Wegen Demonstrationen

Macron kränkt Arbeitslose – schon wieder

Von Christian Schubert, Paris
 - 17:29

Emmanuel Macron wollte eigentlich seltener zu seinem Volk sprechen als sein Vorgänger François Hollande, den nicht wenige als geradezu geschwätzig empfanden. Macron werde sich nicht der „Diktatur der Dringlichkeit“ unterwerfen, die der tägliche Medienzirkus aufbaue, hieß es bei seinem Amtsantritt. Nun aber gerät die Kommunikation des französischen Präsidenten nicht wegen ihrer Häufigkeit unter Beschuss, sondern weil sie sich in den Augen ihrer Kritiker irgendwo zwischen vulgär und beleidigend bewegt.

Am Mittwoch sagte Macron beim Besuch einer Berufsschule, französische Arbeiter sollten weniger auf die Barrikaden gehen, streiken und Fabriken blockieren, sondern sich lieber eine neue Arbeit suchen, wenn ihr Betrieb schließt. Für die Beschreibung der Arbeitnehmer-Blockaden benutzte er Worte, die etwa mit „Laden aufmischen“ („foutre le bordel“) übersetzt werden können und in französischen Ohren wenig präsidentiell klingen.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Macron ohne Blatt vor dem Mund ausdrückt. Er werde in seinen Reformvorhaben keinen Zentimeter gegenüber „Faulenzern, Zynikern und Radikalen“ nachgeben, sagte er vor einigen Wochen. Bei der Einweihung eines Start-Up-Zentrums sprach er über „Bahnhöfe, wo sich erfolgreiche Menschen und Menschen, die nichts sind, über den Weg laufen“. In seiner Zeit als Wirtschaftsminister hatte der ehemalige Investmentbanker offen über „die vielen Analphabeten“ in der Belegschaft eines Schlachthofes gesprochen. Einem Mann, der auf der Straße im T-Shirt protestierte, entgegnete er: „Der beste Weg, um sich einen Anzug kaufen zu können, ist arbeiten zu gehen“.

Die jüngsten Äußerungen haben seine Gegner von links und rechts mehr denn je auf den Plan gerufen. Macron sei arrogant und kenne Frankreich nicht, warf ihm Christian Jacob vor, Fraktionschef der bürgerlich-konservativen Republikaner in der Nationalversammlung. Die sozialistische Partei und die Linkspartei LFI hielten dem Präsidenten vor, alle Franzosen aus prekären Verhältnissen „zu verachten“.

Vergleich zu Nicolas Sarkozy

Der Präsident sprach mit seinen umstrittenen Worten indes ein echtes Problem an: Die geringe Mobilität vieler Franzosen. Der Automobilzulieferer GM&S im zentralfranzösischen La Souterraine etwa ist kürzlich nur mit Mühe und Not vor dem Bankrott gerettet worden, muss aber rund 150 Stellen abbauen. 140 Kilometer weiter südlich sucht die Gießerei Constellium, die unter anderem für die Luftfahrtindustrie arbeitet, händeringend qualifizierte Leute. Doch von den GM&S-Mitarbeitern kam keine Bewerbung. „Man muss Lösungen finden fürs Wohnen, die Schule und Stellen für die Partner“, meint der Constellium-Chef Jean-Baptiste Foisel.

Unterdessen suchte Macron nach einer politischen Antwort auf die Kontroverse. Seine Berater waren sich zunächst nicht einig. Erst hieß es, dass seine Worte aus dem Zusammenhang gerissen wurden und aus einem Privatgespräch stammten. Dann aber meinte sein offizieller Sprecher Christophe Castaner, dass der Präsident lieber Wahrheiten ausspreche statt sich mit einer vagen Floskelsprache zu begnügen. Manche ziehen auch Vergleiche zum lockeren Mundwerk von Nicolas Sarkozy. Der Vorvorgänger soll vor einiger Zeit schon gesagt haben: „Macron ist wie ich – nur besser“.

Quelle: F.A.Z.
Christian Schubert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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