Cebit 2018

Wir sind die Borg, Widerstand ist zwecklos!

Von Alexander Armbruster
 - 11:34

Widerstand ist zwecklos. Der schlimmste Feind, den die friedfertige Föderation mit der Erde als Mittelpunkt im Star-Trek-Universum hat, rast in gruseligen Kuben durchs All. Schwarz, düster, leblos sehen die gewaltigen Raumschiffe aus, ihre bedrohlich beklemmenden Besatzungen bieten ein verstörendes Bild: Kybernetische Biomassen, Menschen, die mit Maschinen verschmolzen sind. Graublasse Haut, auf der sich dunkle Adern entlangziehen, Sensoren, schwarze Exo-Skelette, ein künstliches Auge, Kabel führen in die Köpfe hinein und wieder heraus. Kabel und Sensoren, über die jeder Borg mit jedem anderen verbunden ist, ein künstliches Kollektiv, in dem jeder zeitgleich all das mitbekommt, was jedem passiert, sofort reagieren kann, hochtechnisiert. Erschreckend. Und überlegen, als das Raumschiff Enterprise sich ihnen entgegen stellt, zumindest zuerst einmal. Statt einer höflichen Grußformel teilen die Borg darum auch jeder neuen Spezies, die sie treffen, mit Maschinenstimme bloß mit: „Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos.“

Zurück aus dem 24. Jahrhundert in unsere Zeit – ohne Überlichtgeschwindigkeit, weite Weltraumreisen, Teleportation: Eine künstliche Superintelligenz, die dem menschlichen Gehirn überlegen wäre, die gibt es nicht. Fachleute wissen bislang nicht einmal einen ganz genauen, planbaren Weg zu einer solch weitreichenden Erfindung. Entsprechende Diskussionen schießen gleichwohl ins Kraut, an Mahnungen mangelt es nicht, sich vielleicht heute schon damit auseinanderzusetzen und vorzubereiten. Das Stichwort lautet „Singularität“, ein echt einschneidendes Ereignis.

Die Schwierigkeit an dieser hochspekulativen Debatte ist vor allem: Sie lässt sich nicht wirklich sinnvoll führen. Was wäre denn, wenn es so einen Supercomputer gäbe? Wie wäre sein Verhältnis zu Menschen? So wie zwischen Menschen und Menschenaffen? Würde ein Supercomputer nach Macht streben, Reichtum, danach, sich zu vermehren, Menschen und Tiere zu verdrängen? Philosophisch stecken durchaus spannende Gedankenexperimente dahinter, gerade auch, weil sie dem Menschen ermöglichen, über sich selbst nachzudenken, was er ganz gerne tut.

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Künstliche IntelligenzWo steht Deutschland?

Chinas Sputnik-Moment

Derzeit viel wichtiger ist allerdings jene Diskussion über Künstliche Intelligenz (KI), die sich mit den ziemlich gut absehbaren Folgen immer schlauerer Computerprogramme beschäftigt. Mit den Fortschritten der derzeit angesagten KI-Methoden, für die Begriffe wie „Deep Learning“, künstliche neuronale Netze, maschinelles Lernen stehen. Das ist auch einer der Schwerpunkte der IT-Messe Cebit, die an diesem Montag in Hannover beginnt.

In den vergangenen Jahren sind Computerprogramme deutlich besser darin geworden, Bilder zuzuordnen, gesprochene und geschriebene Sprache zu verarbeiten, Muster zu erkennen. Große Unternehmen geben gewaltige Summen aus für Rechenleistung und heuern Talente rund um den Globus an. Am bekanntesten sind Tech-Konzerne wie Alphabet (Google), Facebook, Amazon, Apple oder ihre chinesischen Wettstreiter Alibaba, Baidu und Tencent. Autohersteller arbeiten an autonomen Fahrzeugen, Hedgefonds am autonomen Anleger, Genetiker an neuen datengestützten Therapieformen, die Industrie an der autonomen Fabrik.

Im Schatten der Öffentlichkeit tüfteln unzählige Start-up-Unternehmer an cleveren Programmen, sehr speziellen Anwendungen und können dabei auf zwei Dinge hoffen: dass sie mit ihrer Idee ganz allein ganz groß werden oder dass ein Konzern sie so toll findet, dass er eine üppige Summe für eine Übernahme auf den Tisch legt. So geschah es zum Beispiel vor einigen Jahren mit einer bis dahin unbekannten britischen KI-Unternehmung namens Deepmind, die mittlerweile zu Alphabet gehört und mit Computerprogrammen beachtliche Erfolge erzielt. Für ihren Eigentümer ganz praktisch, erdachten ihre Mitarbeiter ein Programm, mit dessen Hilfe sich der Stromverbrauch der wichtigen Serverzentren merklich verringern ließ. Außerdem gewinnt mittlerweile Alpha-Zero benannte Software regelmäßig spannende Spiele gegen die besten menschlichen Spieler – Schach und vor allem das traditionsreiche chinesische Brettspiele Go, das ungleich schwerer zu berechnen ist; die Zahl der legalen Spielpositionen ist so groß wie die Zahl der Atome im bekannten Universum.

