Gaziantep

Wie syrische Flüchtlinge die Türkei bereichern

Von Christian Geinitz
 - 08:24

Die Großstadt Gaziantep im Südosten der Türkei, eine der ältesten Siedlungen Kleinasiens, rühmt sich vielerlei Rekorde. Das örtliche Museum beherbergt die größte Mosaiksammlung der Welt, die Küche der Region ist preisgekrönt: Seit 2015 steht Gaziantep auf derselben Unesco-Liste internationaler Feinschmecker-Paradiese wie Parma. Wer auf die Kostüme in den Kinofilmen „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ oder „Troja“ geachtet hat, kennt die Yemeni-Schuhe aus Gaziantep. Diese handgefertigten Leder-Slipper leiten angeblich überschießende Körperelektrizität in den Erdboden ab.

Seit einiger Zeit erregt der Landstrich aber aus ganz anderen Gründen internationale Aufmerksamkeit. Die Provinz Gaziantep mit der gleichnamigen Hauptstadt grenzt an das kriegsgeplagte Syrien, in der Nachbarprovinz Kilis haben sich die türkischen Truppen für die Militärintervention in Nordsyrien gesammelt. Das Blutvergießen im Nachbarland hat dazu geführt, dass drei Millionen Menschen in die Türkei geflüchtet sind, jeder sechste von ihnen hat sich in Gaziantep niedergelassen.

Die Wege in die Heimat sind kurz

Etwa 45.0000 sind offiziell registriert, weitere 50.000 halten sich illegal hier auf. Zusammen stellen sie, je nach Quelle und Zählweise, 18 bis 25 Prozent der Bevölkerung von etwa 2 Millionen Einwohnern. „In Europa regen sich einige Länder auf, wenn sie 100 Flüchtlinge aufnehmen sollen“, sagt Provinzgouverneur Ali Yerlikaya und schüttelt ungläubig den Kopf. „Wir zeigen, dass man Hunderttausende betreuen kann, ohne dass es zu sozialen Konflikten kommt.“ 120.000 Syrer waren zunächst in anderen türkischen Regionen untergebracht, es zog sie dann aber hierher.

Auf dem Weg nach Europa
Flüchtlinge stecken in der Türkei fest
© dpa, Deutsche Welle

Was Gaziantep so attraktiv macht, sind die kurzen Wege in die Heimat und der jahrhundertelange Austausch in der Grenzregion. Es gibt einige Aufnahmelager, der Großteil der Fremden aber lebt in Wohnungen und hat sich auf eine lange Zeit eingerichtet. Da die Türkei die Genfer Flüchtlingskonvention nur auf Europäer anwendet, gelten die Syrer nicht als Flüchtlinge oder Asylbewerber, sondern als „Gäste“, denen temporärer Schutz geboten wird. Sie erhalten eine freie Gesundheitsversorgung, die Kinder besuchen unentgeltlich die Schule.

Ihren Lebensunterhalt aber müssen die meisten Migranten selbst bestreiten. In Gaziantep kommt ihnen zugute, dass die Arbeitslosenquote weniger als 7 Prozent beträgt – im ganzen Land sind es mehr als 10 Prozent – und dass es eine starke Privatindustrie mit langer Tradition und großen Exporterfolgen gibt. Der Anteil an der Ausfuhr des gesamten Landes ist doppelt so hoch wie der Bevölkerungsanteil, wobei Syrien an dritter Stelle der Handelspartner rangiert.

Gaziantep ist der sechstgrößte Exportstandort des Landes, 60 der 1000 umsatzstärksten Unternehmen siedeln hier. Nirgendwo in der Türkei werden mehr Strickwaren, Plastiktüten und maschinell gefertigte Teppiche hergestellt; mit einem Anteil von fast 40 Prozent ist die Türkei der größte Teppichproduzent der Welt. Innerhalb des Landes ist die Region führend in der Gewinnung von Bulgur, Pistazien, Mehl, Teigwaren und Süßigkeiten.

