus München angekarrt, die Tagestouristen aus der Landeshauptstadt kommen so zuverlässig wie der Alpenföhn.

Michael Käfer hat „Gut Kaltenbrunn“ mit einem Biergarten zu neuem Leben erweckt. Die Aussicht ist einzigartig.
© Jan Roeder, F.A.S.

„Isarpreißn“ nennt diese Klientel der Comedian Harry G., bürgerlich Markus Stoll, dessen Großvater schon am Tegernsee gelebt hat. Die in Horden einfallenden Münchner sind eines seiner liebsten Feindbilder; „ein sehr unsympathisches Völkchen, in ihrem Einheitslook und den nach hinten geschleckten Haaren“.

Natur ist cool, Berge sind cool, selbst Dirndl ist cool

Porsche an Porsche staue man sich zum „ach so urigen Waldfest, wo dann ein Tegernseer auf 200 Isarpreißn trifft“, ätzt Harry G. über die „SUV-Amseln in ihren Moncler-Jacken, die während der Woche in München im Safari-Jeep zu Biomarkt und Yoga-Studio fahren“.

Das bayerische Lästermaul, ein studierter Betriebswirt, der mit Youtube-Filmchen zum Star avancierte, kennt sich aus im Chichi-Milieu, die Finanz- und Start-up-Szene ist sein Revier für die Jagd nach Pointen.

Auf die Heimat aber, auf den geliebten See, lässt er nichts kommen. „Der echte Seebewohner ist anders“, sagtHarry G. in vollem Ernst. Großzügig zählt er dazu auch die des Bayerischen nicht mächtigen Einwohner, ob nun zugereister Fabrikant oder Fußballer: „Die verhalten sich alle extrem angepasst, ziehen alle ihre Trachtenjacken an und sind voll integriert.“ Sein durch und durch parteiisches Urteil: „Der Tegernsee ist heute cool.“

Natur ist cool. Berge sind cool. Selbst Dirndl ist cool. So schaffte das Tal sein Comeback, das auch Michael Käfer, den Münchner Feinkosthändler und Edelgastronom, zurück lockte, der in der Jugend viel Zeit am Tegernsee verbracht hatte. Als seine eigenen Zwillinge geboren wurden, hat er sich vor fünf Jahren ein Wochenendhaus in Rottach-Egern gekauft – und erstaunt bemerkt, wie viele junge Familien wieder hier leben: „Früher hatte der Bürgermeister Probleme, die Schule offen zu halten, jetzt ist alles voll mit Kindern: Der Spielplätze sind voll, die Vereine sind voll.“ Und wenn es gutgeht, dann ist auch sein Biergarten voll, auf einer Anhöhe mit phantastischer Aussicht auf den See.

Der Luxus will verdient werden

Der Luxus will verdient werden. In dem Fall gestaltet sich das besonders mühsam, Michael Käfer steht unter ständiger Beobachtung der Naturschützer, seit er sich mit seinem Lokal hergewagt hat, gerade so, als wäre er als Promi-Vorkoster der natürliche Feind der Öko-Fraktion.

Käfer hat „Gut Kaltenbrunn“ renoviert, ein frühgotisches Kloster, in dem die Bau- und Brau-Familie Schörghuber (Paulaner) eigentlich hatte ein Hotel errichten wollen: Das gab einen Aufruhr! Der Ort sei ins „Fadenkreuz der Spekulation“ geraten, wütete es in Leserbriefen. Wiesen wurden zum Kulturgut erklärt, der Landtag und die Justiz eingeschaltet. Das Vorhaben scheiterte schließlich am örtlichen Protest, an Denkmalschützern und einem Urteil des Verfassungsgerichts.

Christoph von Preysing, der Fischer vom See. Nirgendwo in der Republik wird mehr Champagner pro Quadratmeter konsumiert als an seiner Theke.
© Jan Roeder, F.A.S.

Michael Käfer übernahm von den Schörghubers, verzichtete auf Betten und konzentriert sich auf eine Restauration. Ruhe hat er deswegen noch lange nicht. Misstrauischen Blicks wird verfolgt, ob der Löwenzahn blüht, oder - schlimmer noch – ob er es mit den Parkplätzen übertreibt. „Wir haben ein Einzugsgebiet von 100 000 Menschen“, erläutert Käfer. Seine Gäste kommen aus Bad Tölz, Miesbach, München. Und alle müssen sie ihr Auto abstellen. Das ist ein Problem. Sein Parkplatz wurde so zum Symbol für den Kampf am Tegernsee.

