Algorithmen über Bücher

Der Bestseller-Code

Von Marc Felix Serrao
 - 16:36
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Edinburgh, 1996. Zwölf Verlage haben das Romandebüt der alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerin bereits abgelehnt, doch sie gibt nicht auf. Irgendwann erbarmt sich doch noch einer. Startauflage: 500 Exemplare.

Was die Geschichte bemerkenswert macht, ist weniger die Fähigkeit der Autorin, Absagen zu ignorieren. Es ist das Fehlurteil der Verlage. Die Frau heißt Joanne K. Rowling. Ihr Buch „Harry Potter und der Stein der Weisen“ wurde der Start einer der erfolgreichsten Fantasy-Reihen aller Zeiten. Das Vermögen der 51-Jährigen wird auf 600 bis 800 Millionen Pfund geschätzt.

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Eher Hunde als Katzen, mehr Gefühle als Sex und am besten Konflikte: So schreibt man einen Bestseller.
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Bestsellercode für Bestseller: Ein Buch darüber, wie man erfolgreich Bücher schreibt.

Rowlings viele Absagen werfen Fragen auf. Und nicht nur ihre. John Grisham („Die Firma“) wurde mindestens 16 Mal abgelehnt, William Golding („Herr der Fliegen“) sogar 21 Mal. Wie viele junge Rowlings, Grishams und Goldings sind da draußen unterwegs – und geben irgendwann auf? Wie viele Milliarden rauschen an den Verlagsunternehmen vorbei, weil sie kommerzielle Potentiale übersehen? Lässt sich das verhindern? Und aus Sicht der Autoren: Gibt es ein Rezept, um mehr Bücher zu verkaufen? Zumindest auf die dritte und vierte Frage könnte es nun eine Antwort geben.

Eine Maschine spuckt den kommenden Bestseller aus

Eine Britin und ein Amerikaner haben herausgefunden, was all die vielverkauften Bücher gemeinsam haben. „The Bestseller Code“ lautet der Titel des bisher nur auf Englisch erhältlichen Werks von Jodie Archer und Matthew L. Jockers. Unterzeile: „Was wäre, wenn eine Maschine den nächsten Blockbuster-Roman entdeckte?“ Ja, was?

Zur Vorbereitung dieses Artikels gab es eine kleine Twitterumfrage, in der die Frage wiederholt wurde: „Glauben Sie, dass ein Computer erkennen kann, ob ein Buch ein kommerzieller Erfolg wird?“ 306 Nutzer nahmen teil. Weniger als die Hälfte meinte: „Warum nicht?“ 21 Prozent wählten die Antwort „Vielleicht in zehn Jahren“, und 33 Prozent waren sicher: „Nein, niemals.“

Als deutscher Leser, zumal während der Frankfurter Buchmesse, kann man die Skepsis verstehen. Maschinen können Supermarktkassierer und Banker ersetzen, denkt man. Aber wo, wenn nicht in der Buchproduktion, ist das kreative, nicht programmierbare Genie des Menschen gefragt?

Die Frage klingt gut. Irgendwie nobel. Allerdings sind die beiden Code-Knacker selbst vom Fach. Jodie Archer war Lektorin für den Penguin-Verlag, ehe sie in Stanford über Bestseller promovierte. Matthew Jockers ist Englischprofessor an der Universität von Nebraska-Lincoln und Leiter des dortigen „Data Mining“-Labors. Knapp 5000 Romane aus 30 Jahren haben die beiden durch ihr Analyseprogramm gejagt und für jedes Werk die Wahrscheinlichkeit errechnet, in der „New York Times Bestseller List“ zu landen. Das bekannteste Buch-Ranking der Welt zeigt jede Woche die bestverkauften Romane (und Sachbücher) Amerikas. Die angegebene Trefferquote des Computers ist imposant: 80 Prozent. Das heißt, das Programm hat einen Text, der auf der Liste stand, in acht von zehn Fällen richtig als „Bestseller“ entschlüsselt – und umgekehrt einen Text, der dort nie auftauchte, als „Nicht-Bestseller“ erkannt.