„Wir haben den Syrern viel zu bieten und sie uns“, sagt Burhan Akyilmaz, Generalsekretär der Entwicklungsagentur „Seidenstraße“ in Gaziantep. „Die Gäste haben eindeutig einen positiven Einfluss auf unsere Wirtschaft.“ So hätten die Neuankömmlinge seit Beginn der Fluchtwelle 1000 neue Unternehmen eröffnet, mehr als jede andere Nation. Die örtliche Industriekammer bestätigt diese Zahlen. Die meisten der Gewerbe sind kleine Stände, Geschäfte oder Gaststätten, aber immerhin 55 der 3800 Industriebetriebe in der Kammer gehören syrischen Geschäftsleuten – Schuhherstellern etwa, Textilfabrikanten oder Maschinenbauern.

Migranten in der Türkei können seit Januar 2016 eine Arbeitserlaubnis beantragen. In Gaziantep wurden Gouverneur Yerlikaya zufolge rund 40000 dieser Gesuche genehmigt. Die Industriekammer spricht von 100000 Syrern, die auf legale oder illegale Weise einer Beschäftigung nachgingen. Aus jeder Familie dürfe eigentlich nur eine Person arbeiten, heißt es, auch sei es nicht gestattet, mehr als 10 Prozent der Stellen mit Flüchtlingen zu besetzen. „Aber es gibt viele Wege, das zu umgehen“, sagt Kammerpräsident Adil Konukoglu.

Fleißig, wissbegierig - und billig

Die Unternehmen zeigten sich sehr zufrieden mit den Ausländern. Sie seien fleißig, lernten schnell. Und sie sind billig. Eigentlich beträgt der Mindestlohn 1780 Lira im Monat (430 Euro). Einige syrische Unternehmen zahlten aber nur ein Drittel davon, weiß Konukoglu. Die Sache gehe so lange gut, wie die Fremden den Einheimischen nicht die Arbeit wegnähmen. Auch für die Staatsfinanzen und den sozialen Frieden sei es wichtig, dass die Syrer auf eigenen Füßen stünden, findet der Kammerpräsident: „Diese jungen Männer müssen morgens aufstehen und zur Arbeit gehen. Niemand will, dass sie in den Straßen herumlungern.“

Um die Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern, hat die Region mit internationaler Hilfe ein Berufsbildungszentrum eröffnet. 500 Syrer werden hier geschult, Grundschullehrer erhalten eine Ausbildung als Webdesigner, Lastwagenfahrer als Schweißer. Viele der Ankommenden haben gar keine Ausbildung, wie Konukoglu beklagt: „Die Besten ziehen nach Europa weiter, die Unqualifizierten bleiben hier.“

Ähnliches beobachtet Fatma Şahin, die Bürgermeisterin von Gaziantep. Sie ist eine der bekanntesten Politikerinnen der Regierungspartei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan; in seinem letzten Kabinett als Ministerpräsident war sie als Sozial- und Familienministerin die einzige Frau. Ursprünglich hätten sich 300 syrische Ärzte in der Stadt niedergelassen, unentbehrliche Kräfte für die Flüchtlingsbetreuung, berichtet Şahin. Inzwischen jedoch seien nur noch 30 übrig, der Rest habe sich Richtung Deutschland aufgemacht: „Die suchen sich dort die Klügsten und Reichsten aus.“

„Wir wollen niemandem zur Last fallen“

Auch auf anderen Gebieten fällt es der Stadt nicht ganz so leicht, mit den Flüchtlingen umzugehen, wie es zunächst scheint. 30.000 der 100.000 syrischen Kinder hätten bisher keinen Schulplatz gefunden, klagt die Bürgermeisterin. Insgesamt fehlten 800 Millionen Lira (195 Millionen Euro), um die Kommune für ihre Neubürger fit zu machen. Wären sie Türken, hätte Şahin 150 Millionen Lira von der Zentralregierung erhalten. „So aber müssen wir mehr oder minder allein damit klarkommen, dass unsere Stadt ungeplant um ein Viertel gewachsen ist.“ In einigen Gegenden führt der Zuzug durchaus zu Spannungen. „Ich bin aus meiner Wohnung ausgezogen, weil nebenan Syrer leben“, sagt ein leitender Angestellter aus Gaziantep. „Die sind laut, feiern die ganze Nacht und arbeiten wenig.“ Andere Einwohner beschweren sich darüber, dass die Bevölkerungsexplosion die Mieten hochgetrieben und zu übervollen Straßen, Bussen, Geschäften geführt habe.

