„Crowdworking“

Tschüss Büro

Von Corinna Budras
© WILDLIFE/M.Harvey, F.A.S.

Wenn es intern nicht mehr weitergeht, sucht man Hilfe von außen. Das sieht selbst der Luftfahrt- und Rüstungskonzern Airbus so, sonst wegen des delikaten Geschäftsfelds eher für Diskretion bekannt. Aber im vergangenen Jahr hat der Konzern ein Projekt in die ganze Welt herausposaunt, zusammen mit einem kleinen agilen Unternehmen namens Local Motors.

Sie schrieben einen Auftrag aus, einen „co-creation challenge“: Designer, Ingenieure, Kreative aus der ganzen Welt konnten sich mit Vorschlägen melden, wie die moderne kommerzielle Drohne der Zukunft aussehen könnte. Insgesamt 117000 Dollar waren als Preisgeld ausgelobt. Local Motors kennt sich aus mit solchen Ausschreibungen: Kurz zuvor hatten die Amerikaner das Verfahren schon für ein elektrisches Auto ausprobiert und waren so an „amazing ideas“ gekommen, die im 3D-Druckverfahren umgesetzt wurden. Innovativer geht es nicht.

Das ist sie, die neue Arbeitswelt. Früher gab es Outsourcing, die Verlagerung von Unternehmensteilen nach Osteuropa oder Asien. Heute gibt es „Crowdsourcing“, oft auch „Crowdworking“ oder „Gig-Economy“ genannt, die Verlagerung von Arbeit auf Menschen in der ganzen Welt. Wo diese Menschen sitzen, ob auf Bali oder in Bonn, ist völlig egal. Wichtig ist nur, dass sie die Arbeit erledigen.

Das Internet macht es möglich: Dort sind in den vergangenen Jahren Hunderte von Arbeitsvermittlungsplattformen entstanden, die Auftraggeber und Auftragnehmer so geschmeidig zusammenbringen wie nie zuvor. Ob Softwaretests, Produktdesign oder Videoschnitt – Privatpersonen können jetzt Aufgaben erledigen, für die früher eine professionelle Infrastruktur nötig war. Seien es kleine, einfache Tätigkeiten, die jeweils nur mit einigen Euro vergütet werden, oder große, umwälzende Programmierprojekte, für die es Tausende von Euro gibt.

Die Grenzen der Unternehmen lösen sich langsam auf

Von einem „Heer digitaler Nomaden“ ist seit einiger Zeit die Rede: Bemitleidenswerte Kreaturen, die sich mit vielen kleinen Aufträgen ohne soziale Absicherung nur mühsam über Wasser halten und deren einzige Freude darin liegt, dass sie ihre anspruchslose Arbeit vom thailändischen Strand aus erledigen können. Die Ungezwungenheit, das schwingt dabei mit, ist nur vorgetäuscht, auch hier ist die Kontrolle allgegenwärtig, über Screenshots oder die Messung der Tastenanschläge. Skeptiker warnen sogar vor einer „neuen Form des Taylorismus“: Umfangreiche Tätigkeiten werden in viele kleine Aufgaben zerlegt und wie Brotkrumen an die Masse der Tagelöhner verteilt.

Doch Crowdsourcing ist längst mehr als das. Der durchschnittliche Crowdworker in Deutschland ist 36 Jahre alt und überdurchschnittlich gebildet. Etwa jeder zweite hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Das heißt, die können was. Und viel wichtiger: Sie wollen sich nicht unterordnen.

Airbus, Adidas, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Volkswagen – es gibt kaum einen großen Konzern, der sich nicht Hilfe vom kreativen Mob da draußen holt. Für inspirierende Designs, für „die Filiale der Zukunft“, für ein freundlicheres Image. Entsprechend umgarnt werden die Crowdworker. Manche Manager aus den Konzernen schwärmen in den höchsten Tönen von deren kreativem Potential, als wäre die eigene Belegschaft nur das ausführende Organ, während die Hippen da draußen den Produkten erst den entscheidenden Schliff geben.