Für China, zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, waren gerade die Go-Erfolge so etwas wie der eigene „Sputnik-Moment“. Diese historische Analogie bezieht sich auf das Jahr 1957, als die Sowjetunion einen Satelliten ins All brachte (Sputnik 1), was die Vereinigten Staaten als großen Konkurrenten unvorbereitet traf – und das Apollo-Programm und damit einen Wettlauf um die erste Landung auf dem Mond auslöste. Die kommunistische Führung in Peking hat vergangenen Sommer eine nationale KI-Strategie vorgelegt, die aus dem Reich der Mitte bis 2030 die führende KI-Nation der Erde machen soll. Spätestens seither ist das Thema in der Politik angekommen. Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten erhöhen ihre Anstrengungen, um in dieser Schlüsseltechnologie nicht den Anschluss zu verlieren. Gerade hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem Spitzentreffen ins Kanzleramt geladen darüber.

Der „Brain Drain“ findet statt

Deutschland muss nach einhelliger Auffassung erheblich mehr tun, entweder allein oder mit anderen europäischen Ländern. „Wir sitzen zwischen zwei Riesen, die daran arbeiten mit großem Einsatz“, sagte jüngst Fabian Westerheide auf der Berliner Konferenz „Rise of AI“. Er ist Unternehmer und Wagniskapitalgeber und hat gemeinsam mit Mitarbeitern der Unternehmensberatung Roland Berger gerade KI-Unternehmen auf der ganzen Welt gezählt mit aus deutscher Sicht durchaus alarmierendem Ergebnis: 40 Prozent der relevanten Spieler sitzen derzeit in den Vereinigten Staaten, jeweils 11 Prozent in China und Israel, deutlich dahinter folgten in Europa erst Großbritannien und anschließend Deutschland und Frankreich. „Sollen unsere Autos und Häuser in Amerika oder China programmiert werden?“, fragte Westerheide und führt auch aus, wieso das aus seiner Sicht ein Problem sein kann: „Unsere Werte werden nur repräsentiert werden in unserer Software, wenn wir das selbst machen.“

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Künstliche IntelligenzWas macht Amerika besser?

Alarm schlagen auch europäische Forscher. „Der Brain Drain findet statt: Die Leute gehen in die Vereinigten Staaten, weil sie dort riesige Gehälter bekommen und eine tolle Umgebung für Wissenschaftler“, sagt Gerhard Lakemeyer, Präsident der europäischen KI-Forschervereinigung Eur-AI. „Unternehmen wie Google verfügen über Rechenleistung und viele tolle Daten, die wir an den Unis schlicht nicht haben.“ Matthias Bethge, Neurowissenschaftler in Tübingen, bekräftigt: „Wir sind überrascht worden davon, wie sehr ein Unternehmen wie Google seinen Forschern echte Grundlagenarbeit inklusive freier Publikation der Ergebnisse ermöglicht.“

An Vorschlägen, dem zu begegnen, mangelt es nicht. In Europa gibt es verschiedene Initiativen, Informatiker Lakemeyer schlägt ein „Cern für KI“ vor und bezieht sich damit auf die entsprechende erfolgreiche Forschungseinrichtung in der Schweiz für Kernphysiker, an der viele Länder beteiligt sind. Jürgen Schmidhuber, einer der Pioniere auf dem Feld der künstlichen neuronalen Netze, ist durchaus zuversichtlich für Deutschland und Europa. „Der europäische Raum hätte vielen Ländern gegenüber zahlreiche Standortvorteile durch führende Experten im Bereich KI sowie herausragende Industrien mit großer KI-Zukunft“, urteilt er. Und nennt als ein Problem hierzulande, dass es zwar reicht einfach sei, in Deutschland eine Firma zu gründen. „Aber in Amerika und China ist es leichter, Firmen schnell zu skalieren.“