Wenn einer der Verlage, die J.K. Rowling rausgeworfen haben, damals schon diese Software gehabt hätte, dann wäre vermutlich anders entschieden – oder noch mal gründlicher gelesen worden.

Leser lieben Konflikte und Kontinuität

Das Programm analysiert nur die Romantexte, und das mit Hilfe von fast 3000 „Datenpunkten“. Erfasst werden Themen, Strukturen und Figuren, Satzbau, Verben und Artikel. Die Bekanntheit der Autoren oder der Marketingaufwand der Verlage ist unwichtig, genau wie die literarische Qualität. Es geht nur um den wirtschaftlichen Erfolg. Die Frage lautet: Was sind die Gemeinsamkeiten der Kassenschlager? Im Falle der „New York Times Bestseller List“ und des riesigen Marktes, den diese widerspiegelt, ist „bestverkauft“ wörtlich zu verstehen. Von den lebenden Schriftstellern, die im Buch auftauchen, ist keiner mehr auf Stipendien und Preise angewiesen, die in einer deutschen Großstadt vielleicht für drei Monate die Miete decken. Die meisten dieser Leute haben so viel Geld, dass sie sich in jeder deutschen Großstadt jeweils drei Wohnungen kaufen könnten.

Also dann: Was haben J.K. Rowling, John Grisham, Stephen King, Danielle Steel, Dan Brown, E. L. James und die anderen Schreibmillionäre gemeinsam?

Da ist als Erstes der Fokus. Während erfolglose Autoren oft in einem Meer an Themen ertrinken, wählen Bestsellerautoren von 500 zur Verfügung stehenden Themen fast immer nur zwei, drei aus, die dann den Text dominieren. Eines davon steht in der Regel im Konflikt mit den anderen, etwa Liebe und Familie versus Krieg oder Krankheit. Leser lieben Konflikte, lehrt der Code, auch blutige. Das Genre ist eher nachrangig.

Bei Autoren mit erfolgreicher Fließbandproduktion, Grisham etwa oder Steel, sind die Themen zudem über Jahrzehnte stabil. Ziemlich genau ein Drittel aller Absätze, die Grisham je geschrieben hat, befasst sich der Datenanalyse zufolge mit dem Rechtssystem. Sein zweites Großthema ist Mannschaftssport. Bei Steel („Herzstürme“) ist es das von Schicksalsschlägen bedrohte „häusliche Leben“, gefolgt vom Angstthema „Krankenhaus“. Beide Beispiele illustrieren einen weiteren Befund: Bestsellerautoren schreiben über Dinge, die sie kennen. Grisham ist Jurist und Baseballfan, Steel ist eine fünfmal verheiratete Mutter von neun Kindern.

Philosophie und Politische Revolutionen? Ganz schlecht

Matthew Jockers gibt am Telefon zu, dass dieser Teil der Analyse keine Riesenüberraschung ist. Aber darum gehe es auch nicht. „Wenn wir es geschafft haben, die Intuition mit empirischen Methoden zu verifizieren, ist das doch toll.“ Ein Computer verstehe keine Texte, er finde Muster, das aber blitzschnell und mit bis vor kurzem noch unmöglicher Präzision. Jodie Archer ergänzt, dass das insgesamt am häufigsten gewählte Bestsellerthema zudem keiner erahnt habe: „menschliche Nähe“. Sie lacht. „Im Nachhinein sagen viele, das sei offensichtlich. Aber gewusst hat’s keiner.“

Mit „menschlicher Nähe“ sind Passagen gemeint, in denen Figuren ihr emotionales Verhältnis zueinander thematisieren. Beispiel „Fifty Shades of Grey“. Das mehr als 125 Millionen Mal verkaufte und Literaturexperten bis heute fassungslos machende Debüt der Britin E. L. James sei ganz auf die Themen Nähe (21 Prozent) und „intime Konversation“ (13 Prozent) konzentriert. Und der vielzitierte Fessel-Sex zwischen der Studentin Ana und ihrem Milliardär? Nebensache.

