Der Balance-Akt

Heidis Hühner

Von Von Bettina Weiguny

Meine Freundin Heidi hat erstaunliche Ideen. In ihrem Wohnzimmer zum Beispiel steht ein kleiner Brunnen, der leise vor sich hin gurgelt - aus erzieherischen Gründen: Wenn die Kinder sich anschreien, weist Heidi sie sanft darauf hin, dass sie den Brunnen nun leider nicht mehr hören könne. Die beiden verstummen augenblicklich. Funktioniert hervorragend. Heidi muss nie schimpfen.

Nun hat sie sich acht Hühner gekauft. Eins-B-Ware, also Prachtexemplare mit leichten Fehlern im Gefieder, aber mit einem Europameister als Vater. Nur Hühner, kein Hahn, wegen der Nachbarn. Den Krach in der Früh braucht kein Mensch.

Auch die Hühner kommen bestens ohne Gockel klar, klärt sie mich während einer Joggingrunde auf: „Frühstückseier legen die trotzdem.“ Für Ruhe unter den gackernden Damen, eigentlich eine der Hauptaufgaben des Hahns, sorgt Heidi höchstpersönlich. Kein Problem. Ich vermute, die bekommen auch bald einen Brunnen.

Trotzdem wundert mich ihre Hühner-Passion. Auf dem Lande, ja klar. Aber in unserem Kurstädtchen? Sie, die Marketing-Expertin, als Hobby-Bäuerin? Hat sie mit Familie und Firma nicht genug um die Ohren? So ein Hühnerstall will gesäubert werden, in den Urlaub können die Chicken auch nicht mit. Warum Federvieh und keinen kuscheligen Golden Retriever?

Ganz einfach, sagt Heidi: Der Anblick zufriedener Hühner, die über eine Wiese trippeln, mache sie glücklich. Auch wenn die Wiese nass und matschig ist vom vielen Regen. So einfach ist das. Die einen macht Geld glücklich, Sport, Karriere, veganes Essen oder guter Sex. Andere steigern ihr Wohlbefinden, indem sie ihr Haus wärmedämmen, zu einer Ethikbank wechseln oder sich ein Pferd zulegen. Mich beglücken momentan frische Erdbeeren mit Milch. Das mit den Hühnern könnte ich mir auch vorstellen, ich blicke vom Schreibtisch direkt auf eine grüne, nasse Wiese. Aber ob das meinen Flow steigert? Vielleicht fange ich erst mal mit einem Zimmerbrunnen an.

Quelle: F.A.S.
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