Goldgräber gibt es genug, solange die Immobilienpreise anziehen

Aus dem nächsten Großprojekt, das den Zorn der Naturschützer schon auf sich gezogen hat, ehe es richtig losging, steigt Käfer nun aus. In den Hügeln überm See sollte ein touristisches Almdorf entstehen, das war die Idee, die ein Immobilienmensch ausgeheckt hatte: zwölf einzelne Almen mit je zwei Wohneinheiten. Käfer hatte sehr konkrete Pläne, warb bereits für das Projekt, das von den Gegnern als „Heidi-Land“ verhöhnt wird. Jetzt hat er es abgehakt, man konnte sich nicht einigen über die Modalitäten. „Ich bin nicht mehr involviert“, sagt er knapp. Sollen andere ihr Glück damit versuchen.

Goldgräber gibt es genug am Tegernsee, solange die Immobilienpreise so anziehen. Die Zahlen dafür sind keine Maklerpropaganda, wie so oft, sondern verbürgt, da sie aus tatsächlichen Verkäufen stammen, die vom Oberen Gutachterausschuss im Landratsamt ausgewertet werden: Die Rendite mit Wohnungen oder Häusern am Tegernsee schlägt demnach alles, was die Bank an Geldanlagen sonst so zu bieten hat. Von 10 bis 12 Prozent Wertzuwachs (pro Jahr!) kündet die Statistik: „In höherwertigen Lagen im Tegernseer Tal liegt der Anstieg bei bis zu 15 Prozent jährlich.“

Alexander Sego, ein 60 Jahre alter Deutsch-Amerikaner, als Manager weit herumgekommen in der Welt, hat so das Geschäft seines Lebens gemacht, „die mit Abstand beste Investition“, wie er sagt: Vor zwölf Jahren hat er sich ein Hotel, das „Luitpold“, direkt am Seeufer im Ort Tegernsee gekauft, „zu einem unglaublichen Preis“: Das 18-Zimmer-Haus, 1838 erbaut, war total heruntergekommen, er hat es von Grund auf renoviert, heute ist es zu 80 Prozent ausgelastet, die Gäste reichen vom Vorstandschef bis zum Heiratsschwindler.

„Investoren fallen wie die Hyänen im Tal ein“

Bezahlt hat Sego damals den Gegenwert eines Reihenhauses in der Provinz, jetzt könnte er Palastpreise dafür verlangen: „Unter zehn Millionen gebe ich das Haus nicht mehr her.“ Nun, da der Wert sich vervielfacht hat, tauchen bei ihm regelmäßig Leute auf („auch zwiespältige Personen“) und fragen, was er für das Hotel wolle. Er erklärt es dann jedes Mal für unverkäuflich, und freut sich reuelos an seinem Vermögen: „Mir ist der Neid der anderen tausendmal lieber, als selbst auf jemanden neidisch sein zu müssen“, sagt er trotzig. Nehmt das, ihr Umverteiler!

Michael Gorbatschows Villa in Rottach-Egern, das „Hubertus Schlösschen“,  steht für 7 Millionen zum Verkauf. „Eine Preziose“, sagt der Makler.
© Jan Roeder, F.A.S.

Und weil das Hotel so hübsch bescheiden wirkt, er keinen mehrgeschossigen Bunker hingestellt hat, hat Unternehmer Sego im Treppenhaus eine Urkunde der strengen „Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal“ hängen, die gegen alles anrennt, was ihrer Ansicht nach die Ökologie aus dem Gleichgewicht bringt. Dazu braucht es nicht viel, was wiederum erklärt, warum die Bürgerinitiative das Volk am See spaltet wie sonst kaum etwas. Als das „einzige Korrektiv gegen CSU-Filz und Profitmafia“ rühmt sie die linke „taz“ aus Berlin, als nervtötende Querulanten schmäht sie das örtliche Bürgertum, wobei die Frontlinien unübersichtlich verlaufen: Einheimische, die Geschäfte machen wollen, gegen Einheimische, die ihre Ruhe wollen. Zugereiste gegen noch mehr Zugereiste. Und Tradition gegen Moderne, irgendwie.

Die Vorsitzende Angela Brogsitter-Finck, die 1959 aus Rüdesheim nach Bayern kam, jedenfalls ist im permanenten Alarm-Modus unterwegs. „Investoren fallen wie die Hyänen im Tal ein“, warnt sie. „Wenn es in diesem Stile weitergeht, ist ein Großteil unseres schönen Tegernseer Tals irgendwann eine riesige unterirdische Tiefgarage. Wo früher ein Haus stand, sind es heute drei oder vier, das nennt sich dann Residenzen, Chalets, Ensemble.“

Ihr werde angst und bange, sagt die Frau, wenn sie all die Immobilienfirmen sehe. 80 bis 90 davon gibt es im Tal, schätzt sie, mehr als Schulen jedenfalls. „Einheimische können sich die Luxuswohnungen nicht leisten, der dörfliche Zusammenhalt verschwindet.“

Es ist eine Gepflogenheit, dass die Bevölkerung nicht vollzählig ist

Der Fluch des Paradieses ist ja gerade, dass so viele dorthin wollen. Es wird also eng am Tegernsee. Wenn die Bürgermeister dort etwas umtreibt, dann die Furcht vor dem, was sie „Sylter Verhältnisse“ nennen, das meint: Zustände, in denen Mitarbeiter in Restaurants und Altenpflege von außerhalb einpendeln müssen, weil die Miete sonst ihren Monatslohn frisst.

