Bio-Lebensmittel

Ökobauern in Not

Von Winand von Petersdorff
 - 10:22

In den letzten 20 Jahren blühte der Ökolandbau wie ein gut gedüngtes Rapsfeld im Mai. Biobauern verdienten im Schnitt mehr Geld als konventionelle Kollegen, sie kassierten mehr Subventionen, und die Supermärkte, Händler und Mühlen rissen ihnen die Ware aus den schwieligen Händen. Die Leute liebten ihre Biobauern, die Politik hofierte sie deshalb und versah sie mit einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag: Sie sollten 20 Prozent der deutschen Landwirtschaft okkupieren, auf dass Deutschland nachhaltig werde.

Was angesichts solch fruchtbarer Bedingungen geschah, war geradezu zwingend. Die Ökolandwirtschaft wuchs. Tausende Landwirte stellten ihre Bauernhöfe um. 2012 bewirtschafteten 23000 Biobauernhöfe – das entspricht 8 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe Deutschlands – ihre Flächen nach den Grundsätzen des ökologischen Landbaus: ohne Pestizide, ohne Kunstdünger, mehr Raum für Nutztiere und vieles Weitere.

Die Umsätze haben sich in zehn Jahren verdoppelt

Die Leute finden das gut und konsumieren. Der Handel mit Bioware in Deutschland geht wie geschnitten Brot. Der Umsatz mit Ökolebensmitteln hat sich binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt auf mehr als sieben Milliarden Euro im Jahr, der Hunger auf Öko ist längst nicht gestillt. 10000 zusätzliche Biobauernhöfe zu den 23.000 brauchte es, um die Nachfrage hierzulande decken zu können, hat der Bund der Ökologischen Lebensmittelwirtschaft ausgerechnet. Bioland-Präsident Jan Plagge sagt: „Das ist eine traumhafte Ausgangslage.“ Eigentlich.

Doch stattdessen herrscht Stagnation auf weiter Flur. In einigen Regionen Deutschlands geben inzwischen mehr Biobauern den Betrieb auf als neue hinzukommen, im Agrarland Niedersachsen schrumpft die bewirtschaftete Fläche der Biobauern. „Der deutsche Ökolandbau droht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden“, warnt Ulrich Köpke, Leiter des Instituts Organischer Landbau an der Universität Bonn.

Nächstes Jahr, wenn sich bestimmte behördliche Bedingungen in der Tierhaltung verändern, könnte zum ersten Mal der Ökolandbau in ganz Deutschland schrumpfen. „Die Lage ist paradox“, sagt Agrarforscher Jürn Sanders. Eine Zahl beunruhigt die Zunft. Rund 6000 Ökobauern sind in den letzten zehn Jahren ausgestiegen. Ein Teil wurde zu sogenannten Rückumstellern. Das sind die Landwirte, die in Phase eins den Hof konventionell geführt haben, ihre Felder mit Kunstdünger und Pestiziden bearbeitet haben. In Phase zwei unterwarfen sie sich in der Betriebsführung den Regeln einer der anerkannten Bioanbau-Organisationen (zum Beispiel Demeter, Bioland oder Naturland) oder wenigstens den abgeschwächten Regeln des europäischen Biosiegels. In Phase drei kehren sie entmutigt zur konventionellen Landwirtschaft zurück.

Die Rolle der Energiewende

Die wichtigste Ursache für die wachsende Zahl entmutigter Ökobauern ist verrückterweise ein anderes großes Ökoprojekt der deutschen Politik: die Energiewende. Sie steht im Konflikt mit der Agrarwende, vor allem ein spezielles Programm: die Förderung von Biogasanlagen. Sie hat eine ganz eigene Erfolgsgeschichte nach sich gezogen. Im Jahre 1990 standen gerade 100 Biogasanlagen in Deutschland, im Jahr 2000 waren es schon 1000, heute sind es grob 8000, die meisten davon auf konventionellen Bauernhöfen. Gefüttert werden die allermeisten Anlagen mit Mais, der in riesigen Bottichen von Mikroben in Gas umgewandelt wird. Rund um die Anlagen wird deshalb Mais angebaut. Allein in Niedersachsen hat sich der Maisanbau seit 2004 verdoppelt. Auf jedem dritten Hektar Ackerfläche des Agrarlandes steht inzwischen Mais.

Die Pflanze ist der Prototyp der intensiven Landwirtschaft, verlangt viel Stickstoffdünger, macht anderen Pflanzen und Tieren (außer Wildschweinen) das Leben schwer und begünstigt Bodenerosion. Deshalb ist Mais ohnehin schon so etwas wie die Hasspflanze der Ökobauern. Nun haben sie einen weiteren Grund, ihn zu verabscheuen: Er drängt auf ihre Äcker.

Die Biogasbauern verdrängen die Biobauern, indem sie Pachtpreise bieten, bei denen die Ökos nicht mehr mithalten können. Die Vertreibung ist im Gange, überall im Land verlieren Biobauern an Boden.

Die Verdrängung folgt einem kalten Kalkül: Wer Bioweizen anbaut, kann sich bestenfalls eine Pacht zwischen 300 und 500 Euro pro Hektar (10000 Quadratmeter) und Jahr leisten, rechnet Jan Plagge, Präsident des Anbauverbandes Bioland, vor. Konventionelle Bauern böten 800 Euro und mehr für günstig zu ihren Anlagen gelegene Stücke. Selbst die Tatsache, dass die Bundesregierung die Förderung der Biogasproduktion deckelt, ist kein Trost für die Ökobauern. Denn die Förderzusagen gelten in der Regel für 20 Jahre.