Überhaupt Sex. Lieber weglassen. Sex spielt doppelt so häufig in Büchern eine Rolle, die keine Bestseller sind. Rechnerisch gesehen, sind auch Monster, politische Revolutionen und Philosophisches wenig aussichtsreich. Das Publikum, mit dem in diesem Fall das amerikanische gemeint ist, will dem Code zufolge „mehr oder weniger über sich selbst lesen“. Erfolgversprechende Themen sind Heirat, Tod und Steuern, dazu Waffen, Schulen, Beerdigungen, Präsidenten, Kinder, Mütter und neue Technologien, Letztere am besten „leicht bedrohlich“. Also lieber Google statt Zeitreise.

Die weiteren Befunde seien aus Platzgründen nur knapp erwähnt: Heldinnen gehen heute sehr gut, vor allem seit Welterfolgen wie Stieg Larssons „Millennium“-Reihe oder Gillian Flynns „Gone Girl“, und sie dürfen düster sein. Für den kommerziellen Erfolg ist außerdem Alltagssprache „essentiell“. Bloß keine Buchpreis-Prosa. Akademische Literaturkenntnisse sind okay, aber viel besser sind Erfahrungen in Werbung und Journalismus. Was noch? Brauchen, wollen, vermissen und lieben sind Bestsellerverben. Fragezeichen helfen. Ausrufezeichen nicht. Und Hunde sind besser als Katzen.

Symmetrische Spannungsbögen

Gelten diese Lehren überall? Archer meint, dass zumindest die europäischen Leser mit den Amerikanern vergleichbar sind: „Einige Themen mögen anders sein, aber alles in allem glaube ich, dass der Code hier funktioniert.“

Ein Kapitel, das weltweit anwendbar sein dürfte, handelt von „perfekten Kurven“. Gemeint ist der Aufbau von Bestsellern. Drei klassische Akte sind optimal, lernt man. Leser lieben eine einfache, wiedererkennbare Ordnung, egal ob im Krankenhaus mit Danielle Steel oder im roten Bondage-Zimmer mit E. L. James.

Das Kurven-Kapitel präsentiert auch einen weiteren Grund für den Erfolg der angeblich so talentfreien Schmuddelautorin James. Die Spannungsbögen in ihren „Fifty Shades“, die das Seelenleben der Protagonistin zwischen emotionalen Hochs und Tiefs hin und her jagen, sind „fast symmetrisch, perfekt rhythmisch und mit einer Amplitude und Frequenz, die den Konflikt hoch- und die Leser in permanenter Spannung halten“. Die Reaktionen des Publikums sind auf jeden Fall bemerkenswert. Jockers und Archer zitieren Frauen, die von Hitzewallungen, vergessenen Mahlzeiten und Heulkrämpfen berichten. Viele geben an, das Buch intellektuell verachtet zu haben, aber außerstande gewesen zu sein, es wegzulegen. So etwas muss ein Buch erst mal schaffen. Der einzige andere von Archer und Jockers untersuchte Roman, der einen so perfekten „Beat“ hat, ist Dan Browns „Da Vinci Code“. Wer die Verschwörungsschnitzeljagd kennt, wird sich erinnern, wie schwer einem das Weglegen trotz der hanebüchenen Story fiel. Verkaufte Auflage: 80 Millionen.

Das ist Archers und Jockers’ Leistung. Ihr Buch zeigt, dass in kommerziellen Erfolgsromanen mehr steckt, als viele meinen. Es legt Gemeinsamkeiten frei. Es zeigt die Kompositionskunst, die auch unter angeblichem „Schund“ schlummern kann. Egal, was die Rezensenten sagen: Von E. L. James und Dan Brown kann jeder Autor etwas lernen. Ob es funktioniert? In Amerika wird der „Bestseller Code“ schon in den ersten Creative-Writing-Studiengängen eingesetzt.

Quelle: F.A.S.
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