Das kann bitter sein für die Angestellten, die ihre Austauschbarkeit vorgeführt bekommen. Die Diagnose trifft im Kern aber die Unternehmen selbst: Zu schwerfällig sind offenbar ihre Organisationsstrukturen, zu starr die Hierarchien, um aus eigener Kraft Innovation schaffen zu können. Deshalb müssen die Ideen von außen kommen, eben durch „co-creation challenges“. So lösen sich die Grenzen der Unternehmen langsam auf.

Input der Netzgemeinde ist subtiler, ungefährlicher und unverbindlicher

„Die Geschwindigkeit, in der sich die Welt ändert, hat brutal zugenommen“, sagt Bastian Unterberg, der Gründer einer Plattform für Kreative, Jovoto genannt. Kunden wollen deshalb von solchen Plattformen immer häufiger das, was eigentlich Managementberatungsfirmen anbieten. So war das zwar niemals gedacht, aber irgendwie ist ja auch etwas dran: Innovationen hat man sich auch früher schon von außen geholt, von den McKinseys dieser Welt, die in Mannschaftsstärke durch die Etagen pflügten, bis kein Stein mehr auf dem anderen war.

Der Input der Netzgemeinde ist subtiler, ungefährlicher und unverbindlicher. In der Beschäftigung der jungen Wilden kann man auch eine gewisse Ironie erkennen: „Diejenigen, die einst aus diesen Unternehmen geflohen sind, werden jetzt wieder eingebunden – aber auf eine ganz andere, selbstbestimmte Art“, sagt der Organisationsforscher Ayad Al-Ani, der am Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin arbeitet. „Das ist eine bemerkenswerte Fähigkeit des Kapitalismus.“

Bemerkenswert ist außerdem, dass sich sogar die Gewerkschaften mit dieser Art des Arbeitens angefreundet haben. „In den vergangenen Jahren ist der Markt wesentlich professioneller geworden“, sagt Robert Fuß von der IG Metall. Und professioneller bedeutet: anspruchsvollere Tätigkeiten, weniger Ausbeutung. Den Plattformbetreibern dämmert schon seit längerem, dass sie nicht nur die Unternehmen bei Laune halten müssen, sondern auch das Heer der Auftragnehmer, die die Arbeit erledigen sollen. Auf Drängen der IG Metall haben deshalb jetzt einige Plattformen einen „Verhaltenskodex“ unterschrieben, in dem sie versprechen, dass sie sich an dem „lokalen Lohnstandard“ orientieren. Auflagen zum gesetzlichen Mindestlohn sind Standard, manchmal geht es auch darüber hinaus.

Viele „Microjobs“ würde es ohne Digitalisierung nicht geben

Robert Fuß, der Gewerkschafter, hat auch deshalb seinen Frieden mit dieser neuen Form des Arbeitens geschlossen, weil er bisher keinen einzige Fall kennengelernt hat, in dem eine sozialversicherungspflichtige Arbeit verdrängt worden wäre. Bisher jedenfalls. Wenn man einmal vom Fahrdienstvermittler Uber absieht, einem klassischen Fall von Ersetzung, der sich wegen der strengen deutschen Regulierung allerdings ausschließlich jenseits unserer Landesgrenzen abspielt. In New York ist das typische Gelb der Taxis inzwischen wesentlich seltener zu sehen, stattdessen fahren nun unzählige Uber-Fahrer in ihren privaten Autos Fahrgäste umher.

Bisher erledigen viele Crowdworker vornehmlich Arbeiten, die auch früher oft nach außen gegeben wurden: Designer, Architekten oder Programmierer arbeiten seit jeher eigenständig. Nur kommen sie jetzt leichter an Projekte, für die sie sich bewerben können. Die Kehrseite allerdings ist: Auch alle anderen kommen an diese Angebote, der Wettbewerb ist härter geworden. Und Geld trägt, wie beim Airbus-Auftrag, nur der Sieger nach Hause.

