F.A.Z. exklusiv

Studie: Harter Brexit kostet Unternehmen 70 Milliarden Euro

Von Marcus Theurer, London
 - 21:07

Die deutsche Wirtschaft wirbt für eine umfassende Zollunion zwischen Großbritannien und der EU nach dem Brexit. Ein bloßes Freihandelsabkommen, wie es bisher von Brüssel und London angestrebt wird, sei für die Unternehmen zu wenig, sagte Joachim Lang, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), der F.A.Z. „Aus politischer Sicht ist ein Handelsabkommen zwar deutlich realistischer“, sagte Lang. „Den Gedanken einer Zollunion sollte man aber nicht einfach verwerfen. Denn aus wirtschaftlicher Sicht ist ein Freihandelsvertrag nicht weitreichend genug“, appellierte Lang an die EU-Kommission und die britische Regierung. Auch die Confederation of British Industry (CBI), der führende Unternehmensverband in Großbritannien, fordert eine Zollunion nach dem Brexit.

Drohende Handelsbarrieren sind zuletzt immer stärker ins Zentrum der Debatte um den Brexit gerückt. Bisher sind die Briten Teil der EU-Zollunion. Sie sorgt für zollfreien Handel zwischen den Mitgliedsländern und verringert kostenträchtige Grenzformalitäten. Notwendiger Bestandteil einer Zollunion sind jedoch einheitliche Außenzölle gegenüber Staaten, die dem Handelsblock nicht angehören. Die britische Premierministerin Theresa May hat angekündigt, ihr Land wolle nach dem Brexit handelspolitisch unabhängig sein und deshalb kein Zollbündnis mehr mit der EU. Stattdessen strebt May ein umfassendes Freihandelsabkommen mit dem Staatenbund an. Dieses wäre aber kein vollwertiger Ersatz für eine Zollunion.

Wie viel beim EU-Austritt wirtschaftlich auf dem Spiel steht, zeigt eine neue Studie: Falls es zu einem „harten“ Brexit komme, drohten den Unternehmen in der EU und in Großbritannien unmittelbare Zusatzkosten von insgesamt 69 Milliarden Euro im Jahr durch Zölle und neue regulatorische Handelshemmnisse, heißt es in dem Papier des Beratungshauses Oliver Wyman und der Anwaltskanzlei Clifford Chance, das der F.A.Z. vorliegt. Zum Vergleich: Dies wären rund 15 Prozent des gesamten Güterhandels zwischen der EU und Großbritannien. Mit 37 Milliarden Euro jährlich wären die Kosten für die EU-Unternehmen höher als für Großbritanniens Wirtschaft, die mit 32 Milliarden Euro belastet würde. Relativ betrachtet wäre der Schaden allerdings für die EU-Seite niedriger, weil sich diese auf 27 Einzelstaaten verteilt.

Die Experten erwarten, dass deutsche Unternehmen zusätzliche Kosten von neun Milliarden Euro jährlich schultern müssten, wenn der harte Brexit kommen sollte – womit gemeint ist, dass der Handel mit Großbritannien in Zukunft allein auf Basis der Regeln der Welthandelsorganisation WTO abgewickelt werden muss. Dies wäre der Fall, wenn sich Brüssel und London nicht auf ein Freihandelsabkommen verständigen könnten. 80 Prozent dieser Kosten entfielen in Deutschland auf lediglich fünf Branchen: den Automobilbau, die Chemie, den Maschinenbau, die Lebensmittel- und die Konsumgüterindustrie. Regional betrachtet würde ein harter Brexit vor allem die Wirtschaft in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen treffen, sagen die Handelsfachleute.

Durch eine Zollunion könnte dagegen der Brexit-Schaden der Unternehmen im Außenhandel stark verringert werden, geben Oliver Wyman und Clifford Chance zu bedenken: Auf Seiten der EU würden die Kosten für den Handel im Vergleich zum WTO-Szenario mehr als halbiert. Die britische Wirtschaft hätte zwar auch Kostenvorteile durch eine Zollunion, doch wären diese geringer, weil die EU mehr Güter nach Großbritannien exportiere als umgekehrt die Briten in die EU, bilanzieren die Autoren der Studie.

Der Zeitdruck ist enorm groß

Die deutsche Wirtschaft kritisiert, dass sich Großbritannien und die EU zu viel Zeit ließen mit der Klärung wichtiger Fragen, die der Brexit aufwerfe. „Die Verhandlungen sind bisher enttäuschend verlaufen“, sagte der BDI-Hauptgeschäftsführer Lang. „Zum jetzigen Zeitpunkt müssten eigentlich viel klarere Vorstellungen auf dem Tisch liegen, wie es nach dem Brexit weitergeht.“ Rund die Hälfte der zweijährigen Austrittsfrist ist bereits verstrichen: Großbritannien wird die EU voraussichtlich Ende März 2019 verlassen. „Der Zeitdruck ist enorm groß“, mahnte Lang.

Der BDI warnt zugleich, dass die von London und Brüssel angestrebte Übergangsfrist nach dem Brexit-Termin nicht ausreiche. Die EU will, dass die Übergangsphase nur bis Ende 2020 geht. Bis dahin soll ein Handelsabkommen mit den Briten vereinbart werden, das die künftigen Spielregeln für Exporteure und Importeure regelt. Während der Übergangsphase sollen die bisherigen Regeln möglichst unverändert weitergelten. Großbritannien wäre also trotz Brexit weiter Mitglied im EU-Handelsblock.

„Rein wirtschaftlich betrachtet ist die derzeit vorgesehene Übergangsfrist zu kurz“, sagt dagegen der BDI-Mann Lang zu dem Zeitplan. „In dieser kurzen Zeitspanne muss man sich ja nicht nur auf ein Freihandelsabkommen einigen. Die Wirtschaft muss auch genügend Vorlaufzeit bekommen, um dieses rechtzeitig zu implementieren.“

Quelle: FAZ.NET
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBrexitGroßbritannienBDIBrüsselLondonClifford ChanceTheresa MayFreihandelsabkommen