Tyrannei des Schmetterlings

Die Umbrüche gerade innerhalb der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt durch Künstliche Intelligenz sagen Fachleute schon ziemlich konkret voraus. Und warnen auch vor Illusionen oder darauf zu hoffen, dass es vielleicht doch nicht so kommt. „Ich glaube, dass wir mit Künstlicher Intelligenz in der Lage sein werden, quasi alle repetitive Arbeit den Computern zu überlassen“, so der KI-Fachmann Sebastian Thrun, der einst Googles Mythen umwobenes „Project X“ aufbaute. „Da auch hochbezahlte Angestellte wie Anwälte oder Doktoren großenteils repetitiv arbeiten, kann ich mir vorstellen, dass sich die Arbeitswelt auch für solch hochbezahlte Personen in den nächsten Jahrzehnten gewaltig ändern wird.“ Dabei sei übrigens keineswegs ausgemacht, dass viele Stellen einfach wegfallen und diese Aufgaben komplett von Computern übernommen werden. Intelligente Maschinen könnten den Menschen vielfach auch ergänzen, und Menschen müssten lernen, wie das geht.

Was wiederum auch keine neue Herausforderung wäre: Mit viel Technik erledigen sie ihre Arbeit heute schon. In der Freizeit haben sie das Smartphone als leistungsstarken Allzweckcomputer ständig dabei, quasi als künstliche Rechen- und Speichererweiterung ihres Gehirns und Kommunikationsvehikel mit dem Rest der Welt. Der britische Kybernetiker Kevin Warwick sieht das sogar als die wesentliche Chance, die hinter Künstlicher Intelligenz steckt. Wenn er darüber spricht, geht es nicht um Google, Facebook oder Amazon, sondern um die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Er hat das am eigenen Körper ausprobiert und gilt als erster Mensch, der sein zentrales Nervensystem mit dem Internet verbinden ließ. „Ich finde die gegenwärtige Debatte um Künstliche Intelligenz viel zu eng gefasst“, sagt er. Wer mit ihm spricht, denkt ganz neu darüber nach, was die Wörter „künstlich“ und „Intelligenz“ eigentlich bedeuten. Frank Schätzing hat diesen Gedankengang unglaublich gelungen in seinem neuen Roman „Tyrannei des Schmetterlings“ zugelassen. „Was bist du“, fragt darin Marianne Hatherley, die abgeklärte langjährige forensische Pathologin des FBI. „Ein Mensch“, antwortet Zoe. „Und was ist dann dein Körper?“ – „Metall, Schaltkreise, Silikon, synthetische Haut und Muskeln aus meinen Stammzellen.“ – „Blutest du?“ – „Ungern. Es zeigt mir am deutlichsten, was ich nicht mehr bin.“

Der gerade 95 Jahre alt gewordene frühere amerikanische Außenminister Henry Kissinger spannte gerade den ganz großen historischen Bogen. Er warnte im Magazin „The Atlantic“ in einem brisanten Aufsatz mit der dramatischen Überschrift „Das Ende der Aufklärung“ vor den Folgen immer schlauerer Software: Bislang sei die veränderungsstärkste technische Erfindung die Druckerpresse gewesen, in deren Folge Vernunft zunehmend an die Stelle der Religion und wissenschaftliche Erkenntnis und persönlicher Sachverstand an den Platz von Schicksalsgläubigkeit getreten seien. Immer kompetentere Computer werden seiner Ansicht nach eine noch folgenschwerere Umwälzung auslösen. Für denkbar hält er eine Welt, die auf Maschinen basiert, die von Daten und Algorithmen angetrieben wird und unregiert ist von ethischen oder philosophischen Normen. „Individuen werden zu Daten, und Daten werden beherrschend.“ Dann fragt er: „Was geschieht, wenn Künstliche Intelligenz den Menschen übersteigt (...) und Gesellschaften nicht länger in der Lage sind, die Welt, die sie bewohnen, in einer Art und Weise zu interpretieren, die bedeutungsvoll für sie ist?“

Wirklich beantworten kann diese Frage niemand. Möglich ist vieles, Dystopien sind bekanntlich – zumindest mit Blick auf die Menschheitsgeschichte – nicht die einzige mögliche Weiterentwicklung. In jedem Fall läuft gerade eine spannende Entwicklung, die das Potential hat, das Leben insgesamt zu verändern. „Ich beneide Sie um die Welt, in die Sie fliegen“, sagt Lily Sloane im Star-Trek-Kinofilm „Der erste Kontakt“ zum Raumschiff-Captain Jean-Luc Picard, der mit der Enterprise zurück ins 24. Jahrhundert fliegt, nachdem er die Borg doch noch besiegt hat. Der antwortet ihr: „Ich beneide Sie um diese ersten Schritte in eine neue Zeit.“

Quelle: F.A.Z.
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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