Allzu weit sind sie davon nicht mehr entfernt. „Es ist schwierig, Mitarbeiter zu finden“, berichten Gastronomen, von Promi-Wirt Michael Käfer bis zu Christoph von Preysing, dem Fischermeister: „Von 30 Mitschülern aus meiner Klasse wohnen gerade noch sechs hier.“ Es gebe schlicht zu wenige Jobs, die so bezahlt werden, dass sich vom Lohn am See leben lässt. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, gleichzeitig stehen viele Häuser die meiste Zeit leer.

© picture alliance/Arco Images/K. Kreder, Deutsche Welle

Es gehört zu den Gepflogenheiten in der Gegend, dass die Bevölkerung nicht vollzählig ist, weil viele der Villenbesitzer wenig Gelegenheit finden, ihr Eigentum zu nutzen. Die Zweitwohnsitze werden zum Problem, klagen die Lokalpolitiker, wenn, wie in Rottach-Egern, schon offiziell mehr als 20 Prozent der Wohnungen die meiste Zeit vor sich hin schlummern. „Es ist eine Bedrohung für das Dorfleben, wenn die Leute nur zu Feiertagen einfliegen“, sagt der zuständige Landrat in Miesbach.

Die Lokalpolitiker versuchen gegenzusteuern, indem sie Sondersteuern auf Nebenwohnungen erfinden. Maximal 7200 Euro im Jahr verlangen sie von jedem, der sich nicht mit Hauptsitz zum Tegernsee bekennt. Das füllt die Kassen der Gemeinden, „die Millionäre schreckt es nicht ernsthaft ab“, sagt Landrat Wolfgang Rzehak, ein Grüner der pfleglichen Sorte „Wir wollen ja auch nicht verbieten, dass diese Leute zu uns kommen.“

Klassenkämpfer haben am See nichts verloren

Der Wahlsieg des Mannes war eine Sensation im CSU-Kernland, ein Schock für die Staatspartei, das Symbol, dass Bayern in den wohlhabendsten Ecken ergrünt: „Der Zahnarzt wählt CSU, seine Frau grün“, erklärt Rzehak die Lage. Zu seinem Sieg hätte diese Stimmung trotzdem nicht gereicht, dazu brauchte es schon einen handfesten Skandal.

Der Vorgänger von der CSU hat sich von der örtlichen Sparkasse mit 100000 Euro zur Feier des 60. Geburststages aushelfen lassen. „Ohne den Skandal wäre ich nicht Landrat geworden“, gibt der Grünen-Politiker zu, der als Exot startete und heute nicht weiter auffällt, da er sich auch nicht viel anders benimmt als ein waschechter Christsozialer.

Früher saß er an der Kasse im Eishockey-Club, Mitglied im Trachtenverein ist er bis heute, auch die Gebirgsschützen dürfen auf ihn zählen. Das nennt sich dann wohl wertkonservativ, das Modell Kretschmann übertragen auf Oberbayern.

Klassenkämpfer haben am See nichts verloren, so viel hat sich herumgesprochen. Und die Sache mit dem angeblichen Neo-Feudalismus der reichen Erben erledigt sich bisweilen von allein, ohne dass die Politik eingreift, so hat es Christoph von Preysing, der Fischer mit der Champagner-Badewanne vor seinem Bistro, beobachtet: „Manche sind nur zwei, drei Jahre hier, dann ist das Erbe verprasst, und sie müssen zurück nach Bottrop.“ Das Leben kann auch grausam sein.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Adolf Hitler | Dieter Zetsche | Frank Sinatra | Franz Josef Strauß | Friedrich Merz | Gunter Sachs | Ludwig Erhard | Michail Gorbatschow | Tina Turner | Udo Jürgens | Uli Hoeneß | Berlin | Deutschland | München | Nordrhein-Westfalen | Tegernsee | CSU | Daimler | Deutsche Bank | FC Bayern München | Grundig | Hugo Boss | Polizei | Porsche | Schickedanz | Strenesse