Auch unter den Migranten in Gaziantep gibt es natürlich Zufriedene und Unzufriedene. „Wir sind ja nicht freiwillig hier, sondern aus Not, irgendwie muss man sich arrangieren“, sagt Abdulrahman Sija und wischt sich die öligen Hände ab. Der untersetzte Mann repariert und wartet die Maschinen des Unternehmens Lujeyin, das gewebte Kunststoffsäcke herstellt. „Wir wollen niemandem zur Last fallen, deswegen ist es so wichtig, dass man uns arbeiten lässt“, sagt Sija. Mit seiner Frau und vier Kindern ist er aus Aleppo geflüchtet, einer der am meisten umkämpften Städte Syriens.

Vor allem die freie medizinische Versorgung beeindruckt sie

Zunächst kam die Familie in Bursa südlich von Istanbul unter, das 1000 Kilometer von Aleppo entfernt liegt. Hingegen sind es von Gaziantep aus nur 100 Kilometer bis in die Heimat. „Hier fühlen wir uns wohl, es gab immer enge Beziehungen in diese Gegend, und es sind viele Landsleute hier“, sagt Sija. Eigentlich ist er Ingenieur, als Selbständiger hat er zu Hause fast 10.000 Dollar im Monat verdient. Jetzt sind es 2500 Lira oder 720 Dollar. Davon gehen 800 Lira für die Miete ab. All das sei in Ordnung, findet der Familienvater: „Wir haben bei null angefangen, aber wir leben noch, es geht uns gut.“

Sijas Arbeitgeber sind ebenfalls Syrer, sie kommen aus Homs und Hama. Die ehemaligen Immobilienhändler Imad Alsulaiman und Ahmad Abdo gründeten Lujeyin vor zwei Jahren. Sie beschäftigen dort ausschließlich Landsleute, mal 35 Personen, mal mehr, wie sie sagen. Die maschinell gewebten Kunststoffsäcke seien in Syrien hochbegehrt, um Getreide, Mehl, aber auch Baustoffe für den Wiederaufbau zu transportieren. Zwei Drittel der 2000 Tonnen Jahresproduktion gehen in die Heimat, verrät Ahmad Abdo: „Das Geschäft ist relativ krisensicher und saisonunabhängig.“ Die syrischen Unternehmer haben sich in ihrer neuen Umgebung leidlich eingerichtet. Sie loben, dass es in der Türkei sehr schnell gegangen sei, einen Betrieb zu eröffnen. Auch ihr Privatleben laufe gut. Imad Alsulaiman beeindruckt die freie medizinische Versorgung: „Die Behörden rufen sogar an, wenn eines unserer Kinder geimpft werden soll. So etwas kannte ich gar nicht.“

Was die beiden aber aufbringt, ist das türkische Bankwesen. Es sei ihnen nicht einmal erlaubt, ein Konto zu eröffnen, schimpft Abdo: „Die Banken behandeln uns wie Terroristen, an Kredite ist schon gar nicht zu denken.“ Die Partner haben in Gaziantep 1 Million Dollar aus privaten Rücklagen ihrer Familien und Freunde investiert. Das Geschäft läuft so gut, dass sie weitere 5 Millionen Dollar in eine Erweiterung mit neuen Maschinen stecken wollen. Da sie aber kein Geld aufnehmen dürfen, haben sie sich für einen ungewöhnlichen Weg entschieden: „Wir beantragen die türkische Staatsbürgerschaft“, sagt Abdo, „das sollte das Bankproblem lösen.“

Aussichtlos ist das Unterfangen nicht, denn die Regierung in Ankara hat angekündigt, bis zu 30.000 syrische Flüchtlinge zu Staatsbürgern zu machen – sofern sie unbescholten und gut ausgebildet sind. Auch Ausländer, die 2 Millionen Dollar in Anlageninvestitionen stecken oder 100 neue Arbeitsplätze schaffen, können Türken werden. „Dafür reicht es bei uns leider nicht“, sagt Abdo und zuckt mit den Schultern. „Aber wir haben schon so viel durchgemacht, dass wir das jetzt auch noch hinbekommen.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Geinitz - Portraitaufnahme für das Blaue Buch
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.
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