Aber es sind auch ganz neue Tätigkeiten hinzugekommen. Viele „Microjobs“ würde es ohne Digitalisierung nicht geben, sie waren früher viel zu aufwendig: Straßenschilder für den Navigationsgerätehersteller Tom Tom fotografieren, im Supermarkt um die Ecke für einen Schokoladenkonzern die aktuelle Werbeaktionen überprüfen – dafür gibt es Geld. Jeder, der ein Smartphone bei der Hand hat, kann das leicht übernehmen.

Sanfte Befreiung aus der Umklammerung eines festen Arbeitsvertrags

So unterschiedlich die Tätigkeiten, so unterschiedlich ist auch die Bezahlung: Sie reicht von deutlich unter 10 Euro die Stunde bis zu 70 Euro die Stunde für anspruchsvolle IT-Dienstleistungen, wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung im vergangenen Jahr ergab. Ein einzelner Auftrag bringt mal drei, mal 2500 Euro. Den Spitzenverdienern unter den Crowdworkern gelingt es sogar, 10000 Euro im Monat zu verdienen. Doch für die allermeisten, rund 80 Prozent, geht es eher um einen Nebendienst.

Hinter diesen Zahlen könnte ein größerer gesellschaftlicher Trend liegen: die sanfte Befreiung aus der Umklammerung eines festen Arbeitsvertrags, den manche mit einem beschwerlichen Büroalltag verbinden. „Wir sehen gerade eine Verlagerung vom Angestellten zum Selbständigen“, sagt Jovoto-Gründer Unterberg. „Jovoto ist dafür der Katalysator.“ Und er fragt ganz unbedarft: „Kann diese neue Art zu arbeiten nicht auch ein Befreiungsschlag für die ganze Gesellschaft sein?“

Dafür müsste ein Problem allerdings noch gelöst werden: die fehlende Absicherung im Alter. In Deutschland gibt es mehr als zwei Millionen Solo-Selbständige. Viele von ihnen rutschen womöglich in die Altersarmut, weil sie nicht vorsorgen. Was passiert, wenn sich der Rest der Gesellschaft künftig auch um diese digitalen Freiberufler kümmern muss?

Arbeiten können, wann, was und wie man will

Stephan Gerhard, 54 Jahre alt, ist einer der wenigen, die ihren Lebensunterhalt komplett als Crowdworker bestreiten, nicht von Bali in Südostasien aus, sondern aus Bonn. Vorher hat er für einen Bankenverband gearbeitet, dann für ein großes Logistikunternehmen. Schon seit vier Jahren schreibt er Texte über Finanzen oder Versicherungen. Als Befreiungsschlag war das nicht gedacht, eher als Selbsttherapie nach einer persönlichen Krise. Für wen er die Texte schreibt, ob für einzelne Anbieter oder Vergleichsportale, davon hat Gerhard allenfalls eine leichte Ahnung.

Denn die Auftraggeber haben auf der Plattform keinen Namen, sondern einen Code. Gerhard stört das nicht. Die Plattform stellt für ihn sicher, dass er sein Honorar bekommen wird. 2000 Euro brutto im Monat verdient er so, bei einer geschätzten 40 Stunden-Woche. Das ist nicht besonders viel, hat für ihn aber einen unschlagbaren Vorteil: die Freiheit, arbeiten zu können, wann er will, was er will und wie er will. „Selbstbestimmtes Arbeiten ist ein Wert an sich“, sagt Stephan Gerhard.

Sieht so die Zukunft der Arbeit aus? Für viele Menschen dürfte das der Fall sein. Darin sind sich die Fachleute einig, in den Konzernetagen und in den Startups genauso wie in der Gewerkschaft. „Hier treffen zwei Megatrends aufeinander“, sagt Robert Fuß von der IG Metall. „Die Digitalisierung und die Managementstrategie, Risiken auf andere abzuwälzen. Da steckt viel Dynamik drin.“

Quelle: F.A.S.
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