Die neue Generation Ökobauern tickt anders

Noch etwas Grundsätzliches hat sich verschoben in der deutschen Agrarwirtschaft. Die konventionelle Landwirtschaft verdient seit einigen Jahren wieder gutes Geld. Die Preise für Getreide und Fleisch steigen, und die Tierhaltung ist deutlich effizienter und lukrativer geworden. Damit ist der finanzielle Vorteil des Ökolandbaus geschrumpft und zum Teil verschwunden. „Der größte Feind der Biolandwirtschaft sind gute Preise für konventionelles Getreide“, sagt Hermann Schulten-Baumer, ein Kartoffelbauer aus Mülheim an der Ruhr, der zur konventionellen Landwirtschaft zurückgekehrt ist.

Diese neue Entwicklung trifft auf Biobauern, die sich selbst in ihrem Selbstverständnis gewandelt haben. Die Männer und Frauen der ersten Generation waren vor allem idealistisch motiviert. Sie wollten mit naturschonenden und tiergerechten Methoden gesunde Lebensmittel erzeugen. Die „Generation Kambodscha-Fluchtlatschen“ nennt sie ein junger Biobauer etwas abfällig. Sie haben vor allem die strengen Anbaubedingungen solcher Verbände wie Demeter bestimmt und waren eher bereit, Dürrezeiten auszuhalten.

Die neue Generation sind die ideologiefreien Pragmatiker. Sie sind oft gut ausgebildet worden an Fachhochschulen und Universitäten und haben kühl rechnen gelernt. Auch dank hoher Subventionen war das Ergebnis oft, dass Ökolandbau für sie lohnt. Diese Gruppe wird empfindlich, wenn die konventionelle Konkurrenz wirtschaftlich davonzieht. Sie verliert auch schnell die Toleranz mit ihren Anbauverbänden, wenn diese es nicht schaffen, ihr Getreide in guten Mengen zu guten Preisen abzusetzen.

Und sie sehen neues Unheil auf sich zukommen: die ausländische Konkurrenz. Seit Jahren steigt der Anteil der in Deutschland vermarkteten Bioware aus dem Ausland. Die Importe beschränken sich nicht auf tropische Früchte und exotische Gemüsesorten. Selbst Ackerfrüchte, die in Deutschland ihren Traditionsstandort haben, werden zum Teil importiert. „Ich ärgere mich, dass hier immer noch Ökokartoffeln aus Ägypten verkauft werden statt aus Deutschland“, sagt Jan Plagge. „Unsere haben eine viel bessere Klima- und Wasserbilanz als die aus dem Wüstensand.“

Immer mehr kommt aus dem Ausland

Aber so einfach ist das nicht: Die Supermarktkette Alnatura kauft für einige Wochen im Jahr in Ägypten bei einem Bauern, der nach den strengen Richtlinien des Demeter-Verbandes wirtschaftet und 2003 für sein Engagement den Alternativen Nobelpreis bekommen hat. Soll sie den Mann auslisten?

Größere Gefahr noch wächst im Osten Europas. Polen hat seine Agrarflächen im Ökolandbau binnen zehn Jahren versechsfacht auf rund 600.000 Hektar (Deutschland bewirtschaftet 1 Million Hektar) und zielt eindeutig auf den größten Markt in Europa: Deutschland. Das Baltikum hat seine Ökoanbaufläche binnen einer Dekade verdreifacht. In Kasachstan blüht der Weizen für deutsche Ökomühlen, Litauen hat sich auf Erbsen für Deutschland spezialisiert.

„Diese Situation wird sich bei zahlreichen Produkten durch Importe aus Übersee verschärfen“, heißt es in einer Studie der Universität Bonn für die Grünen: „Erkennbar sind entsprechende Entwicklungen in Argentinien, Äthiopien, Australien, Brasilien, China, Indien und Peru. Diese Länder haben sich auf den deutschen Markt ausgerichtet“, schreiben die Autoren. Ihre eigenen Heimatmärkte würden dagegen nicht für die Aufnahme von Bioware entwickelt.

Die Entwicklung schlägt sich in den Zahlen nieder: Der Importanteil beim Getreide steigt, meldet der Agrarmarkt-Informationsdienst in einer frischen Studie, der Anteil bei Bioweizen liegt bei 25 Prozent. Auch bei Produkten aus der Molkerei oder bei Schweinefleisch sind ausländische Erzeuger erfolgreich.

Kritik an den Kunden

Sie gewinnen, weil sie oft billiger sind als hiesige Ökobauern. Spätestens seit Aldi und Lidl Bioware in ihre Regale aufgenommen haben, ist der Preiskampf entbrannt. „Ich habe Öko aufgegeben, als die Discounter Kartoffeln ins Sortiment genommen haben“, sagt Bauer Schulten-Baumer. Der Preis-Wettbewerb mit dem Ausland könnte sogar noch schwerer werden, vor allem für die handarbeitsintensiven Gemüse- und Obsthöfe, wenn der Mindestlohn ausnahmslos exekutiert wird.

Eine Biobäuerin macht in einem Internet-Forum eine ganz eigene Rechnung auf. Sie ist weniger von der Politik als von den Kunden enttäuscht, die den wirklich nötigen Preis für regionale Bioprodukte nicht zu bezahlen bereit sind: „Wir sind als Biobetrieb von Zuschüssen abhängig, etwa dreimal so hoch wie bei konventionellen Bauern. Damit subventionieren wir dann über billige Lebensmittel das gute Gewissen unserer reichen Kunden, die mit dicken SUVs bei uns vorfahren und im Hofladen einkaufen.“

Quelle: F.A.S.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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