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Der Balance-Akt

Wir lieben Fußball

Von Bettina Weiguny
 - 15:11
Wir lieben Fußball Bild: F.A.Z., F.A.S.

Was bin ich froh, dass die Bundesliga zurück ist! Endlich hat die Woche unserer Kinder eine Struktur, endlich hat ihr Leben wieder einen Sinn.

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Gut, ich persönlich brauche samstags das emotionale Auf und Ab nicht. Mir würde ein gelegentliches Elfmeterschießen reichen. Aber den lieben Kleinen zuliebe schaue ich natürlich mit. Und ich muss sagen: Allein wegen der Bonmots lohnt es sich! Schon am ersten Spieltag waren die Experten in Top-Form. Allen voran stürmte Lothar Matthäus, ein Altmeister der Wortakrobatik, als er in einer Diskussion um einen Elfmeter meinte: „Wäre, wäre, Fahrradkette. So ähnlich. Wie auch immer.“ Das schafft nicht mal Neu-Kabarettist Peer Steinbrück, der das Copyright auf „Hätte, hätte, Fahrradkette“ für sich beansprucht.

In meinen Ohren fremd klingt dagegen „der Assist“. Fußballfans mögen es mir nachsehen, aber diese sperrige Konstruktion („Der Assist kam von . . .“ oder „Den Assist gab“) ist mir bislang entgangen. Auch Nina und Hannes haben ratlos den Kopf geschüttelt. Und die kennen sich aus, mit Neymars 222-Millionen-Transfer zum Beispiel bis ins Detail – im Gegensatz zu mir. Dabei hat der Brasilianer gleich im ersten Spiel Tor und Assist geliefert. „Das muss man wissen, Mama“, rügt Hannes.

Also merke ich mir: Die gute alte „Vorlage“ hat sich sprachlich zum „Assist“ gemausert. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis unsere Wirtschaftsbosse, bevor sie ein Podium betreten, von ihrer Sekretärin einen Powerpoint-Assist zur digitalen Transformation einfordern. Ein Assist der Assistentin ist das dann, denn die süße kleine „Sekretärin“ von einst ist längst zur „Assistentin“ aufgestiegen und bereits auf dem Weg zur „Leada“. Leada sagt Ihnen nichts? Im neuen Büro-Handbuch von Katharina Münk habe ich gelernt, dass „Leada“ der neuste Schrei im Büro ist, die „Digital Leadership Assistance“. Leada ist immer dabei, immer fit. Sie weiß alles, auch die Wetter- und Staulage in Pjöngjang, kann alles, sogar den Stresslevel des Chefs an Gesichtsausdruck und Tonlage ablesen. Sie beherrscht alle Sprachen, sämtliche E-Mail-Verteiler, baut die hübschesten Powerpoints, meckert nie, braucht keinen Schlaf. Und wenn der Chef „stopp“ sagt, dann ist sie still. Sofort.

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Ein Traum, oder? Ich weiß nicht, vielleicht ist mir eine echte Sekretärin mit Ecken und Kanten doch lieber. Oder wie der Fußballexperte sagen würde: „Es klingt nicht alles so schwarz-weiß, wie es gemalt wird.“

Quelle: F.A.S.
Bettina Weiguny
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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