G-7-Treffen

Bringen Trumps Konflikte den Rest der Welt näher zusammen?

Von Alexander Armbruster
 - 13:18

Wo Larry Kudlow recht hat, da hat er recht. „Multilaterale internationale Organisationen werden nicht die amerikanische Politik bestimmen“, sagte der oberste Wirtschaftsberater des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gerade während einer Pressekonferenz in Washington – und antwortete damit auf die Frage, ob die Vereinigten Staaten denn Urteile der Welthandelsorganisation (WTO) akzeptieren würden. Kudlows Kommentar sorgte für Schlagzeilen, dabei ist seine in die Zukunft gerichtete Formulierung eigentlich nur die nüchterne Beschreibung einer jahrzehntelangen Tatsache. Die Vereinigten Staaten ließen und lassen sich weder von den Vereinten Nationen oder dessen Strafgerichtshof vorschreiben, welche Kriege sie führen wollen, noch vom Internationalen Währungsfonds, welche Steuern sie erheben sollen – und eben auch nicht von der WTO, welche Zölle sie verlangen wollen.

Das mag mancher bedauern, schlimm finden oder damit hadern, doch der Grund dafür ist ganz einfach: Die Vereinigten Staaten sind die führende Wirtschafts- und Militärmacht der Welt und zwar nicht erst seit heute, sondern mit Blick auf die westlichen Industrieländer schon vollumfänglich spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Industrieländer sind damit überwiegend gut gefahren

Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank wurden nicht zufällig während einer Konferenz in der amerikanischen Stadt Bretton Woods im Jahr 1944 aus der Taufe gehoben, der Dollar nicht aus einer fröhlichen Laune heraus zur Ankerwährung des globalen Finanzsystems und die amerikanische Zentralbank zu dessen wichtigstem Wächter. Was der multilaterale Internationale Währungsfonds für richtig erachtet und anderen Ländern empfahl, war (und ist es noch immer) ziemlich deckungsgleich mit den Ideen, die sich die Fachleute seines größten und stimmgewichtigsten Anteilseigners im Weißen Haus, im amerikanischen Finanzministerium und in der Notenbank ausdenken.

Die westlichen Industrieländer, gerade auch Deutschland, sind damit bislang überwiegend gut gefahren. Reibereien gab es immer wieder, Kritik daran, angeblich zu sehr auf Exportüberschüsse und zu wenig auf inländische Nachfrage zu setzen, mussten und müssen sich nicht erst die deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble und nun Olaf Scholz von ihren Washingtoner Widerparts anhören. Sondern beispielsweise auch schon der verstorbene ehemalige Kassenwart Gerhard Stoltenberg in den achtziger Jahren von seinem amerikanischen Kollegen James Baker.

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Vor G7-GipfelTrump bleibt im Handelsstreit eisern

Gute Dienste hat dieses System bekanntlich gerade auch den Vereinigten Staaten erwiesen. Das Land hat seinen Wohlstand erheblich gemehrt über die Jahrzehnte. Die Amerikaner haben sich von der Finanzkrise erholt (schneller als andere) und alleine in den vergangenen zehn Jahren wuchs die amerikanische Jahreswirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) um die Größenordnung Deutschlands; die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken, die Inflation niedrig, viele Unternehmen melden Milliardengewinne.

Dass es nicht jedem einzelnen Amerikaner gut geht, auch das stimmt. Dass es eine womöglich zu große Kluft gibt mittlerweile zwischen gutsituierten Amerikanern in prosperierenden Großstädten und stagnierenden Möglichkeiten in vielen ländlichen Regionen, gestehen Fachleute über Parteigrenzen hinweg zu – daran kann dieses reiche Land etwas ändern, zumindest fehlt es ihm nicht an den Mitteln.

Interessant ist nun, dass gerade die Führung in Washington an diesen Strukturen zu rütteln scheint. Allen voran droht der Präsident selbst engen und weniger engen Verbündeten alles mögliche an, vor allem Zölle. Einige hat er schon auf den Weg gebracht, beispielsweise auf Stahl, Aluminium, Waschmaschinen und Solarzellen. Er lässt untersuchen, ob Einfuhren ausländischer Autos die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährden. Am meisten Verständnis bringen auch Ökonomen noch seiner Kritik an China entgegen, der mittlerweile zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Jener wirft Trump den Diebstahl geistigen Eigentums vor, ebenso wie die strengen Vorschriften für ausländische Unternehmen im Reich der Mitte.

Wenig bis kein Verständnis besteht hingegen in der Kritik etwa an europäischen Ländern, Japan oder Südkorea und was an deren Verhalten „unfair“ sein soll gegenüber Amerika. Wenig erstaunlich ist denn auch, dass in Paris, London, Berlin oder Toronto die gewachsene Konfrontation nicht bloß als „Familienstreit“ abgetan wird, wie das Trumps Wirtschaftsberater Kudlow nun darstellte. Auf dem G-7-Treffen an diesem Wochenende wird das zur Sprache kommen. Der französische Präsident Emmanuel Macron droht offenbar schon damit, eine gemeinsame Abschlusserklärung nicht zu unterschreiben, wenn es in Handelsfragen und auch im Streit um das Iran-Abkommen keine Annäherung gebe.

Darüber hinaus haben Deutschland, Frankreich, Italien und das Vereinigte Königreich bereits konkret auf die Stahlzölle reagiert – die EU-Kommission hat nun angekündigt, ab dem 1. Juli eigene neue Zölle auf amerikanische Produkte zu erheben. Sie verhalten sich damit nahezu nach dem Wirtschaftslehrbuch: Das rät dazu, auf solche Maßnahmen zeitnah mit ungefähr ähnlichen zu reagieren, zumal wenn eine große Volkswirtschaft sie beschließt.

Bringt Trump den Rest der Welt näher zusammen?

Aus einer Umfrage des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts unter 913 Volkswirten in 120 Ländern zu Trumps Politik geht außerdem die Empfehlung hervor, die Handelszusammenarbeit mit anderen Ländern auszuweiten. Was wiederum eine bemerkenswerte Pointe wäre: Bringen Trumps Handelskonflikte am Ende den Rest der Welt näher zusammen?

Eine Aussage von Kudlow stimmt nämlich so nicht: Das Welthandelssystem ist nicht kaputt, zumindest mit Blick auf die Handelsstatistik. Monat für Monat werden Waren für unzählige Milliarden Dollar rund um den Globus gekauft und verkauft, Tendenz steigend. Das hat sich nicht geändert in den vergangenen Jahren, abgesehen von einem vorübergehenden Einbruch wegen der Finanzkrise. Was sich vielmehr geändert hat, ist das Gewicht bestimmter Teilnehmer. Allen voran Chinas. Damit müssen alle lernen umzugehen, denn sonderlich überraschend ist es schließlich nicht, dass die Bedeutung eines sich weiter entwickelnden Landes steigt, in dem dreimal so viele Menschen leben wie in Amerika. Und wie anders sollten sich Streitigkeiten eigentlich klären lassen als in Gesprächen, in welche die wichtigsten Akteure eingebunden sind?

Quelle: FAZ.NET
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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